NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Der blinde Fleck der Parfumeure

© Fabienne Boldt
Linktext
Von Luca Turin
Als die ersten Übersetzungsprogramme im Internet herauskamen, vergnügte ich mich mit einem kleinen Experiment. Ich liess einen Text zwanzig Mal vom Englischen ins Französische und wieder zurück übersetzen. Ich wollte sehen, ob der Prozess auf eine Einheitsversion hinauslief, ob er den Text nach und nach bis zur Unkenntlichkeit entstellte oder ob er in experimentelle Literatur explodierte. Meist lief es auf eine Einheitsversion hinaus. Man kennt diese Art schwindelerregender Texte aus Gebrauchsanweisungen für litauische Laser oder chinesische Saftpressen: faktisch präzise und dennoch auf undefinierbare Weise verquer.

Ähnliches scheint sich in der Parfumerie abzuspielen. Heute finden Parfumeure am Morgen auf ihrem Schreibtisch einen Stapel von Gaschromatographien vor. Meist handelt es sich um Molekül für Molekül durchgeführte Analysen von erfolgreichen Parfums. Mit diesen Daten ist es ein Leichtes, einen Akkord auszuschneiden und in eine neue Komposition einzufügen, die von Fertigbausteinen ausgeht: der Kopf von Jennifer Lopez, die Schultern von Sarah Jessica Parker und die Tennisbeine von Britney Spears. Diese Permutationen werden ihrerseits wieder analysiert, neu zusammengefügt und auf den Markt gebracht – und so weiter.

Führt dieser Prozess zu einer Vereinheitlichung? Ich glaube, ja: Synthetische Parfums werden komplexer, weil jeder von den Tricks profitiert, die von anderen erfunden wurden. Das Vokabular weisser Blumendüfte beispielsweise läuft mittlerweile auf ein völlig abstraktes Bouquet hinaus, das ausschliesslich aus nicht­existierenden Blumenarten hergestellt wird. Die Abkömmlinge des Parfums Angel, ursprünglich das olfaktorische Äquivalent der Verwandlung von Mann zu Frau, riechen heute wie eine Horde von Leuten beim Stadtbummel am Samstagabend. Die Herrendüfte konvergieren auf einen Täter, der selbst seine Mutter bei der Gegenüberstellung nicht mehr identifiziert. Welche Macht könnte die Parfums davor bewahren, vollständig mit einem Genre zu verschmelzen?

Meine Freundin Calice Becker erklärte mir kürzlich, dass die Parfumeure der fünf grössten Firmen keinen Zugang zu den Kompositionen ihrer Kollegen haben und erst recht keine Gaschromatographien. Je grösser die Firma, desto grösser der blinde Fleck der dort tätigen Parfumeure, desto kreativer notgedrungen ihre Arbeit. Was den Gedanken nahelegt, dass das Heilmittel gegen den Originalitätsverlust in der Konsolidierung der fünf Grossen zu einem oder zwei Riesenkonzernen mit Tausenden von Parfumeuren liegt, die in völliger Unkenntnis über die Arbeit ihrer Kollegen gehalten werden. Nur durch Fusionen und Übernahmen ist die Parfumerie noch zu retten.

Luca Turins Parfumführer «Perfumes. The Guide» erscheint Ende Mai im Verlag Viking.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.


bild

Wer ist Luca Turin?

"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.

Buch kaufen

bild

Das neue Buch von Luca Turin

Was ist das Geheimnis des Geruchsinns? "The Secret of Scent" ist eine spannende Einführung von Luca Turin in die wundervolle Welt der Düfte.

Buch kaufen

Read Luca Turin in English

You can read the original versions of all of Luca Turins legendary columns here.
bild

Interview mit Luca Turin

NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).

DVD bestellen

bild

Der Parfumführer von Luca Turin.

Soeben ist im Viking-Verlag "Perfumes. The Guide" erschienen. Der NZZ-Folio-Duftkolumnist Luca Turin hat zusammen mit der Parfumkritikerin Tania Sanchez fast 1500 Parfums getestet und in pointierten Kurzkritiken beurteilt.

Buch kaufen