NZZ Folio 08/98 - Thema: Grossbauten   Inhaltsverzeichnis

Wo, bitte, geht's lang auf dieser Riesenbaustelle?

Fragen beim Anblick der Grossbaustelle Berlin.

Von Lilli Binzegger

Bernard Plattner, 1946 in Bern geboren, ist seit Abschluss seines Architekturstudiums an der ETH Zürich im Pariser Büro des Genueser Architekten Renzo Piano tätig. Getroffen haben wir ihn als architektonischen Leiter der Überbauung am Potsdamer Platz in Berlin, der mit 68 000 Quadratmetern Grundstückfläche und einer Investitionssumme von vier Milliarden Mark grössten innerstädtischen Baustelle Europas. Bauherrin ist die Daimler-Benz AG, die in neunzehn Gebäuden rund 550 000 Quadratmeter Geschossflächen erstellt. Bis Ende Jahr soll, wo noch Ende 1989 die Mauer Ost- und Westberlin trennte, ein neues Stadtquartier entstehen mit Geschäftshäusern, Wohnungen, Hotel, Spielbank, Theater, Kinos, Restaurants, Läden. Der Renzo Piano Building Workshop, Paris, hatte 1992 mit dem Deutschen Christoph Kohlbecker den von Daimler-Benz ausgeschriebenen Realisierungswettbewerb gewonnen - Plattner gehörte dem Entwurfsteam an - und baut rund die Hälfte selbst. In den Rest teilen sich der Japaner Arata Isozaki, der Berliner Hans Kollhoff, die Münchner Ulrike Lauber und Wolfram Wöhr, der Madrider José Rafael Moneo sowie der Londoner Richard. Rogers.

Bernard Plattner, was ist das grösste Problem auf einer derart grossen Baustelle?

Die Kommunikation. Man kann zwar eine Menge Pläne machen, aber wenn bei der Ausführung auf der Baustelle von zwei Unternehmern, deren Arbeit aufeinandertreffen soll, der eine 365 Meter und 53 Zentimeter abmisst und der andere 30 Zentimeter weniger, dann kommen sie nicht an den gleichen Ort. Das ist eine Realität.

Und was macht man dann?

Dann streitet man eben. Der eine muss nachgeben und seine Arbeit korrigieren, sagt aber: ich tue das nur über einen bezahlten Zusatzauftrag. Geld hat jedoch nur der Bauherr, der Architekt hat keins. Der möchte aber, dass am Schluss alles stimmt, dass alles gerade aussieht und nicht krumm. Also motiviert man die Leute, die Sache zu beheben. Nachher haben sie dann alle Zeit, mit dem Bauherrn darüber zu streiten, wer im Recht war und wieviel Geld sie für die Korrektur bekommen.

Und das ist Sache des Architekten?

Ja und nein. Hier gibt es eine grosse Organisation für die Gesamtbauleitung, das sind eine Menge Leute. Der Architekt hat auf Baustellen so viel zu sagen, wie er stark ist als Person.

Ich weiss über Ihre Baustelle nicht viel.

Ich zeige Sie Ihnen. Ich frage schnell nach, ob wir auf den Turm des Debis-Hauses dürfen, von dort hat man die Übersicht über das ganze Gebiet. Es ist eines der acht Gebäude, die unser Büro selber gebaut hat.

Sie dürfen nicht einfach auf Ihren eigenen Bau?

Nein, dieses Gebäude wurde ja vor sechs Monaten bezogen, da gibt es die üblichen Zutrittskontrollen.

An der Glastüre dort kleben rote Punkte. Wer ordnet zum Beispiel solche Dinge an?

Das ist alles Sache des Architekten. Der Zweck der Punkte ist, das Glas sichtbar zu machen. Es gibt immer wieder Leute, die in Glastüren hineinlaufen. Auch den Lift hier haben wir entworfen.

Das ist kein Lift von der Stange?

Nein, wir zeichnen das alles. Wir gehen zu Schindler und Thyssen, die sich die Aufträge auf dieser Baustelle ungefähr hälftig teilen, und besprechen jedes Detail.

Wie kommt man als Architekt überhaupt zu einem solchen Auftrag?

