Terror bringt den Krieg in die Städte. Der Bus, das Café und das Shoppingcenter sind die Front. Wenn Ronit Shani in ihr Lieblingscafé Tamar an der Tel Aviver Schenkinstrasse geht, hat sie die nächste Attacke bereits verinnerlicht. «Wo bin ich vor der Bombe am besten geschützt?» kalkuliert sie jedes Mal blitzschnell, bevor sie sich hinsetzt. Am liebsten placiert sich die Studentin im hinteren Teil des Lokals. Dort fühlt sie sich einigermassen gut aufgehoben. Ihre Kolleginnen schwören hingegen auf die Tische draussen auf der Strasse. Die Wucht der Explosion sei im Freien geringer, meinen sie. Wer recht behält in diesem Abwägen, bei dem es um Leben oder Tod gehen könnte, bleibt offen. Aber jeder rechnet mit dem Schlimmsten, und jeder hat sein ganz privates Rezept gegen die Bedrohung.
Die meisten überlegen sich auch im Bus genau, wo sie sich hinsetzen, wo ihre Überlebenschancen am grössten wären. Begehrt sind Sitze nahe den Türen und ganz hinten. Bei Wracks von Todesbussen, die auf dem Werkhof zu besichtigen sind, ist fast immer das Dach zerfetzt und die Fahrzeugmitte weggeblasen. Nur im hinteren Teil bleiben die Sitze in der Regel einigermassen unversehrt, und über der mittleren Türe prangt meistens ein gelber Aufkleber: «Vorsicht vor verdächtigen Objekten!»
Unterwegs ist man ständig auf der Hut. Wer in den Bus einsteigt, den mustern misstrauische Blicke. Was hat der Lange mit dem schwarzen Bart in seiner Tasche? Der Finstere dort, sieht der nicht zu allem entschlossen aus? Trägt der mit dem dunklen Teint nicht eine verdächtig weite Jacke? Die Spannung im Bus scheint greifbar. Ein plötzliches Schliessen der Fenster: die Fahrgäste springen entsetzt auf. Jemand lässt unbeabsichtigt einen Aktenkoffer fallen: man zuckt zusammen.
Israeli leben in ständiger Angst vor dem nächsten Anschlag – und das ist wenig verwunderlich. Seit dem Ausbruch der Intifada wurden mehr als 1000 Israeli getötet. Eine Statistik des Verteidigungsministeriums spricht von fast 900 Angriffen auf zivile Ziele seit September 2000. Innerhalb der vergangenen vier Jahre wurden rund 5000 Menschen verletzt, zum Teil so schwer, dass sie ein Leben lang invalid bleiben werden.
Hinter diesen Zahlen verbirgt sich grenzenloses Leid und Elend. So verfolgen die 25-jährige Ruth seit einem Anschlag in der Jerusalemer Innenstadt Angstträume. In kurzer Zeit hat die Verkäuferin vor ihrem Juweliergeschäft vier Attacken er- und überlebt. Einmal traf es sie fast tödlich, als eine Selbstmordattentäterin vor ihrem Geschäft eine Bombe zündete; drei Personen wurden ermordet, Dutzende verletzt. Danach liessen Ruth die Szenen des Grauens während Monaten nicht mehr los. Sie hat noch heute Angst, ihre Augen zu schliessen, weil sie dann von den schrecklichen Bildern, die sie gesehen hat, überwältigt wird: wie ein Stück menschliches Fleisch auf dem Boden liegt, wie der Boden von blutbedeckten Abfallstücken übersät ist. Gleich nach dem Anschlag schaute sie zunächst in die Luft, um den Horror nicht zu sehen. Doch weil sie immer wieder über Körper stolperte und mit den Helfern zusammenstiess, richtete sie ihre Augen auf den Boden, als sie evakuiert wurde.
Nach dem Erlebten dachte Ruth, sie werde verrückt. Ein verbrannter Mann erschien ihr tagsüber oder nachts, wenn sie die Augen schloss. Es war der Mann, der am Schaufenster vorbeigegangen war, eine Minute vor der Explosion. Der Bettler war auf der Strasse häufig zu sehen gewesen. Jetzt war sein Haar verbrannt, es stand aufrecht, von Asche und Staub bedeckt. Sein Gesicht war schwarz, seine Kleider zerrissen und angebrannt. Beim Einschlafen quälte sie wieder und wieder der Albtraum, dass ihr mit einer Schere die Lunge herausgetrennt und die Ohren abgeschnitten würden. Einige Stunden nach der Explosion begann sie zudem mit dem Kopf zu wippen. Sie konnte es nicht stoppen.
