Diese melancholische Wasserpfeife überhaupt Bekenntniszeichen von Melancholie (Klappstuhl), zunächst jedoch Pfeife einer Wasserorgel, vielmehr Wasservogel dann diese selbst, oder die Waldangelika deren Stengel zu Spritzen und Pfeifen verarbeitet wird, oder ein Fisch mit dicken Lippen und dicken Augen, ein vertrocknetes mit Wollfaden (blau) durchflochtenes Schafgarbenstämmchen auf meinem Schreibtisch, eine Melancholie also wohin man blickt, und wer denkt da nicht sogleich an Magrittes melancholische Pfeife nicht wahr: dies Tanzelement in einem Stande der Kindheit (Lymphe Elysium) Lymphe, nein nicht Nymphe: Lymphe.
Ich habe Angst vor meinen Wohnungen da ist die Liebe drin nämlich die Hitze-, die Herzverzweiflung («fast jeden Tag, auch nachts, auf den Seen, eine Zeit der heftigsten Emotionen, Krisen und Abschiede, des Zusammenbleibens und Wiederfindens, Stunden im Wasser und lange Gänge durchs abendliche Schilf . . .»), ich liebe die Kälte mehr als die Hitze denn die Kälte beflügelt mein Blut, man müszte Hüte tragen. Die vier Leuchtfeuer im Fenster von gegenüber, so stolpern wir über Felsen und Wurzeln, bis mitten in der österreichischen steirischen Landschaft man musz doch auch weg von den Zimmern, wir hätten noch einen Hals machen können, oder ein Widderhorn, wir bewegen uns von der Erde weg nicht auf die Erde zu, so spüre ich jetzt etwas von den kleinsten Wundern der Wiese von den Farben des Waldes von den Stimmungen des Himmels (Tageslauf), eigentlich sollten Sie, verehrter Leser, dieses lesen als einen Brief an H., wer immer das sein mag in Ihrem Bewusztsein in Ihrer Erinnerung in Ihren Vermutungen, oder es ist wie ein Dialog mit sich selbst, oder es ist ein platonisches Selbstgespräch oder ein Dengeln (Delfin), verschlungene Wege gehen, lesen Sie also getrost: lieber h., lieber freund lieber trost usw. als Titel dieses Textes, es hat einiges mit H. zu tun, mit jenem H., den ich meine, mit jenem H. jedoch ebenso, den Sie meinen, erinnern, um den Sie trauern mögen, den Sie in Ihrer Nähe glauben, den Sie herbeisehnen, der sich von Ihnen entfernt hat, ein Entsagen also alles in allem so mag es sein, ein Entsäbeln Entsachen, ein Absagen Aufsagen Überantworten Verzerren womöglich ein sich von etwas Loslösen eine Verweigerung ein Abgesang, ein sich Entschuhen, ja ein sich Entschuhen wie damals, er hatte sich entschuht in diesen landläufigen Gewölben, neugierigen Wiesenpanoramen, ich erinnere mich, ebenso wie Sie sich erinnern an Ihren Himmel an Ihre Augenweide an Ihre Verzauberungen ?
die Gartenschuhe Gassenschuhe abgestreift die silbernen Schnürbänder der Tennisschuhe gelockert, eine Fliege eine Taube im Visier oder dasz über Nacht eine einzelne blasse in eine rosaflammende Rose sich verwandelte, im Glas, auf dem Korridor.
Ich habe gelebt in der Meinung ich habe keine Brüder im Acker / wie Bäume die eigentlich Hirsche sind wie Hirsche die eigentlich Flüsse sind wie Flüsse die eigentlich . . . (Papier zerrissen) . . . oder wie in den alten Legenden.