Wir haben 1992 den Ausführungswettbewerb gewonnen, den Daimler-Benz für dieses Areal ausgeschrieben hatte, in den Grundzügen ein Städtebauwettbewerb. Sehen Sie dort den roten Container, die sogenannte Info-Box? Die steht auf dem Leipziger Platz, 50 Meter weiter stand die Mauer. An der Stresemannstrasse sind noch zwei, drei Stücke davon übrig. Man war hier am Dead End von Westberlin, da war nichts als Wiesen, Niemandsland. Daimler-Benz hatte das etwa sieben Hektaren grosse Grundstück im Frühling 1989 erworben.

Hellseher?

Dass sich etwas ändern würde, lag in der Luft. Edzard Reuter, von 1968 bis 1996 Vorstandsvorsitzender von Daimler-Benz und Sohn des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, hing sehr an der Stadt. Er fand, Daimler-Benz, früher auch in Berlin ansässig, müsse am Wiederaufbau der Stadt beteiligt sein. Und, o Wunder, im Herbst fiel die Mauer.

Was tut man als Architekt als erstes, wenn man mitten in einer Stadt sieben Hektaren verbauen kann?

Unser Büro hat einen Masterplan erstellt, also die Strassen, die Gebäudekubaturen und so weiter festgelegt, und den bei den Berliner Behörden eingereicht.

Für das Areal gilt sicher eine Sonderbauordnung?

Ja, hier kann viel höher gebaut werden als üblicherweise in Berlin. Der Plan wurde nach der Genehmigung durch die Behörden mehrere Monate öffentlich aufgelegt. Vom Bauherrn wussten wir, dass er so und so viele Quadratmeter Büro wollte, so und so viele Wohnungen, ein Theater, ein Kino, ein Hotel und so weiter. Wir haben das verteilt: hier das Theater, da das Kino, dort Büros. Dann sagte der Bauherr: Eines der Gebäude möchten wir für uns selbst, wir brauchen ungefähr 40 000 Quadratmeter Bürofläche. Das ist das Gebäude geworden, in dem wir jetzt sind, das Debis-Hochhaus. Und dann begann unser Job als Architekt. Wir überlegten: Das alte Berlin ist nur noch ein Phantom. Wie finden wir eine Architektur, die eigenständig ist und dennoch in die kubische Konstruktionsweise der alten Stadt aus der Pionierzeit passt? Welches Material nimmt man da?

Die Stadt hat bei alldem ja wohl auch ein Wort mitreden wollen?

Die Nutzungsverteilung, also wieviel Bürofläche, wieviel Wohnfläche usw., hatte der Bauherr schon vor dem Wettbewerb mit der Stadt zusammen definiert. Für die Ermittlung der Bedürfnisse gibt es spezielle Marketingfachleute, die zum Beispiel feststellen: Die Wohnlage ist ziemlich teuer, also werden eher keine kinderreichen Familien kommen. Also müssen die Wohnungen so und so zugeschnitten sein. Für die Bürohäuser sagt uns der Bauherr: den Raumraster möchte ich so und so breit, weil ich flexible Wände will, ich möchte alles klimatisieren oder vielleicht nur einen Teil, sowie möglichst viel Tageslicht. Das ist ein aufwendiger Prozess, in den eine Menge Leute involviert sind, Ingenieure, Statiker, Windgutachter, Baujuristen, der Stadtbaumeister. Darum brauchte es ein paar Jahre, das Ganze hier zu zeichnen.

Renzo Piano als Wettbewerbsgewinner realisiert nur etwa die Hälfte der Überbauung am Potsdamer Platz. Warum? Und wer hat die anderen Architekten bestimmt?

Es stand schon in der Ausschreibung, dass der Träger des ersten Preises für die Ausführung massgebend sein wird, aber auch weitere Preisträger zum Zug kommen sollen.

Hätte Renzo Piano gerne das Ganze gebaut?

Nein, überhaupt nicht. Da wäre uns wohl langsam die Phantasie ausgegangen. Und wir hätten unser Büro zu einer Grösse erweitern müssen, die man nur noch schwer kontrollieren kann, wir haben unser Pariser Büro auch so schon von 20 auf 40 Mitarbeiter verdoppelt. Und schliesslich wäre es ziemlich arrogant gewesen zu sagen: Wir bauen einen ganzen Stadtteil, eine halbe Million Quadratmeter Geschossfläche, allein.

Wer hat bestimmt, wer was macht?