Viele zerstört der Terror psychisch. Bei einer Jerusalemer Bushaltestelle, wo vor zwei Jahren ein Selbstmordattentäter 1 9 Menschen tötete, treffen wir einen untersetzten Mann mit blauem Hemd und Sonnenbrille. Er umschleicht die Haltestelle, als würde eine unsichtbare Mauer ihn davon abhalten näher zu treten. Er stellt sich als Aaron El Kesslasli vor. Der 50-jährige Coiffeur hatte die Explosion in seiner Wohnung gehört – und teuflisch verfolgt ihn der Knall seither. Seine Tochter war an diesem Morgen unterwegs gewesen. Eine Stunde lang befürchtete er das Schlimmste. Ihr Mobiltelefon blieb stumm. Er versuchte sich damit zu beruhigen, dass nach jedem Anschlag das Netz zusammenbricht, weil in der Panik jeder jeden anruft. Als er seine Tochter schliesslich erreichte, glaubte er zunächst, sie spiele ihm ihr Wohlergehen nur vor und liege in Wahrheit schwer verletzt im Spital.
Es war der vierte Anschlag, den Aaron El Kesslasli aus nächster Nähe erlebte. Keine Statistik registriert ihn als «verletzt». Doch die Erlebnisse haben ihn traumatisiert, seelisch kaputtgemacht. Er leidet an stressbedingtem Haarausfall. «Schauen Sie sich das an», sagt der Coiffeur erregt und schiebt eine Perücke zur Seite, um seine Glatze zu zeigen. Dann reisst er die Hemdsärmel hoch: auch hier nur glatte Haut. Die ausgefallenen Augenbrauen zeichnet er mit brauner Schminke nach.
Seit Aaron El Kesslasli die zerfetzten Leiber auf der Strasse gesehen hat, verfolgt ihn die Angst. Er durchleidet schlaflose Nächte und musste sein Arbeitspensum reduzieren. Der vierfache Vater verdient nur noch einen Bruchteil seines früheren Einkommens. Zitternd öffnet er die Aktentasche und zeigt auf einen Wattebausch. «Damit stopfe ich mir die Ohren zu. Ich halte keinen Krach mehr aus, seit ich die Wucht einer Explosion gehört habe.»
Menschen wie Ruth und Aaron finden bei Natal Hilfe, dem Israeli Trauma Center for Victims of Terror and War. Rina, eine studierte Kriminologin, arbeitet als Freiwillige einen Tag pro Woche an der Hotline. Dort können die Menschen anrufen, die mit einem Terroranschlag nicht zurechtkommen. «Für viele sind wir die einzigen Gesprächspartner, denen sie sich öffnen können», sagt sie. In leichteren Fällen erklären Rina und ihre Kolleginnen den Hilfesuchenden, dass ihre Gefühle und Ängste normal seien für Menschen, die Schreckliches durchgemacht hätten. Bei anderen reicht die telefonische Beratung nicht; sie kommen in die Gruppentherapie und sind während Jahren auf professionelle Hilfe angewiesen.
Im Vergleich zu den beiden Vorjahren war 2004 relativ ruhig, weil 90 Prozent der versuchten Attentate laut Angaben der israelischen Armee verhindert werden konnten. Der Sicherheitszaun zeitige Wirkung, heisst es. Ausserdem ermögliche ein ausgedehntes Netz von Spitzeln in den palästinensischen Gebieten den Soldaten immer wieder, Attentäter rechtzeitig aufzugreifen. Dennoch geht den Psychologen von Natal die Arbeit nicht aus; denn oft kommen posttraumatische Störungen erst mit zeitlicher Verzögerung zum Vorschein.