Und was sei der Sinn des ganzen frage ich mich frage ich dich, lieber H., und was der Sinn des ganzen eigentlich sei, sei es die Darstellung einer ganz spezifischen Unerbittlichkeit, einer Unerbittlichkeit nämlich die sich selbst abnagt wie ein Hund einen Knochen abnagt bis zum Mark und dergleichen (das Gedächtnis als Hund), bis dieses und jenes Gedankenwort aufblitzt und einschlägt, aus dem Wörterbuchhimmel auffährt, dasz man getroffen: betroffen nicht mehr wird ablassen können, es hin- und herzuwenden wie den Knochen im Maul, daran zu beiszen zu nagen zu kauen bis die Zahnstümpfe zu bröckeln zu brechen beginnen, endgültig, und unerbittlich in unserem Entsagungsrausch wir kein Fleisch mehr zulassen nirgends, nur noch Knochenhärte und Starre, Gerippe gehäuft: unerbittlich diese Entsagung ?
und dasz aus solcher Entsagung zuweilen die wilde Blüte emporschieszt, ein grün und würfeliges Gedicht zum Beispiel, oder der milchige Schatten abwärts rieselnd den Baum den knorrigen Stamm des Baumes im Garten unter dem Fenster, im Morgenlicht, also der Text als vernetztes Fuchsienrot, der Text als funkenschlagende Rosenwolke, der Text als tränengesprenkeltes Hegelpärchen, -bärtchen, wohin?
Oder ist es eine Zitterwut eine zitierwut also dasz man sich nur noch zeigen kann in der wortverkleidung: in der Sprache anderer, weil man sich zurückgenommen hat in die äuszerste Lautlosigkeit Sprachlosigkeit Schweigsamkeit, weil man sich zurückgezogen hat in diesen äuszersten Winkel aus welchem man nur noch hervorzulugen vermag, schon beinahe teilnahmslos das Geschehen ringsum betrachtend, die Vielzahl der Standpunkte der vibrierenden Welt usw.
Ist es eine entfleischung frage ich mich frage ich dich, eine selbstauflösung, eine Zeit der Wirklichkeitsferne, ein treibender Schreibtisch mitten im Ozean meines Zimmers ?
jemand schüttelt plötzlich Pelztiere Pelztücher aus, ein milchiger Tag mit Schneepflügen in den Wolken, ein Strauch rieselt vorüber, Verstockungen in meinem Kopf / Vertrocknungen, die Umhüllungen sind abgefallen von meinem Korb eigentlich Kopf oder Korpus der nicht mehr zusammenhält sondern gemergelt leergedroschen geschrumpft und verwüstet ist ? wie stehe ich da, die Pelerine im Steinbruch die Mistelzweige im Fenster, maulwurfartig gibt es mich noch, Feuer und meine steirische Hitze stehen im Zusammenhang mit dem zu erstrebenden erleuchtenden Zustand eines magischen Flugs in die siebenten Stockwerke eines Himmels oder einer Bootsreise durch die Luft, eine ganze corona / Krone im Hausflur zusammengerottet als ich zurückkehrte, bandagierte Rosen im Garten im Regen, die Voralpen oder inneren Alpen sind arkaden-, akkordeonmäszig auseinandergefaltet eigentlich unterhöhlt wie Gaudíbezirke, mein steirischer Fliederbusch meine triefende Anemone erscheinen wunder- und hingeforstet am scharlachfarbenen Horizont (Esperanto-Park), usw., diese Himmels-Mimikry so durchflennt und durchfegt nämlich in tosenden Regengüssen über dem Kopf an fremdem Ort wie Hagelkörner gegen den Schädel, und ich war ohne Schirm und Kapuze (Skalpell), eine bonne eigentlich Haube für Kinder, an einem treibenden Schreibtisch in dieser Regenflut: auf einem Flosz durch die wellenreitende Landschaft, also «in Fluszarmen», nicht wahr. Oder was trieft da in mir drin irgendein Brunnen am Rande des Bahndamms wo in diesen düsteren Augenblicken die Peitschenlampen aufleuchteten: unstetes Licht das mir feucht einflöszte Angst und Benommenheit, manche Sommerkapitel sind noch nicht abgeschlossen, schreibe ich an H., aber wenn ich in deinen Briefen lese, ist mir zum Weinen, abermals Glockenschlag der lange nicht verhallt, endlich übergeht in ein metallenes Klingen am anderen Ufer des Flusses, vom anderen Ufer des Flusses her, wie wenn man nach jemandem sucht von dem man wohl weisz wo er sich aufhält, ihn aber nie zu Gesicht bekommt, usw.