Das war eine subtile Diskussion zwischen Renzo Piano und Edzard Reuter von Daimler-Benz bei uns im Pariser Büro. Man spielte das wie im Sandkastenspiel durch, Renzo Piano sagte: Wenn ich das baue, dann möchte ich gern auch das Nachbarhaus bauen, damit ein Zusammenhang entsteht. Und das nächste könnte vielleicht Richard Rogers machen, was meinen Sie? Ist der wohl einverstanden? Die Verhandlungen mit den anderen Architekten waren dann Sache des Bauherrn. Dieser Prozess hat mehrere Wochen gedauert.

Das sind fast alles auch Stararchitekten mit eigener Handschrift. Direkt neben diesem zwanzigstöckigen Hochhaus von Piano zum Beispiel steht Isozakis elfstöckiges Bürogebäude. Arbeitet man bei der Ausführung zusammen, oder sucht man den Kontrast?

Man will beides, Diversität und Einheit. Die Einheit versucht man durch die Abstimmung der Gebäudehöhen zu erreichen, dann auch durch die Breite der Strassen und mit dem Material. Piano schlug vor, dass für die Fassaden kein Marmor und kein Spiegelglas gebraucht werden soll, sondern Terracotta. Alle haben sich damit einverstanden erklärt. Isozakis Fassade ist auch aus Tonziegel, nur hat er sie auf seine Weise entwickelt, die ihre eigene Wirkung hat. Auch Kollhoff wird für sein Hochhaus Ziegelstein brauchen, und auch die werden wieder anders sein als unsere. Moneo hat zwar gesagt: ja, Terracotta ist gut, hat aber nachher für sein Hotel Naturstein genommen. Wir können Moneo nicht einfach sagen, das sei falsch. Er ist ein grosser und guter Architekt. Wichtig war einfach, dass man relativ bescheidene Materialien nahm. Daimler-Benz als Bauherrschaft dieses grossen Projektes wollte nicht protzen. Aber vielleicht gehen wir nun mal ins Freie und sehen uns die Sache von aussen an.

Wie viele Terracotta-Platten sind das dort oben an der Fassade dieses Hochhauses?

Vom Format her sind es eher Stäbe als Platten, wir nennen sie Baguettes. Wie viele es sind? Ach, das weiss ich nicht. Mehrere tausend jedenfalls insgesamt an allen Gebäuden.

Wie bestimmt man die Farbe eines so grossen Gebäudes? Überfordert das nicht jedes Vorstellungsvermögen?

Ein Stück weit ist das Übungssache. Aber es bleibt ein grosses Abenteuer, auch für uns. Architektur kann man sich nicht bis zum Schluss vorstellen. Ein Musiker schreibt seine Partitur, lässt sie spielen und kann sie verbrennen, wenn ihm das Stück nicht gefällt. Der Maler übermalt sein missratenes Bild. Aber wenn man ein Hochhaus für 200 Millionen Mark gebaut hat - soviel hat dieses hier gekostet -, kann man nachher schlecht sagen: Tut mir leid, ich habe mich getäuscht.

Wie sind Sie denn da zum Beispiel mit der Fassadenverkleidung vorgegangen?

Wir haben zuerst einen 5 × 5 Meter grossen, massstabgetreuen Fassadenausschnitt als Holzmodell inklusive Fenstern hergestellt und angemalt, um Farbwirkung, Oberfläche, Textur und Lebendigkeit zu prüfen. Dann liessen wir ein 14 Meter hohes Fassadenstück bauen, suchten einen Unternehmer, der Muster der Klinkerstäbe herstellen konnte, und verkleideten das Fassadenstück. Da erkennt man noch Mängel und kann korrigieren. Erst dann wird der Unternehmer gesucht, der den Auftrag bekommt, und der baut selber auch noch einmal Muster, bevor er loslegt. Unsere Häuser haben verschiedene Farben, für das Hochhaus zum Beispiel, das riesig ist, haben wir einen hellen Ockerton gewählt, damit es nicht zu massig wirkt. Natürlich sind wir bei den Entscheidungen nicht allein. Da sind der Bauherr und die Ingenieure dabei, die vielleicht sagen: Wenn Ihr es so und so machen würdet, liessen sich die Dinger einfacher montieren.

Macht man eine Verkleidung auch nass, damit man weiss, wie sie verregnet aussieht?

