Vielleicht gilt für Schönheit wie für Energie ein Gesetz der Erhaltung: Einmal in der Welt, gerät sie in einen Kreislauf, bis sie am Ende zu diffuser ästhetischer Wärme wird. Der Dirigent Thomas Beecham (1879–1961) soll, als man ihm die Post ans Krankenbett brachte, gefragt haben: «Etwas von Mozart dabei?» Hätte er bis in die 1980er gelebt, hätte man antworten können: «Nein, Sir, aber seine Erben aus dem Niedrigtemperaturbereich, Abba und Elton John, wünschen gute Besserung.»
Was ist vom Knabenwunder geblieben? Unter anderem eben die Dominanz der Quinte, jenes handbreite Intervall, das den Kern dessen ausmacht, was wir klassische Musik nennen. Nehmen wir einmal an, die Quinte sei eine prästabilierte, mathematisch beglückende Proportion. Für Leute wie mich, die überzeugt sind, dass wir molekulare Schwingungen riechen können, stellt sich dann eine inter essante Frage: Gibt es molekulare Harmo niegesetze? Intervalle, die sich für die Nase besonders schön anhören? Die Oktave scheidet aus: Gerüche wiederholen sich nicht, wenn man ihre Frequenz verdoppelt. Die Quinte hingegen …
Letztens liess ich eine Computertomographie meines Gehirns machen, die keine grössere Unregelmässigkeit zutage förderte, trotzdem bin ich seit je der Überzeugung, dass Mozarts leichtere Stücke fruchtig sind und dass umgekehrt Obst, besonders Fruchtsalat, einen wesentlich mozartischen Geruch hat. Dafür gibt es einen plausiblen Grund: Die Frequenzen von Estern und Lactonen, den beiden Molekülstrukturen, die für 90 Prozent der fruchtigen Gerüche verantwortlich sind, stehen beinahe im Verhältnis einer reinen Quinte. Diese Idee wird auf der Grenze zwischen Spekulation und Phantasie angesiedelt bleiben, solange wir nicht wirklich verstehen, wie unser Geruchssinn funktioniert.
Parfumeure stehen übermässig fruchtigen Düften in der Regel reserviert gegenüber, weil sie kommerzielle Flops sind (die wenigsten Frauen duften gern wie eingemachtes Obst). Daher fügen sie ihren Kompositionen den Hauch unterschiedlicher Ester bei. So sind es die Salicylate, die dem ursprünglichen Je Re viens (vergessen Sie die moderne Version) seine mysteriöse grüne Glut verleihen.
Octincarbonate sorgen für die pfeffrige Note von Parfums wie Diors Fahrenheit. Der grossartigste Zusatz ist Firmenichs Hedion, ein Molekül, das aus der modernen Parfumerie nicht mehr wegzudenken ist. Er wurde zum ersten Mal in geringen Mengen in Eau Sauvage benutzt und kommt inzwischen in gut der Hälfte aller floralen Parfums zum Einsatz.
Es gibt jedoch einen Duft, der alle Vorsicht in den Wind schlägt und jede Quinte nutzt, die das Orchester eines Parfumeurs zu bieten hat: Mit Jacomos Paradox blue for women, meinem floralen Lieblingsparfum, kommen Sie Mozart so nahe, wie es ohne Ohren überhaupt möglich ist.