NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Wer hat Angst vor Ironie?

Von Wolf Schneider

«RICHARD WAGNERS Musik ist viel besser, als sie klingt»: So herrlich hinterhältig klang einst das Lob Mark Twains. Er war eben ein Meister in der Kunst der Ironie - und wer keiner ist, sollte die Finger von ihr lassen. Bundeskanzler Gerhard Schröder liebt die Ironie und beherrscht sie nicht, mit peinlichen Momenten, zum Beispiel in Davos; Joschka Fischer, der deutsche Aussenminister, beherrscht die Ironie, hat sie aber weggesperrt, mit der Folge quälender Langeweile, zum Beispiel in Berlin; und viele Journalisten haben Angst vor ihr und zertrampeln sie mit Gänsefüsschen, zum Beispiel in St. Gallen.

Wenn die Probleme der Europäischen Union und der Krisenzonen der Weltwirtschaft leicht zu lösen wären, sagte der deutsche Bundeskanzler vor dem Weltwirtschaftsforum, «dann müsste nicht ich es tun, dann könnten es auch andere». Selbstironie sollte das wohl sein. Aber die Zuhörer waren eher geneigt, es für Arroganz zu halten.

Joschka Fischer, einst zur Vereidigung als hessischer Umweltminister in Turnschuhen angetreten und später als Oppositionsredner im Bundestag schlagfertig und sarkastisch wie kein anderer, hat sich als Aussenminister doppelt gewandelt: Sein Anzug ist penibel korrekt, seine Sprache gut geölt und absolut steril. Im Amt muss sie wohl so sein; aber bei einer Tischrede neulich in Berlin! Zwanzig Minuten lang kein diplomatisch dosierter Seitenhieb, keine selbstironische Fussnote - fast eine Ungezogenheit zu solchem Anlass, jedenfalls beim einst erfrischendsten Redner des Parlaments eine erschütternde Déformation professionnelle. «Es sind zuverlässig in Deutschland mehr Schriftsteller, als alle vier Weltteile überhaupt zu ihrer Wohlfahrt nötig haben», schrieb Georg Christoph Lichtenberg; und mehr Politiker am Ende auch.

Zugegeben, Ironie ist nicht ungefährlich. Das Grimmsche Wörterbuch drückte sich um eine Definition in seinen 33 Bänden, und was die andern schreiben, klingt eher entmutigend. Vom griechischen eironeia abgeleitet, der geheuchelten Unwissenheit, der Verstellung, soll die Ironie jener verdeckte Spott sein, mit dem man etwas dadurch zu treffen sucht, dass man es unter dem Schein der Billigung lächerlich macht; oder jener Spott, der sich hinter Ernst versteckt, um das Gegenteil dessen zu sagen, was man meint, wobei man die wirkliche Meinung aber durchblicken lässt.

Wie die Deutungen der Ironie, so schillern ihre Spielarten. Da ist die scheinheilige Pose der Unwissenheit, die Sokrates einzunehmen liebte; da ist die kleine Bosheit, die auch ein Festredner sich leisten sollte, und gerade er - wie Friedrich Dürrenmatt, als er sich 1986 in Stuttgart für seinen dritten Schiller-Preis bedankte: «Der erste fiel mir 1959 in Mannheim zu, der zweite 1961 in Zürich, und nun darf ich den dritten hier entgegennehmen müssen.» Für ihren schwebenden Spott sind Cervantes berühmt und Grimmelshausen, Sternes «Tristram Shandy» und Gogols «Tote Seelen», die Romane von Jean Paul und Thomas Mann. Heine trieb die Ironie zum permanenten Übermut, wie in seinem Kurzportrait der Stadt Göttingen: « . . . berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist.»

Die engste Definition der Ironie - die, vor der Joschka Fischer offensichtlich Angst hat und Gerhard Schröder Angst hätte haben sollen - ist ihre Zuspitzung aufs klare Gegenteil des Gemeinten, wie bei Shakespeare. «Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann», lässt er den Antonius über den Mörder Cäsars sagen, viermal - und es war diese Hartnäckigkeit, die das Volk begreifen liess, was Antonius meinte: dass Brutus ein Schurke war.

Solchen Grad von Klarheit muss jeder herstellen, der Ironie einsetzen und dabei nicht auf den vordergründigen, den nur scheinbaren Sinn seiner Worte festgenagelt werden möchte. In der Bibel, in einer Regierungserklärung, in einer Zeitungsnachricht hat Ironie keinen Platz.

Wie aber steht es mit den unpolitischen Geschichten im Lokalteil oder auf der bunten Seite- Ferienfreuden im 100-Kilometer-Stau, schrieb die «Berliner Zeitung». Die Redaktion hatte also entschieden: Wir trauen unseren Lesern zu, dass sie die Ironie verstehen; verstünden sie sie nicht, so müssten wir uns das Wort Freuden versagen. Viele Zeitungen aber schliessen einen faulen Kompromiss: Sie riskieren die Ironie, entschuldigen sich jedoch dafür mit Gänsefüsschen - als eine unter vielen das «St. Galler Tagblatt» mit Überschriften wie Für ein «schweinisch» gutes Zuhause (es ging um den perfekten Schweinestall).

Das ist die trostlose Ironie, im Unterschied zur tragischen: Von der spricht man, wenn der Held auf der Bühne unter seinen Worten etwas anderes versteht als die Zuschauer, die das Ende schon kennen - wie bei Schiller, wenn Wallenstein sich am Abend vor seiner Ermordung mit den Worten verabschiedet: «Ich denke einen langen Schlaf zu tun.» «Schweinisch» aber ist so ironisch, als wenn Shakespeare seinen Antonius hätte sagen lassen: Und Brutus ist ein «ehrenwerter» Mann.




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