Ja. Diese Fassade wird einfach etwas dunkler, das ist kein Problem.

Gibt es hier Fertigelemente?

Die tragenden Elemente sind hierzulande selten vorfabriziert. Sehen Sie dort hinten, das ist klassischer Beton. Vor Ort geschalt, gegossen, betoniert, ganz traditionell. Interessant ist die runde Kuppel des Imax-Kinos. Da hat man einen Ballon aufgeblasen und von innen mit Beton ausgespritzt.

Wie tief in den Boden wurde auf dieser Baustelle gebaut?

Nicht sehr tief, 18 bis 20 Meter. In Berlin in die Tiefe zu bauen ist enorm teuer. Da stösst man, kaum kratzt man am Boden, schon auf Wasser. Drei Meter unter dem Boden ist bereits das Grundwasser.

Das Wasser drei Meter unter Boden, und Sie graben 20 Meter tief - wie geht denn das?

Man hat erst eine Art Wanne ins Wasser gebaut, eine Zeitlang war das Gelände hier ein einziger See, der im Winter gefror. Zuerst baute man die Wände, dann hob man den Sand aus und goss schliesslich auf dem Grund die Bodenplatte. Nach Fertigstellung hat man diese verankert, weil der Hohlkörper sonst nach dem Archimedesprinzip aufgetaucht wäre. Zum Schluss hat man dann das Wasser ausgepumpt.

Wohin?

In Berlin sehen Sie überall farbige Rohre über den Strassen, die sind Teil des Ausgleichsystems für das Grundwasser. Grundwasser ist in Berlin fast heilig, da wird kein Tröpfchen vergeudet. Also muss man, wenn man irgendwo welches herauspumpt, es an einem anderen Ort wieder ins Grundwassersystem hineinpumpen.

Das war aber doch nicht mehr sauber?

Da war nur Sand drin.

Unter Wasser eine Betonplatte bauen: wie hat man sich das vorzustellen?

Das machen Bautaucher, die unter Wasser arbeiten. Bis zu 80 waren da, fast alles Holländer, weil man in Holland dieses Problem kennt. Die waren in Taucheranzügen unten, auch im Winter, unter dem Eis, und haben dort mit Schläuchen den Beton gegossen und verteilt. Zuvor hatte man auf dem Trockenen Schiffe gebaut, eine Art Blechflosse, und die Kräne darauf gestellt. Dann trug man rundherum den Sand ab, bis das Wasser kam und das Floss schwamm. Man grub von dort aus weiter, bis der Aushub fertig war. Und dann gingen die Bautaucher ans Werk.

Wie lange waren die da?

Etwa zwölf Monate. Das waren tolle Typen.

Abenteurer?

Vielleicht. Eine gute Konstitution müssen sie jedenfalls haben. Vor allem war das Wasser ja auch trüb. Die sahen nicht viel, mussten eher spüren, was sie machen. Die Arbeit ist denn auch gut bezahlt.

Und wo sind die jetzt?

Ich weiss es nicht. Vielleicht tauchen sie gerade irgendwo nach einem Wrack.

Gucken wir wieder hinauf: Sagen Sie, wie kommt Baumaterial auf so grosse Höhen?

Wir hatten Kräne, die reichten hinauf bis zum Dach des Hochhauses, auf dem wir eben waren. Den Kubus mit dem Firmenlogo, der auf 120 m den höchsten Punkt der Überbauung markiert, schafften die mit Leichtigkeit da hoch. Man nutzt während der Arbeiten aber auch die Aufzüge, zuerst die Schächte, dann baut man möglichst rasch den ersten Lift ein und benützt ihn als Baulift. Sie sehen hier aber überall auch an der Fassade montierte Bauaufzüge. Und nicht zuletzt bringt man beim Bau von Hochhäusern auch Kräne mit nach oben. Die werden mit riesigen Pneukränen installiert, von denen es in Europa nur ein paar gibt.

Eben hat uns einer gefragt, wer wir sind und wohin wir wollen.

Die ganze Baustelle ist geschlossen, man kommt nur mit einem Pass herein. Und es gibt so viele Sicherheitsbeamte, dass mich unmöglich alle kennen können. Die sagen dann eben: Hier darfst du nicht durch.

Wenn man von diesen Gebäuden sagt, sie seien von Renzo Piano: Wieviel macht der Meister selbst?

