NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Shakespeare eine Autobiographie geschrieben hätte

Von Peter von Matt
Dass zu Shakespeares Lebzeiten ausführliche Autobiographien entstehen konnten, zeigt das Buch des wilden Benvenuto Cellini. Die Gattung lag in der Luft. Von Cellinis Leben wissen wir heute fast alles, vom Leben Shakespeares fast nichts. Was wäre anders, wenn Shakespeare, als er mit 46 Jahren vom Theater Abschied nahm, sein Leben aufgezeichnet hätte?

Zunächst einmal gäbe es die dümmlichen Theorien nicht, mit denen alle sieben Jahre wieder einer aufrückt, um nachzuweisen, die Werke Shakespeares habe in Wahrheit ein anderer verfasst. Ein Gebildeter müsse es gewesen sein, ein Universitätsabgänger. Die das behaupten, sind in der Regel selbst gebildete Universitätsabgänger – ohne dadurch zu talentierten Dramatikern geworden zu sein.

Besässen wir die Geschichte von Shakespeares Leben, sein Werk stünde heute gänzlich anders vor uns. Jeder Vers wäre auf seine biographischen Hintergründe hin erforscht, jede Figur zum Abbild dieses oder jenes Bekannten erklärt. In allen Werken würden wir die Spuren seiner Liebesgeschichten entdecken, die Reflexe seiner Feindschaften und Freundschaften. Othellos Eifersucht? Ein Echo auf die Affäre mit X. Hamlets Zögern? Nichts anderes als Shakespeares Verhalten gegenüber Y. König Lear? Kein Problem, wenn man an diese Konflikte mit den eigenen Töchtern denkt. Riesige Bibliotheken wären so entstanden, und unausweichlich hätte sich der Sinn, die erlebte Bedeutung von Shakespeares Dramen in die Richtung einer verschlüsselten Darstellung seiner privaten Existenz verschoben.

Man kennt das von Kafka. Hätte er den «Brief an den Vater» nicht geschrieben, würde sein Gesamtwerk anders gelesen. Obwohl dieser Brief viel vertrackter und artistischer ist, als die übliche sentimentale Lektüre meint. Aber man will ihn sentimental haben, weil er nur so den angeblichen Schlüssel zu Kafkas Werken abgibt. Jetzt kann man Aufsätze schreiben, was das Zeug hält. Oder man ziehe von den Büchern Annemarie Schwarzenbachs alles biographische Vorwissen ab. Ihr Leben in Reichtum und Trauer, in Rastlosigkeit und schrillen Genüssen hat sie zur Lady Di der Schweizer Literatur gemacht. So überstrahlt sie manche bessere Autorin, und die Biographien türmen sich.

Es ist immer der gleiche Zirkelschluss. Man interessiert sich für einen Autor, weil er ein gutes Buch geschrieben hat. Man findet allerlei Menschliches, Pikantes, Skandalöses. Und jetzt liest man die Bücher als Zeugnisse dieser Lebensumstände. Bei literarisch mittleren Talenten kann sich so ein seltsamer Ruhm aus ausserkünstlerischen Ursachen ergeben. Bei Literatur im Weltmassstab aber wird der Autor rasch zum Gefangenen seiner Biographie. Goethe ist es so ergangen. Um zum vulkanischen Kern seiner Werke vorzudringen, muss man sich mit Gewalt durch den Schutt der Lebensdaten und -deutungen graben. An diesen hängt inzwischen der Mief zweier Jahrhunderte. Viele Leser bleiben darin stecken und können mit dem interessantesten Autor deutscher Sprache nie eine genuine Erfahrung machen.

Natürlich weiss man von Shakespeare inzwischen einiges. Aber doch nicht genug, dass sich daraus der biographische Schutt ergäbe, der die unmittelbare Gewalt seiner Dramen zu überdecken vermöchte. Von seinem dritten Lebensjahrzehnt, dem wichtigsten in einem Menschenleben, haben wir kaum eine Ahnung. Die Dark Lady der Sonette bleibt schattenhaft wie ihr Name, der schöne Freund ein verschwimmendes Idol. Dieses Unwissen quält jeden, der Shakespeare von Vers zu Vers erlebt. Man hungert nach mehr Informationen über den Mann und sein tägliches Leben. Und doch muss man Gott oder Apollon danken, dass er diesen dichten Schleier davor gezogen hat. So fehlt uns die bequemste Möglichkeit, vor der gefährlichen Strahlung seiner Werke zu kneifen.

Peter von Matt ist emeritierter Professor für deutsche Literatur an der Universität Zürich und Buchautor; er lebt in Dübendorf.

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