Nicht selten werden die Therapieerfolge durch den Schock eines neuen Anschlags zunichte gemacht. Zum Beispiel bei einer Mutter, deren Sohn vor einer Tel Aviver Disco von einer Bombe lebensgefährlich verletzt worden war. Die Mutter litt unter Schuldgefühlen, weil sie ihren Sohn nicht mehr erkannt hatte, so grausig waren die Brandwunden in seinem Gesicht. Wochenlang verliess sie die Wohnung nicht. Allmählich besserte sich ihr Zustand, ihr Leben normalisierte sich. Schliesslich traute sie sich wieder ans Meer und zeigte sich an Familienfesten. Bis es im vergangenen Herbst zu einem neuen Terroranschlag kam: am Tel Aviver Carmelmarkt, wo ihr Mann arbeitet. Als sie am Radio von der Explosion erfuhr, erlitt sie einen Rückfall und sperrte sich wieder tagelang zu Hause ein. «Manchmal», sagt ihre psychologische Betreuerin Rina, «sind die Probleme so schwer, dass selbst die Experten davor fliehen.»
Jeder Anschlag in Jerusalem bedeutet für die Sozialarbeiterin Dorit Greenspan die Wiederholung der immergleichen und doch immer wieder aufwühlenden Situationen. Sie ist die erste Anlaufstelle für alle, die verzweifelt nach ihren Liebsten suchen. Sie macht ihren Job im Jerusalemer Hadassa-Ein-Karem-Spital seit 24 Jahren – «aber gewöhnen kann man sich an die herzzerreissenden Szenen nicht». Eltern, Kinder, Brüder, Grosseltern, Schwestern, Enkel kommen nach jedem Attentat mit Fotos vorbei, beschreiben Muttermale und spezielle Zahnstellungen, wiederholen beschwörend die Namen der Vermissten und suchen aufgelöst die Listen ab, auf denen die Verletzten geführt werden. Steht der Name nicht drauf, müssen die Angehörigen mit dem Schlimmsten rechnen. Dann verschafft nur eine Fahrt ins pathologische Institut Gewissheit. Die Identifikation ist schwierig, oft nur mit DNA-Tests möglich, so entstellt und verstümmelt sind die Körper. Manchmal fehlt eine Hand, manchmal das Gesicht. «Die Leichen kommen in einem schrecklichen Zustand zu uns», sagt Eli Lipstein, der seit 17 Jahren am Institut für Gerichtsmedizin Abu Kabir arbeitet. Die meisten seien völlig zerrissen, von einigen seien nur noch Gewebestücke übrig.
Das Hadassa-Ein-Karem-Spital hat in den vergangenen Jahren einen makabren Rekord aufgestellt: Es hat in Israel am meisten Opfer aufgenommen und die schlimmsten Verletzungen behandelt. Bei der Explosion von Bomben, die Selbstmordattentäter zünden, bohren sich Schrauben und Nägel in den Körper der Opfer, was besonders heikle und langwierige Operationen erfordert. Manchmal können die Neurochirurgen nicht einmal auf die Fachliteratur zurückgreifen, so schlimm sind die Verbrühungen, Verkohlungen und Wunden. Druckwellenverletzungen bei Kleinkindern zum Beispiel, die der Neurochirurg Ido Yativ nach einem Attentat auf einen Bus behandeln musste, kommen in den einschlägigen Nachschlagewerken nicht vor.
Nach jedem Anschlag rollen die Busse einen oder zwei Tage lang leer durch die Stadt. Dann schleicht sich nach und nach wieder die Routine ein. Alle Fahrer aber fragen sich, was sein wird, sollten sie zur Zielscheibe von Terroristen werden.
Manchmal wird einer zum Helden, indem er einen Anschlag verhindert, wie zum Beispiel Baruch Neuman. Er brachte einen Attentäter zu Fall, der mit fünf Kilo Sprengstoff und zehn Kilo Metallteilen den Bus besteigen wollte. Durch sein geistesgegenwärtiges Handeln rettete Neuman rund 30 Menschen das Leben. «Plötzlich hielt ich einen Terroristen leibhaftig in den Händen und versuchte, ihn vom Zünden der Selbstmordbombe so lange abzuhalten, wie Passagiere gefährdet waren», erinnert er sich. Neuman drückte den Terroristen auf den Asphalt und rannte selber erst davon, als alle in Sicherheit waren. «Der Terrorist stand auf, torkelte und jagte sich in die Luft.» Der Fahrer Baruch Neuman blieb zwar unversehrt – aber seither verfolgen ihn die Bilder des Schreckens: der Feuerball, der Kopf des Terroristen, der in hohem Bogen durch die Luft fliegt. Die Hände des Attentäters wurden 50 Meter vom Detonationsort entfernt gefunden.