Der macht viel selbst. Sicher sind wir ein grosses Team. Aber er kommt jeden Monat hierher, bringt an Ort und Stelle Korrekturen an und zwischendrin auch in Paris. Er hat enorm viel zum Masterplan beigetragen, zur Wahl der Fassadentexturen, zur Lebendigkeit, die sie haben sollen, zur Mischung zwischen Schwere und Leichtigkeit. Die Kubaturen haben wir in hundert Besprechungen mit ihm modifiziert. Er ist sehr gut im Design, im Detail, er ist enorm aktiv.

Es ist ja auch ein einmaliges Projekt. Wo sonst kann man denn schon ein innerstädtisches Quartier neu bauen.

Nirgends! Es ist ein Unikum. Und das inklusive neuer Strassen und Plätze. Berlin lebt ja viel weniger auf der Strasse als Paris oder Rom, wo es viel mehr Gelegenheiten dazu gibt. Darum schafft man hier eine Art Piazza, umgeben von einer riesigen Wasserfläche.

Grundwasser?

Natürlich nicht. Es wird ein bepflanztes Wasserbecken, in dem sich das Wasser mit Pflanzen und Sandbänken selbst reinigen kann. Wir hoffen, dass der Platz ein lebendiger Ort wird. Wir wollen keine Architekturdemonstration, sondern wir möchten ein Stück Stadt bauen. Es ist ja eigentlich verrückt, innerhalb von fünf Jahren über 500 000 Quadratmeter Geschossflächen zu bauen, davon zwei Drittel über dem Boden.

Nochmals zu einem Detail: Ich sehe hier dieses Gully. Kommt es vor, dass eine Zuleitung nicht dort endet, wo sie im Bau weiterführen soll?

Das kann schon vorkommen. Dann hat einer halt etwas falsch gemacht, das muss man korrigieren. Von groben Fehlern ist mir bis jetzt aber nichts bekannt.

Gab es gar keine Pannen?

Doch, doch. Wir hatten ein Wasserbecken von 60 000 Kubikmetern ausgepumpt, und am anderen Tag war es wieder voll. Da hatte ein Ingenieur ein paar schlaflose Nächte.

Wer sorgt dafür, dass die Ziegel nicht geliefert werden, bevor das Dach gebaut ist?

Die Gesamtbauleitung. Die macht die Terminpläne und weist all die verschiedenen Unternehmer und Lieferanten ein. Sagt: du kommst dann und du dann. Nun fehlen dem Unternehmer aber vielleicht noch die Pläne des Architekten. Der arbeitet aber lieber noch etwas weiter daran und ist meistens ein wenig zu spät. Hat sie der Unternehmer dann, beginnt er mit seiner Arbeit. Dann kommt der Architekt und sagt: so, nun möchte ich alles noch ein wenig verbessern. Und dann gibt es ein bisschen Streit. Vielleicht liegt die Ursache aber nicht nur beim Architekten, vielleicht kam unterdessen der Bauherr mit Änderungswünschen zu ihm. Dann fragt man den Unternehmer: kannst du nicht ein bisschen später liefern und dafür doppelt so schnell arbeiten? Und der sagt: kann ich, aber nur für mehr Geld. Das ist der Alltag der Gesamtbauleitung, die das alles koordiniert. Da gibt es wohl etwa 100 Leute, die Terminpläne machen und diese einzuhalten versuchen, oft mit, gelegentlich ohne Erfolg.

Die brauchen aber Nerven!

Auf dem Bau müssen alle gute Nerven haben, sonst steht man das nicht durch.

Die Gesamtbauleitung sagt Ihrem Lieferanten also auch, wann er die Klinkerstäbe bringen soll?

Ja, und sie sagt ihm, wo er sie hinstellen soll und wo nicht. Es hat ja sehr wenig Platz. Es ist überhaupt eine ziemlich unordentliche Baustelle, vor allem verglichen mit japanischen Baustellen. Wir haben auch den Flughafen von Osaka gebaut. Dort konnten Sie barfuss herumgehen und behielten saubere Füsse. Manche Arbeiter trugen weisse Handschuhe. Und morgens um 7 Uhr sahen Sie Hunderte von Arbeitern in Reih und Glied Freiübungen machen, damit sie gut aufgelegt und in Form waren für den Tag. Kein Schutt, über den man stolpert wie hier überall.

