FRANKFURTS MUSEUMSUFER stand in den achtziger Jahren für die Suche der als Stadt der Spekulanten verschrienen Mainmetropole nach kultureller Identität. Bald schon strahlten die dort erstellten Meisterwerke der Architektur in die Quartiere aus, etwa mit dem 1987 initiierten Projekt der Kindertagesstätten, für das erneut bekannte Architekten gewonnen werden konnten. Sie bauten Märchenschlösser, Schiffe oder Zelte für die Kleinen - Spielereien, gegen die sich bald einmal der japanische Stararchitekt Toyo Ito mit einem Glashaus wandte und dann das Berliner Architektenteam Hans Kollhoff und Helga Timmermann mit einem Monolithen aus rotem Klinker, der aussieht, als stehe er seit je an dieser Stelle.
Das Postulat des 48jährigen ETH-Professors Kollhoff, «den Häusern, die wir lieben, ebenbürtige Neubauten entgegenzustellen», erfüllt sich in dem zwischen 1989 und 1994 für 40 Hort- und 60 Kindergartenkinder im Alter von drei bis zwölf Jahren errichteten Haus am Tiergarten. Mit formalen Bezügen zum jungen Loos und frühen Mies van der Rohe zeigt es allem Spektakulären und Modischen die kalte Schulter. Avantgardistisch wird man es daher kaum nennen, auch wenn es sich - vielleicht in Anspielung auf die Bankenstadt - strassenseitig selbstbewusst als kleiner Turm zum Himmel reckt. Wenn Kollhoffs Anhänger in der Einfachheit und tektonischen Klarheit den Stein gewordenen Beweis seiner Thesen sehen, so dürfte die konservativ anmutende, an Vitruvs Gravitas gemahnende Körperhaftigkeit die Gegner Kollhoffs ähnlich provozieren wie seine «rückwärtsgewandte» Vision eines steinernen Berlin.
Der Turm und die mit ihm verzahnte Ziegelmauer antworten der Umfriedung des Tiergartens und definieren den Strassenraum bestimmt, doch ohne sich wie einer jener «lauten Kerle in der gepflegten Tischgemeinschaft der Stadt» aufzuführen, die Kollhoff so verhasst sind. Die stumpfwinklig geknickte viergeschossige Fassade mit der asymmetrischen Eingangsnische, den beiden Quadratöffnungen und dem Fensterband erinnert gleichermassen an ein kubistisches Gesicht wie an das Antlitz jenes Hauses, das Adolf Loos 1926 für Tristan Tzara in Paris realisierte. In Haltung und Komposition verwandt, bezirzen beide Fassaden zudem mit ihren körperhaften Proportionen.
Der heterogenen, von Wohn- und Bürohäusern, Werkstattbetrieben, einem Gymnasium und der Parklandschaft des Zoos geprägten Nachbarschaft entsprechend, hat dieses Gebäude zwei Gesichter: ein repräsentatives hin zur Strasse und rückwärtig ein intimes. Dieses besteht aus einer nach Südwesten in den Hof abfallenden Kaskade von Terrassen, die den vom Haus besetzten Platz den Kindern stückweise auf jeder Etage zurückgeben. Kollhoff erschafft hier ein Stück Stadt und setzt so im Kleinen ebenso konsequent wie in der kürzlich vollendeten Wohnüberbauung in Amsterdam ein urbanistisches Konzept um, das bislang in seinem erstprämierten Entwurf für den Berliner Alexanderplatz gipfelte
Das wie ein Keil ins enge Grundstück getriebene Gebäude weckt Assoziationen an eine Burg, an eine Stufenpyramide oder - wie es eine begeisterte Erzieherin sieht - an ein Pueblo. Das in drei Massstäben durchgespielte Treppenthema hat abgestufte Seitenwände mit unregelmässigen Fensteröffnungen zur Folge, die an das von Loos vor über 80 Jahren als eines der ersten Terrassenhäuser der Moderne in Wien erbaute Haus Scheu oder an das 1926 von Mies van der Rohe aus Ziegeln errichtete Haus Wolf erinnern. Mit dem Klinker der Aussenhaut, dem grüngrauen Dolomit der Brüstungsauflagen und dem hellen Holz der Böden, Fensterrahmen oder Türen verkünden Hans Kollhoff und Helga Timmermann nicht nur das Lob des Handwerks. Diese natürlichen Materialien dienen ihnen ebenso wie die sorgfältigen Details zur Kritik an einer nur allzuoft banalen Massenproduktion im Baubereich.
Rückgrat des Hauses ist das gelbe, wohl von Poelzig inspirierte Treppenhaus - vom roten zweigeschossigen Eingangsfoyer abgesehen der einzige Bereich mit starkem Farbakzent. Sonst dienen Weiss und helles Holz dem bunten Spiel der Kinder als Hintergrund. Die das Gebäude dominierende Axialsymmetrie, gegen die die Architekten immer wieder subtil verstossen, regelt die Anordnung der Räume. Ein konischer Flur erschliesst im Erdgeschoss drei trapezförmige Gruppen- und Nebenräume. Im ersten Stock finden sich unter anderem die Küche und ein Spielraum mit Terrasse, im zweiten eine Kinderküche, der Aufgabenraum und das Esszimmer (mit Terrasse) und im dritten zwei Werkräume, wieder mit Terrasse. Die Aussentreppe führt schliesslich zur Zinne des «Donjon», von der aus man Zoo, Hof und Skyline überblickt - ein Reiz nicht nur für Kinder. So regt denn dieses Turmhaus mit seinen Treppen, Gassen und Ausblicken ganz behutsam die Phantasie der Kinder an und schärft zugleich ihr architektonisches Sensorium. Das in sich stimmige Bauwerk am Frankfurter Zoo versteht sich aber auch als Prototyp eines neuen städtischen Gebäudes.