Neuman ist nicht religiös. Aber er ist überzeugt, dass «Gott an jenem Tag Überstunden gemacht hat», um ihn und seine Passagiere vor dem Tod zu bewahren. Seither verstaut er in seiner Mappe Gebetsbücher, die er, sicher ist sicher, neben sich hinter der Fahrertür aufbewahrt.
«Wir sind eine posttraumatische Gesellschaft», sagt Daphna Canetti-Nisim vom National Security Studies Center der Universität Haifa. Jeder fünfte Israeli verlor in den vergangenen vier Jahren durch Terror ein Familienmitglied oder einen Freund, wie sie in einer repräsentativen Studie ermittelt hat. 1 5 Prozent der Bevölkerung waren Zeugen eines Terroranschlags oder haben gesehen, wie Leichen am Boden lagen und Verletzte vor Ort behandelt wurden. Und die ganze Nation kann den Horror stets am Bildschirm live miterleben: die blutigen Szenen, die in die Stube übertragen werden, die Verzweiflung, die Schreie, die Sirenen, das Wegtragen der Leichen in Säcken – Eindrücke, die schon fast zum Alltag gehören und die Menschen prägen. Israeli haben Schwierigkeiten, mit den Folgen der Intifada psychologisch fertig zu werden, sagen Sozialforscher. Fast 30 Prozent der Bevölkerung meiden Orte, Milieus oder Situationen, die sie an Terror erinnern. Die Post-Trauma-Symptome verschwinden bei den meisten erst nach Wochen oder gar Monaten. Andere kommen damit zeitlebens nicht zurecht.
Ihr Leben in ständiger Bedrohung verarbeiten Israeli ab und zu in makabren Sprüchen und mit schwarzem Humor. «Witze sind für uns wie das Pfeifen im Dunkeln. Sie sind ein Mittel gegen die Angst», sagt der israelische Politikwissenschafter Jitzhak Galnoor. Nach jeder Bluttat machen bittere, düstere und beklemmende Kalauer die Runde.
Noch war keine Viertelstunde seit dem Anschlag auf die koschere Schnellimbissbude Sbarro im Zentrum Jerusalems vergangen, bei dem im Sommer 2001 mehr als ein Dutzend Tote zu beklagen waren, da trieb schon der schwarze Humor seine Blüten: «Sbarro» habe das Koscherzertifikat verloren, weil durch die Explosion Fleisch und Milch vermischt worden seien. Den Anschlag auf die Tel Aviver Disco Dolphinarium, bei dem im Juni 2001 mehr als zwanzig junge Menschen ums Leben kamen, verarbeiteten Israeli noch in der Schreckensnacht mit der galligen Quizfrage: «Was ist der letzte Gang beim israelischen Abendmahl? Ein Drink aus dem ‹Dolphinarium›.» Nach einem besonders blutigen Anschlag auf einen Autobus hiess es zynisch, die Hamas sei wenigstens eine verlässliche Organisation: Sie übernehme stets und ungefragt die Verantwortung für ihre Scheusslichkeiten.
Witze, sagt der israelische Schriftsteller Joram Kaniuk, seien gegenüber dem Absurden und Unfassbaren die einzige erträgliche Reaktion. Sie helfen, das Entsetzliche, vor dem jeder Angst hat, zu verarbeiten. Makabre Sprüche entspringen letztlich dem Bedürfnis, sich von der Realität zu distanzieren. So konnte man einmal neben dem Sicherheitsmann, der den Eingang zu einem Jerusalemer Café bewachte, folgenden Aufkleber finden: «Hier gibt es alle zwei Tage einen Anschlag. Der letzte war gestern.»
Terrorüberfälle beeinflussen nicht nur die Psyche des Einzelnen, sondern auch das Verhalten der ganzen Nation. Das zumindest vermuten Forscher aufgrund einer Untersuchung bei Autofahrern. Drei Tage nach einem «Pigua» (hebräisch für Terroranschlag) steigt auf Israels Strassen die Zahl tödlicher Unfälle um 35 Prozent, wie eine neue Studie der Hebräischen Universität zeigt. Die Leute seien zornig und würden wie meschugge fahren, interpretieren klinische Psychologen das Ergebnis der Sozialforscher. Die verzögerte Reaktion, drei Tage nach dem «Pigua», erkläre sich aus dem Umstand, dass unmittelbar nach einem Anschlag viele Leute zu Hause blieben.