Womit hat das zu tun?

Ich weiss es nicht.

Wie viele Leute arbeiten auf dieser Baustelle?

2000 bis 3000 Leute, man sieht aber nie alle. Viele sind im Untergrund. Ich glaube, sie beginnen um 7 Uhr. Um 8 Uhr, wenn ich komme, sind sie jedenfalls alle schon da. Die Unternehmungen sind fast ausschliesslich deutsche. Es gibt einige wenige Joint ventures, für den Beton des Theaters zum Beispiel eines mit einer portugiesischen Firma. Und ich weiss von einer direkt beteiligten Schweizer Firma.

Hat es Frauen?

In der Bauleitung ja. Und natürlich im Management. Unter den Maurern und Eisenlegern habe ich noch keine gesehen.

Maurer? Macht man an Grossbauten noch Mauern mit Mörtel und Kelle?

Ja, sicher. Die Trennwände in den Untergeschossen zum Beispiel. Tragende Mauern nicht.

Misst man immer noch mit Lot und Wasserwaage, ob eine Wand senkrecht und ein Boden eben ist?

Ja, mit Lot und Wasserwaage. Aber auch mit Lasermessgeräten, die Lichtstrahlen verschicken und ganz präzis messen.

Würden Sie sagen, Ihr Hochhaus sei zu 100 Prozent gerade?

Oh, ja, das ist ziemlich gerade! Nicht der Beton darunter, der hat grössere Toleranzen. Der Turm kann oben zehn Zentimeter daneben sein, die Fassade wird nachher mit der Unterkonstruktion aber korrigiert.

Sagen Sie, überlegt sich ein Architekt, wie man die Fenster putzt?

Ja. Und weil er das tut, kann man hier praktisch alle Fenster von innen öffnen. Einzig die an jener grossen Fassade dort drüben lassen sich nur von aussen reinigen. Dazu hat man auf dem Dach eine ausschwenkbare Krananlage mit einer Gondel installiert, die man an einer Führungsschiene an der Fassade einklinken kann. Dann können zwei Leute dort drin stehen und Fenster putzen.

Gab es schon Unfälle?

Leider ja. Es gab einen oder zwei Todesfälle.

Das ist auf einer so grossen Baustelle wohl nicht zu vermeiden?

Als vor hundert Jahren der Eiffelturm gebaut wurde, gab es keinen einzigen Toten. Aber heute muss alles gleichzeitig geschehen. Sie sehen es ja, ein ziemliches Gedränge. Eine sehr komplizierte Baustelle im Moment. Und da kommt es leider vor, dass irgendwo einmal eine Absturzsicherung fehlt. Eigentlich dürfte das aber natürlich nicht vorkommen.

Man sagt, in China plane man ganze Wolkenkratzer in nur ein paar Tagen. Sind das Märchen?

Man kann vieles furchtbar schnell machen. Das ist eine Frage der Umstände und auch der Qualität, die man erreichen will. Wir haben in Riehen bei Basel das Beyeler-Museum gebaut. Vom Tag, an dem Herr Beyeler zu uns ins Büro kam und Renzo Piano fragte, ob er das Museum bauen möchte, bis zur Eröffnung vergingen sieben Jahre. In sieben Jahren verbauen wir hier das Hundertfache.

Am Basler Projekt hat man ja wohl nicht sieben Jahre lang unablässig gearbeitet.

Es war aber trotzdem ein permanenter Reifungsprozess, man hat Nebenprojekte gemacht, Standortwechsel erwogen, man hat sich sehr viel mehr Zeit genommen, als man sie hier hat. Wir hören hier oft den Vorwurf: Wie könnt ihr euch anmassen, ein Stadtquartier von dieser Dimension innerhalb von drei Jahren zu planen und von weiteren drei oder vier Jahren zu bauen? Es gibt aber durchaus Beispiele von sehr schneller Planung und Realisierung in der Geschichte. La Valletta, die Hauptstadt von Malta, wurde innerhalb von dreissig Jahren mitsamt der Umfassungsmauer fixfertig gebaut, und das im 16. Jahrhundert. Gute Städte wurden oft schnell gebaut, eine Piazza von Siena etwa kann nur in einem Wurf entstehen. Oder nehmen wir Berlin, Triest, die Städte, die in der Wirtschaftsblüte der Gründerzeit aus dem Boden schossen. So etwas völlig anderes ist es gar nicht, wenn wir jetzt unter dem Druck, dass Berlin wieder Hauptstadt wird und man Ost und West zusammenbringen will, ein hohes Tempo anschlagen.