So diese Hollandsprache der Wörter der Wortreihen der in einander verschränkten Sätze in ihren Magnet suchen wie Eisenspäne, die Unerbittlichkeit also im Halbdunkel des Humus, und dann in Wickelpapier die Zuckerportion am Herzen, während der Arzt mir das Morgen-EKG schreibt (konfabuliert), während ich liege auf einer mit weiszen Laken überzogenen Pritsche, strengstens versuchend mich festzusaugen an einer jener Stuckgirlanden der Zimmerdecke dasz sie in mir das geringste Unbehagen hervorrufen solle, während ein Insekt plärrend polternd gegen die Milchglasscheibe des Fensters schlägt, gestern am Weg mein linkes Auge verkürzt, der rasende Beinstrudel undsofort, kastrierte Musik aus dem Nebenraum es musz wohl am nahen Tunnel liegen, bin ja so glücklich über die eigene Post, dieses Geschwirr das mir quillt aus dem Mund oder wie die Menschen herumgehen ohne Angst vor einander drauszen im Regen.
Breton hat (wie Duchamp gesagt haben soll) die Welt geliebt wie ein Herz schläft nicht schlägt nein, schläft (der Traum der Reis die Nachttischchen der unerbittliche Komponist: Bela Bartóks Streichquartette, das Vierte von Sinnen), aber was ich gestern gedacht habe, kann heute ganz falsch sein.
Profillandschaft deines Gesichts, sah dich beim erstenmal von der Seite, da kam eine Frau auf dich zu und drückte dir etwas in die Hand und ich erinnere, was ich dachte: mit dem kannst du pferde stehlen, obwohl du krank aussahst, dann zog die Spitze nach unten ins Wasser vielleicht Tartaren-, Arterienreise, Wandertrieb, Bedenkenlosigkeit also um eine Ecke herum ? das hat mich verwirrt.
Ist sich etwas versagt haben gleichbedeutend mit etwas unterlassen haben, frage ich mich frage ich dich, oder hat entsagen etwas mit scheitern zu tun, ich versage, bin (vulgär) ein Versager, also Versagender, ich versage / scheitere in dieser und jener Situation, aber heiszt entsagen nicht auch abschwören, jemandem etwas versagen, verweigern, verderben: ein knabe der mir das feuer verdarb, jemanden aufgeben, seinem Glauben entsagen, dem Dank und der Liebe ? damals in früher Zeit die Vorstellung, ich könnte, damit mir für spätere Jahre, Jahrzehnte die Fülle des Lebens bewahrt bliebe, in eben diesen jungen Jahren mich jedes Genusses, jeder Freude enthalten, mich aufsparen, bescheiden, zurücknehmen für das zu erwartende Nachher, eine Narrheit so scheint es.
Parkschleppe, -steppe im Ungenauen, vom Fenster aus und die tief hängenden gleichsam in die Tiefe gesogenen noch dicht belaubten Äste des Lindenbaums, die auf hypnotische Weise auch mich in den Abgrund zu ziehen versuchten wie doch diese Natur eine verschlingende alles vergeudende sei.
