Wie kommt der Assoziationsteppich in die Salzlake? Dadurch, dass dem Leser allzu leicht einige der kostbaren Begriffe durcheinandergeraten, mit denen Werbesprüche für Bücher, Bilder und Käse ihn verwöhnen – nicht gerechnet die Kaffeemaschine, die alle «für den Espresso notwendigen Parameter beherrscht».
Was ist ein Parameter? Bei Kegelschnitten die Sehne, die die Hauptachse senkrecht schneidet; in der Wirtschaft die veränderliche Grösse, die einen ökonomischen Prozess beeinflusst; in der Technik das Mass für Aussagen über Aufbau und Leistungsfähigkeit eines Geräts – also auch einer Kaffeemaschine, schon richtig. Nur: Wie kann man Parameter «beherrschen»? Und wie gross ist die Schnittmenge zwischen Espressotrinkern und Experten für griechische Wortstämme? Auch Schraubenzieher haben Parameter – aber sie wissen es nicht; so wenig wie die meisten derer, die sie benutzen.
Was nun die «Assoziationsteppiche» angeht, so schweben sie durch eine Zürcher Galerie; laut Selbstdarstellung sind sie nämlich das, was «die Bildebenen wie auch das Bildpersonal» aus den Bildern eines zeitgenössischen Künstlers machen.
Klar! Freilich mit einem leichten Bedauern für Tizian, Rembrandt, Raffael: Lebten sie doch in einer Zeit, in der noch kein Wortkünstler sie je auf solche Teppiche gebettet hätte. Ist die Summe von Wortkunst und Malkunst am Ende konstant? Sollte sich also eine dieser Künste umso heftiger entfalten müssen, je mehr es an der andern fehlt?
Die Salzlake wiederum dringt nur mit «typischen Geschmacksfragmenten» in den Rotschmierkäse ein, den im Übrigen «die schönen Tannine im Abgang» kennzeichnen – die Käseorganisation Schweiz beschreibt es so.
Wir sollten solche Höhenflüge der Sprache nicht belächeln: Kunstkritiker und Werbetexter sehen sich nun einmal von Berufs wegen in der Pflicht, etwas zu sagen, auch wenn sie nichts zu sagen haben.
Dieser Pflicht gegenüber steht das Problem, etwas sagen zu wollen, was sich nicht sagen lässt, weil die Sprache uns die Wörter verweigert. Wie, zum Beispiel, liesse sich der Himmel der Seligen beschreiben, das Paradies? Paulus, Augustinus, ja Dante sind daran gescheitert: ein Reich der Jubelchöre, der Engelsglocken, der tanzenden Sonnen und der unnennbaren Seligkeit, so stellt es die «Göttliche Komödie» dar (was manchen verführen könnte, auf einem Assoziationsteppich von Pfeffer und Senf davonzufliegen). Und was haben wir dabei vom Paradies erfahren? Nichts.
Ähnlich schnell sind die Grenzen des Sagbaren erreicht, wenn wir vom Himmel auf die Erde niederschweben, ganz nach unten, wo die Kräuter wachsen: Wie riecht Dill? (Nur als Beispiel.) Erschnuppern können wir den Duft – ihn beschreiben nicht.
Welche Plage für die Werber, wenn sie versuchen müssen, unsere Nasen über die Duftnote eines neuen Parfums zu informieren! Ist sie cremig im Abgang? Repräsentiert sie eine blumig-exotische Duftpersönlichkeit?
Sagen wollen, aber es nicht können – nichts zu sagen haben, aber es müssen: Vor diesen beiden Problemen wenigstens scheint ein gerade in der Schweiz erschienenes Architekturbuch nicht zu stehen; Stein und Beton, Holz und Häuser müssten sich ja beschreiben lassen. Doch da erleben wir die beliebte Variante drei: Ja, ich könnte etwas sagen – aber ich will nicht.
Was demonstriert das Buch? «Die Bandbreite und Komplexität der Aufgabenstellung» (schon sind wir fasziniert – die von wo bis wohin reicht?): «von den funktionalen Anforderungen über ökonomische, ökologische, energetische und konstruktive Aspekte bis hin zu ästhetischen Anforderungen». Welche Anforderungen? Welche Aspekte? Erfahren haben wir nichts.
Dabei könnte Käse uns durchaus willkommen sein – falls es zum Beispiel Jeremias Gotthelf wäre, der ihn kredenzt. Neben den Käse stellt bei ihm die Bäuerin zum Frühstück «mächtige Züpfe, geflochten wie die Zöpfe der Weiber, schön braun und gelb». Die Weiber heissen heute Frauen, die meisten tragen keine Zöpfe mehr – aber rote Backen hat der Satz.