Mit den Möglichkeiten des Computers lässt sich wohl sehr viel schneller planen?

Das glaube ich absolut nicht. Der Computer hat Arbeit lediglich verlagert. Kreativ ist der Computer nicht, das muss man selber bleiben. Natürlich werden alle unsere Pläne auf dem Computer gemacht, weil das heute das gängige Instrument ist. Wir haben in unserem Büro zum Glück noch ein paar Architekten, die von Hand zeichnen, die sind fast so schnell wie die anderen auf dem Computer. Weil man auf dem Computer schneller zeichnen kann, wird vielenorts alles einfach viermal statt nur einmal gemacht. Das ist der Unterschied. Sicher hat der Computer aber Vorteile für die Kommunikation gebracht. Sie können Ihre Pläne mit einem Tastendruck durch die halbe Welt zu einem Ingenieur schicken. Als Planungs- und Kommunikationsinstrument ist er unabdingbar, erst recht bei einem Projekt dieser Grösse.

Aber in China gibt es doch diese Tempobolzerei beim Bauen?

Ja, aber das sind nicht unsere Vorbilder. Repetitivarchitektur ist nicht unsere Sache.

Wohin kam der Aushub der vielen grossen Bauten hier? Das müssen ja gigantische Mengen gewesen sein.

Der bestand aus zwei Materialien. Zuerst hat man zwei, drei Meter Kulturschutt entfernt, wie man das nannte, plattgewalzte Kriegstrümmer. Man fand noch Helme und Gewehre und ein paar Bomben, die man entschärfen musste. Diese Schicht hat man abgetragen und mühselig filtriert. Dann kam man auf Sandboden. Auf guten Sand, und Sand ist teuer, den braucht man, um Beton zu machen. Einen Kilometer von hier ist ein Riesengelände, das Rangiergleisdreieck des Potsdamer und des Anhalter Bahnhofs, die es beide nicht mehr gibt. Dieses Dreieck hat man zum Baulogistikzentrum für die Grossbaustellen des Potsdamer Platzes gemacht. Alle Investoren haben sich zu einer Baulogistikgesellschaft zusammengetan. An diesen Ort wird auch aller Sand hingeführt und entweder verkauft oder an Ort und Stelle für Beton wiederverwertet. Und alle, wirklich alle Baumaterialien, auch sämtliche Einrichtungsgegenstände, werden auf Schienen zu diesem Gleisdreieck gebracht und von dort auf einer von der Gesellschaft gebauten Strasse auf den Bauplatz gefahren. So hat keiner der Camions, die Sie hier sehen, mehr als den einen Kilometer über den Kanal zum Baulogistikzentrum hinter sich.

Ist das nicht sehr teuer?

Doch. Aber ohne das wäre der Verkehr weiträumig total zusammengebrochen. Lärm und Abgase wären unerträglich geworden. Das war eine gescheite Idee. Alles Material ist hier teurer als an anderen Orten, weil die Baulogistikgesellschaft auf alles Gebühren erhebt. Weil aber die Investoren selber Gesellschafter sind, wechselt das Geld lediglich von einer Tasche in die andere. Im grossen und ganzen ist diese Baustelle trotz anfänglichem Widerstand sehr gut akzeptiert worden. Sie ist auch sehr gut besucht. Es kommen Tausende und Abertausende Besucher her.

Sagen Sie, was ist das Schwierigste am Häuserbauen?

Das Ausharren. Das Ausharren zwischen dem Druck des Bauherrn, seinen Wunschvorstellungen, zeitlich, terminlich, finanziell, und den eigenen Ambitionen. Architektur kann sich nicht losgelöst von der Ökonomie entfalten wie eine andere Kunst.

Und das Schönste?

Der Moment, wenn es sich abzeichnet, dass das Gebäude dem entspricht, was man sich vorgestellt, erträumt hat, vielleicht sogar noch besser geworden ist, weil man es sich nie hundertprozentig vorstellen kann.

Ist man sehr neugierig, wie es am Schluss aussieht?

Sehr neugierig, ja.


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