NZZ Folio 04/08 - Thema: Die Sinne   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Sinneslust

© Hansjörg Egger, Uster
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Von Anja Jardine

Der Kuss ist die Königsdisziplin. Sofern wir die Augen nicht schliessen, kommen alle Sinne zum Einsatz: Wir riechen, schmecken, sehen, hören und fühlen. Allein der Tastsinn hat eine ganze Armee von Sensoren für Druck, Temperatur, Feuchtigkeit und Bewegung in den Lippen stationiert; eine vergleichbare Dichte findet sich nur in den Fingerkuppen und erogenen Zonen. Dabei berühren Lippen fremde Lippen durchaus nicht nur zum Vergnügen: Wir prüfen das Genmaterial des Geküssten, betreiben Beziehungspflege, leiten den Akt der Fortpflanzung ein. Puls und Blutdruck steigen, die Pupillen weiten sich, der Atem wird heftiger. Ganz nebenbei berauschen wir uns an körpereigenen Drogen, und das Beste ist: rationale Gedanken verstummen. «Kisses are a better fate than wisdom», sagte der amerikanische Poet E. E. Cummings. Und warum sind Küsse ein besseres Schicksal als Weisheit? Um es grob zu vereinfachen: Wer küsst, hadert nicht mit dem Sinn des Lebens. Er hat ihn gefunden. Zumindest für diesen Moment.

Unsere Sinne sind Werkzeuge der Lebenslust. Nicht zuletzt deswegen hat die abendländisch-christliche Kultur sie jahrhundertelang verdammt. Aber sie sind auch unsere unermüdlichen Handlanger, unsere persönliche Wachmannschaft – auf Patrouille selbst dann, wenn wir schlafen. Sie erlauben uns, auf Autopilot zu schalten und dennoch so geschmeidig zu agieren, wie es kein Roboter je wird tun können. Und das, ohne unser Bewusstsein zu behelligen. Ein Grossteil aller Informationen, die wir aufnehmen, versinken ohne Umwege in den Tiefen des Unbewussten. Die Datenerfassung hat bereits im Mutterleib begonnen, und zudem sind dort Urerfahrungen der Menschheit archiviert. Das Unbewusste lenkt uns aus dem Off, kommentiert alles, was wir erleben. Wir riechen den Duft einer Zimtschnecke, und ein Wintertag aus vermeintlich verschüttgegangenen Sedimentschichten der Kindheit entfaltet sich vor dem inneren Auge. Es genügen die ersten Akkorde eines Liedes, und eine erloschene Liebe schnürt einem die Kehle zu. Unsere Sinne sind der direkte Draht zur Welt. Und zu uns selbst.

Je mehr wir sie nutzen, desto feiner werden sie. Und je feiner sie sind, desto genussvoller der Lebensverbrauch. Dabei geht es nicht um die blinde Befriedigung jeder Sinneslust, sondern um ihre Wahrnehmung. Um eine erotische Beziehung zur Welt. Den Kuss als Option immer vor Augen.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Sinneslust - NZZ-Folio Die Sinne (04/08)

EINFACH EIN GROSSARTIGES HEFT! Vom Typ her bin ich wohl eher ein "Tagi"-Leser; aber mit der Aprilausgabe von NZZ Folio hat Ihre Redation wieder einmal glänzend bewiesen, dass sie zur absoluten journalistischen Weltspitze gehört. Abgesehen von der erlesenen thematischen Zusammenstellung, ist Ihnen diesmal auch in der stilistischen Aufbereitung ein Volltreffer gelungen: bei der Lektüre wechselten sich stummes Staunen, Gänsehaut-Attacken, erheitertes Schmunzeln und herzhaftes Draufloslachen laufend ab. Vielen Dank - und beschenken Sie Ihre Leserschaft auch weiterhin so reichlich!
Daniel Johannsen, Wien



Zu Editorial -- Sinneslust - NZZ-Folio Die Sinne (04/08)

Es ist schade, dass Sie in Ihrer Nummer nicht auf die Synästhesie, die unwillkürliche Verdopplung von Sinnesempfindungen, eingegangen sind. Ich zum Beispiel sehe alle Töne und Geräusche vor dem inneren Auge farbig, was mich zum begeisterten Musikfreund hat werden lassen. Erst durch einen Artikel der NZZ in den 1990er Jahren wurde mir bewusst, dass das nicht bei allen Menschen so ist, dass aber immerhin über fünf Prozent der Menschen in dieser oder einer anderen Art Synästhetiker sind.
Rene Winzeler, Zürich



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