KAUM EIN KÖNIG oder Staatsmann, der sich nicht an ihm erlabte, keine Diva, die nicht an ihm nippte, kein Fest, an dem nicht die Korken knallten. Seit vielen Jahrhunderten ist der Champagner der Inbegriff des feudalen Savoir-vivre. Auch andere Weine schäumen, die festliche Aura des Champagners jedoch ist einzigartig - auch wenn es sich dabei nur allzuoft um mediokren Massensprudel handelt.
Ein wahrhaft exquisites (und auch um die 150 Franken teures) Gewächs ist dagegen der «Cristal» aus dem traditionsreichen Hause Roederer. Bereits der Anblick dieser Flasche ist besonders. Kristallklar und nicht grün wie üblich ist ihr Glas, und die Verantwortung dafür trägt kein Geringerer als Zar Alexander II. Er war es, der 1876 auf eine besondere Verpackung seines Lieblings-Champagners drängte. Über 600 000 Flaschen exportierte das Champagnerhaus damals jährlich nach Russland, doppelt soviel wie in die USA, und so war dieser Wunsch des Zaren auch den Franzosen Befehl.
Der Luxusrausch der russischen Oberschicht endete bekanntlich mit der russischen Revolution, die mit der Monarchie auch die kristallene Champagnerflasche wegspülte. Doch ein paar Jahrzehnte später, 1945, erinnerte sich Camille Olry Roederer an die «russische Vergangenheit» und liess den «Cristal» auferstehen: eine neue Prestigecuvée in durchsichtiger, aber nicht mehr so teurer Flasche und viel weniger süss dosiert als seinerzeit für den Zaren. Wurden damals einer Flasche 250 (!) Gramm Zucker beigesetzt, so sind es heute 12 Gramm - das Resultat ist ein ausgesprochen kräftiger «brut».
Selbstverständlich werden für den Cristal nur Trauben aus den besten Lagen verwendet, und wie die meisten Prestigecuvées ist dieser Champagner stets ein «Millésimé». Der Grundwein - je zur Hälfte Pinot noir und Chardonnay - stammt aus einem Jahr, und es muss schon ein gutes sein, damit überhaupt ein Cristal produziert wird.
Unsere Flasche trägt den Jahrgang 1993 und hat die Kellerei eben erst verlassen. Die Farbe des Champagners ist Blassgelb, die Bläschen sind klein und temperamentvoll. Stürmisch und dennoch zu Fäden geordnet, streben die Perlen in stetem Fluss an die Oberfläche. Das Bouquet, bei Schaumweinen gewöhnlich eher diskret, ist intensiv; wir riechen Hefe und grüne Äpfel. Schäumend zerplatzen die feinen Perlen auf der Zunge. Erfrischende Säure breitet sich aus, eine prickelnde Sensation, dass man, wie Truman Capote einmal schrieb, «nach einem Schluck nichts geschluckt zu haben meint, jedoch Dämpfe von der Zunge aufsteigen und alles zu feuchter, süsser Asche verbrennt».
Alles Weitere in der üblichen Degustatorensprache: Am Gaumen ist der Champagner voll und rund. Trockener Abgang mit einer deutlichen Note von Nüssen - eine Spezialität des Hauses, die davon herrührt, dass bei Roederer die sogenannten Reserveweine, die dem Champagner zur Abrundung beigegeben werden, nicht in Stahltanks, sondern in Eichenfässern gelagert werden.