NZZ Folio 11/99 - Thema: Echtzeit   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- Schein und Sein

Von Thomas Brunnschweiler

KLOTZEN, nicht kleckern! Das scheinen sich die Tabakhändler zu sagen, die Premium-Cigarren gleich bundweise offen in ihre Schaufenster legen. Schliesslich muss man ja zeigen, was man hat. In einem renommierten Cigarrenladen habe ich vor kurzem über 1800 Puros gezählt, die als Schaufensterdekoration der gehobenen Art zu dienen hatten. Unsympathische Protzerei! Bereits rudimentär gebildete Cigariers wissen, dass die teuren Braunhäute vertrocknen und ausbleichen, wenn man sie nicht in einem befeuchteten Raum oder einem Humidor aufbewahrt.

Cigarren offen ins Schaufenster zu legen ist etwas Ähnliches, wie teuren Bordeaux zu entkorken und als Blickfang verdunsten zu lassen. Mit solch verschwenderischen Auslagen machen Tabakläden nur auf Leute Eindruck, die nichts von Cigarren verstehen oder sie bloss als tote Ware betrachten. Einem Aficionado oder einer Aficionada schneidet der Blick auf einen Bund verdorrender Cigarren ins Herz. Auch die mögliche Ausrede, die Braunen liessen sich im Humidor regenerieren, ist schal angesichts des Frevels, der hier stattfindet. Es stellt sich die Frage: Sind die Verantwortlichen, die ihre Puros dermassen malträtieren, dumm oder zynisch?

Die Händler legen die Cigarren sicher nicht aus Dummheit ins Schaufenster - wenn man Dummheit mit Nichtwissen gleichsetzt. Natürlich wissen sie um die Verschwendung, aber sie haben nun einmal einfach so viel Edelware, dass sie einen Teil davon opfern können, um Kunden anzulocken, die nicht weiterdenken. Wer gibt mir nämlich die Gewissheit, dass ich in einem solchen Laden nicht Cigarren kaufe, die schon wochenlang auf dem Trockenen lagen? Das Motiv des Tabak-Sakrilegs ist reiner Zynismus. Die wenigen, denkt man, die etwas von fachgerechter Lagerung verstehen, fallen nicht ins Gewicht, der Effekt der Überfülle bringt mehr Nutzen als Schaden - kurz: Der Zweck heiligt die Mittel.

Über die Namen der kulturlosen Banausen breite ich den Mantel der Barmherzigkeit; ihre Läden meide ich, denn ich versuche auch beim vergänglichsten aller Vergnügen Schein und Sein zu unterscheiden.


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