In den Schutz vor Attentaten investieren die Israeli einiges. Vor Restaurants, an Busstationen, bei Einkaufszent ren und vor Postfilialen steht bewaffnetes Sicherheitspersonal, das alle Besucher mit einem Magnetstab abtastet und sämtliche Taschen auf suspekte Gegenstände untersucht. Sieht ein Bürger auf der Strasse ein verdächtiges Objekt, verständigt er die Anti-Terror-Spezialisten. Die sind im Nu zur Stelle, sperren das Gebiet ab und sprengen mit Hilfe eines Roboters das Objekt. Fast gelangweilt schaut das Publikum aus sicherer Distanz dem Treiben zu. Panik kommt nicht auf – man kennt das. Künftig sollen überdies die Busse mit Drehtüren, einem elektronischen Sicherheitssystem und Sprengstoffsensoren gegen Selbstmordattentäter ausgerüstet werden. Doch Anti-Terror-Spezialisten sind überzeugt, dass der Schutz aller 5500 Autobusse schlicht unmöglich ist.
«Heute gibt es keine sicheren Orte mehr», sagt der Psychologe Saar Uzieli, der sich auf die Behandlung von Post-Trauma-Symptomen bei Überlebenden von Terroranschlägen spezialisiert hat. Die Linie zwischen «tot» und «lebendig» sei dünn geworden. Das Grundvertrauen, sich an einem sicheren Ort zu befinden, gehe verloren. An die ständige Bedrohung könne man sich nicht gewöhnen; man lerne höchstens, damit umzugehen, meint der Psychologe Ronny Berger, der ebenfalls auf die Behandlung von traumatisierten Überlebenden spezialisiert ist. Die Anpassung an einen von Verunsicherung geprägten Alltag hat ihren Preis. Man muss ständig das Verhalten und die Gefühle kontrollieren: «Die Leute stellen das Überleben in den Vor dergrund. Sie werden animalischer, und die humanistischen Werte, mit denen sie aufgewachsen sind, sind gefährdet», befürchtet Berger.
Das hat weit über das Individuum hinaus Folgen. Weil sich die Familien als Überlebensstrategie vermehrt um sich selber kümmerten, nehme der innere Zusammenhalt der Gesellschaft ab, sagt Berger. Die Kluft in der israelischen Gesellschaft werde grösser, und wegen der Dauerangst sinke die Toleranz gegenüber dem «Anderen».
Die Furcht vor dem Terror und die Traumatisierung durch den Terror haben politische Konsequenzen: Die Gesellschaft rutscht nach rechts. «Die Kompromissbereitschaft sinkt bei den meisten», fasst die Sozialwissenschafterin Daphna Canetti-Nisim ein zentrales Ergebnis ihrer Meinungsumfrage aus dem Jahr 2004 zusammen. Nur ein kleiner Teil der Gesellschaft reagiert auf Terrorattacken mit einer versöhnlichen Haltung. Annähernd zwei Drittel der Bevölkerung hingegen unterstützen fast vorbehaltlos den Einsatz von Gewalt, um den Terror zu bekämpfen. Gleichzeitig setzt sich ein ebenfalls grosser Teil der Bürger für den Dialog mit den Palästinensern ein, der eine diplomatische Lösung des Konflikts herbeiführen soll. Die grosse Masse findet, man könne beide Strategien gleichzeitig verfolgen.
Wer persönlich vom Terror betroffen wurde, reagiert sehr oft mit einer Extremisierung der politischen Einstellung. Amos Levy etwa, ein 46-jähriger Wähler von Sharons Likudpartei aus Jerusalem, wurde noch radikaler, nachdem er am 27. März 2002 seine 17-jährige Tochter Rachel verloren hatte. Eine Selbstmordattentäterin aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Dehaischa bei Bethlehem hatte vor einem Supermarkt eine Bombe gezündet, die Schallschutz decke verschüttete Rachels Körper, so dass man ihre Leiche erst viele Stunden später fand. Taxifahrer Levy blieb während zehn Monaten apathisch zu Hause, wandelte in der Nacht, weil er nicht schlafen konnte, ziellos durch die Strassen, brachte für nichts Geduld auf, konnte sich auf nichts konzentrieren. Noch heute verfolgt ihn das Bild, wie er die Leiche seiner Tochter identifiziert. Freude in seinem trostlosen Leben gibt ihm nun sein Baby Schachar, das im Sommer auf die Welt gekommen ist. «Schachar kann Rachel nicht ersetzen, aber sie ermöglicht irgendwie eine Fortsetzung ihres Lebens», sagt er.