Wund wäre die Nahrung, lieber H., will sagen: eigentlich wäre ich lieber in der Fülle der Überfülle, wollte ich lieber die Fülle die Überfülle dir schreiben nämlich das Vergeudende, Sengende, Verzehrende, Verschlingende, das Verschwenderische, das Verschwendende: das verwüstende Feuer eben, und wie ich, die Arme ausgebreitet gegen den betäubenden Irrhain, gegen die hinreissende Bewaldung, gegen den Seelenpurpur, im wahrhaft obszönen Glück mich befinde, weil das ja wohl die Abseite meines Wesens sei, immer schon. Ich kann gar nicht so viel in mich hineinnehmen wie meine Augen fassen wollen, bin ertrunken in allem, aber ich habe es deutlich gesehen an jedem Ort abgöttisch: die überschwengliche Hitze das Spitzwegerichkraut, mit Herzklopfen und Beglückung ich sah eine alte Plantage, Kirschbaum an Kirschbaum, in seine Blüte war Frost gefallen, am Horizont der Maulbeerbaumhain dunkel umrandet . . .
aber da ist eben auch viel destillation grausamkeit separierung (spalierung) in mir eine erbärmliche Magerkeit, die sich auf die allerletzte Bastion zurückziehen will, allem entsagen will dumpf und spuckend, erstickend, du weiszt es, und eingeschränkt, dies Mausetotsein und dieses sich Totstellen: bin nicht da, bin nicht zu sprechen, das geht mich alles nichts an, habe eine Tarnkappe angelegt, will nicht gesehen werden, will nicht angeblickt werden, trage die alten Kittelchen usw., trinke nicht esse nicht schlafe nicht, kein Schattenrisz keine Verführung, die Hände still auf der Bettdecke, schreibe kapitelweise statt Endlossatz ? ach! mir versagen die Worte, einsiedlerisch in den Gesellschaftshütten indes bin ich geworden, du weiszt es, und bin wie der Sand der zusammenläuft in sich selber, rieselt und flieszt dasz eine Grube wird tiefes Grab (so in der Mitte des Sprechens und Schweigens) ?
ja, die Sumpfdotterblumen ich halte sie in der Hand, ein Oleanderbaum in hellrosa Blüte neben dem gelben Briefkasten an der Hauswand, diese ja diese meine unvergleichliche Bedürftigkeit (Dürftigkeit), und wie ich immer gleich untertan bin, jedem Beliebigem untertan, und auf einmal gingen viele Männer und Frauen zum Altar hinauf und begannen himmlisch zu singen zwei Stunden später die Glocken über dem Mondsee fingen zu läuten an und langsam kam ein Trauerzug mit Pferdegespann aus der Kirche, Tränen am Ufer. Man wendet sich ja mit Sühne-Blutstropfen an ihn («der zeigt sich immer so, an ganz unscheinbaren Dingen, so scheint Gott mit uns umzugehen . . .» Elke Erb) ?
bin jederzeit und für alle total verfügbar das ist mein Ruin muszt du wissen, mein Blutversteck, die Schreie klingen in meinen Ohren da habe ich keine Waffen mehr, das erste Morgenrot wovon die Rede ist, wenn Mutter, zum wievielten Male wohl, von diesem kreuzstich erzählt, den sie der toten Verwandten geben liesz, welche immer Angst gehabt hatte, scheintot begraben zu werden. Faule Äpfel auf einem Waldpfad alles überromantisch nicht wahr, ich schreibe ja sonst überhaupt und gar nicht, das Hermaphroditische ist es für mich, elektrisierend brillant virtuos, einen Pot Tee getrunken worauf mir das Herz fast zersprang, Entsagung: Kreuzigung auf dem Papier, vermutlich die einzige Überlebensrettung ins 21. Jahrhundert hinaus sage ich schreibe ich an H., also im Schneebereich einer astralen Struktur ablesbar, alle Adressen die du hast nämlich diese Verzauberungen, Himmelsregister.
Ist schon Nacht, sind das Mücken oder Schneeflocken? Habe mich dann mit diesen musikalischen Fliegen-volants durchs Zimmer gewirbelt, und als ich schon abgeschaltet hatte mein Wiesengrammophon, widerhallte das Zwillingsgewölb des Waldes noch lange die eben verklungenen Phantasien.
Friederike Mayröcker lebt als Schriftstellerin in Wien. Ihr jüngster Roman, «Stilleben», ist 1991 erschienen.