Levy besuchte den Prozess gegen Marwan Barghuti, die Leitfigur der Intifada, der von einem israelischen Gericht zu mehreren lebenslänglichen Gefängnisstrafen verurteilt worden ist. «Die Attentäterin, die meine Tochter auf dem Gewissen hat, war von der Fatah angeheuert worden, der Barghuti vorsteht. Ich sah in ihm den Teufel», sagt Levy, und sein gutmütiges Gesicht wird vorübergehend starr vor Wut und Hass. Heute setzt er auf die vollständige Trennung von den Palästinensern. «Ich will sie nicht mehr sehen. Die Mauer, die man jetzt baut, ist genau das Richtige, um uns vor denen zu schützen.»
Grund zum Hass auf die Palästinenser hätte auch Rami Elhanan, der am 4. September 1997 seine Tochter bei einem Anschlag verlor. Smadar, damals 14 Jahre alt, war in der Fussgängerzone des Jerusalemer Stadtzentrums unterwegs, um ein Geschenk zu kaufen, als die Bombe explodierte und sie in den Tod riss. Ein Bild im Büro ihres Vaters, der eine Grafikfirma leitet, zeigt ein fröhliches, hübsches Mädchen. Der gewaltsame Tod der kleinen Smadar hat Elhanan aufgerüttelt. Doch während die meisten für eine noch härtere Politik gegenüber den Palästinensern sind, gehört er zu jener Minderheit, die sich auf die Nachbarn zubewegen will. «Man muss den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen», sagt Elhanan. Vor dem Schicksalsschlag sei er zynisch und anarchistisch gewesen, doch jetzt suche er die Gemeinschaft von Leuten, die Ähnliches durchgemacht hätten wie er. Er liess sich von der Verzweiflung nicht überwältigen. Zusammen mit seiner Frau, der prominenten Universitätsdozentin Nurit Peled-Elhanan, macht er die israelische Regierung mit ihrer kurzsichtigen Politik verantwortlich: «Sie drückt sich vor der Anerkennung der Rechte der anderen, und das führt nur zu Hass.»
Ein Jahr nach der Beerdigung seiner Tochter ging Elhanan zu Parents’ Circle, einer Organisation, in der sich 500 israelische und palästinensische Familien zusammengeschlossen haben, die Angehörige durch die jeweils andere Seite verloren haben.
Der Parents’ Circle setzt auf Dialog und Versöhnung mit den Palästinensern. «Sie sind Menschen, nicht Ungeheuer.» Man müsse sich gegenseitig kennenlernen und einan der begreifen. «Denn», so Elhanan, «palästinensische Eltern haben denselben Schmerz wie israelische.» Die Mitglieder von Parents’ Circle arbeiten stets im Team: Israeli und Paläs tinenser treten bei Vorträgen zusammen auf, setzen sich für Koexistenz ein und treffen sich regelmässig, um sich näherzukommen.
«Wir sind die andere Stimme», sagt Ronny Hirshenson, der den Parents’ Circle leitet und ebenfalls ein Kind durch einen Terroranschlag verloren hat. «Obwohl wir von Palästinensern getroffen wurden, reichen wir ihnen die Hand. Wir anerkennen, dass es auch auf der palästinensischen Seite Opfer und Friedenswillige gibt.» Die gegenseitige Dämonisierung müsse aufhören. «Die Israeli glauben, alle Palästinenser seien Terroristen, die sie abschlachten wollten. Und die Palästinenser glauben, alle Juden wollten sie aus dem Land vertreiben und in Flüchtlingslager stecken.»
Vor vier Jahren hat er ein Kontakttelefon in Betrieb genommen, über das Israeli und Palästinenser miteinander sprechen können. Der Erfolg des Angebots stimmt ihn zuversichtlich. Bereits haben 440 000 Menschen von beiden Seiten das Angebot genutzt. «Da soll mal einer behaupten», sagt Hirshenson, «es gebe auf der anderen Seite keinen Partner.»
Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der «Weltwoche».