Unter den meistgenannten Gründen für die schwindende Rolle des Hochdeutschen in der Schweiz befinden sich diese: Die Hochsprache klinge gekünstelt und steril, die Mundart aber habe Wärme und Saft. Beide Gründe sind zur Hälfte falsch.
Es ist ausgerechnet ein Deutscher, der sich die Freiheit nimmt, dies zu behaupten - indessen einer, der drei mildernde Umstände ins Feld führen kann: 15 Jahre Abonnent der NZZ, 32 Jahre Mitglied im Schweizer Alpenclub und 34 Sprachkolumnen an dieser Stelle, die alles in allem mehr Beifall als Widerspruch gefunden haben.
Natürlich ist im Schweizerdeutschen viel Farbe und Kraft - doch nicht mehr so viel wie in anderen deutschen Dialekten. Weil nämlich die Mundart, in der Schweiz und nur in ihr halb und halb in den Rang einer Hochsprache aufgestiegen, sich mit den meisten Nachteilen einer solchen vollgesogen hat. In Deutschland und Österreich sind bürokratische Floskeln und soziologische Blähungen auf die Hochsprache beschränkt. Im Schweizer Fernsehen wird man dagegen erschüttert Zeuge, wie die hässlichsten Kopfgeburten der Schriftsprache sich in der Mundart breitmachen: Rationalisierigsbesträbige oder ischlägigi Verlutbarige. Dergleichen auf bayerisch oder plattdeutsch auszudrücken ist absolut unmöglich. Die unangefochtene Rolle der Hochsprache hält die Dialekte Deutschlands und Österreichs von solchen Zwittern frei - sie bleiben die Heimat von Wärme und Witz. Die Deutschschweizer aber sind dabei, mit der Abkehr vom Hochdeutschen zugleich ihre Mundart zu verkünsteln.
Auf andere Nachteile ist oft hingewiesen worden: auf den Ärger der Romands, dass sie eine Landessprache lernen müssen, die in Zürich keiner spricht; auf einen möglichen Verstoss des Schweizer Fernsehens gegen seinen Auftrag, «die nationale Einheit und Zusammengehörigkeit zu stärken». Die Mehrzahl der ausländischen Touristen schliesst man von der zwanglosen Kommunikation aus; und ist es nicht ein Grund zum Stutzen, dass mancher alte Bergbauer besser, jedenfalls unbefangener Hochdeutsch spricht als ein Student in Zürich? Man könnte an einer Hochsprache teilhaben, die immer noch eine Weltsprache ist, ja seit 1989 ihre alte Rolle als Esperanto Osteuropas zurückerwirbt - und zieht sich statt dessen in eine folkloristische Nische zurück.
Gäbe es indessen eine Schriftsprache zur Umgangssprache - sie würde die Abkoppelung von der Weltsprache komplettieren. Schwer durchzusetzen wäre sie ohnehin, da die Basler und die Lötschentaler sehr verschiedene Forderungen an sie stellen. Wo sich aber, vor allem mit Hilfe der Werbung, eine Schriftform herausbildet, entsteht ein Schriftbild wie Für ä tüüfä gsundä Schlaaf, das für alle Nichtschweizer das Lächerliche streift; nur das Folio betrieb Selbstironie, als es seine wälschä Fründä darauf hinwies: Das Monatsmagazin vo dä Nöiä Züri Ziitig cha mär au separat abonierä.
Der Verdacht, viele Schweizer könnten den Dialekt in der Tat als unernst empfinden, beschleicht den deutschen Gast, wenn er die Mehrzahl der Fernsehwerbespots nach dem Modell gestaltet findet: In der Mundart unterhalten sich die Hausfrauen über die Vorzüge des Waschmittels; das krönende Schlagwort aber, die Schluss-Anpreisung wird den Zuschauern auf hochdeutsch eingehämmert. Sollte das Hochdeutsche vielleicht auch in Zürich nicht nur gelackt und steril klingen, sondern in höherem Grade glaubhaft und solide?
Bleibt die Behauptung zu begründen, dass die Hochsprache nicht notwendig ohne Herz und Farbe ist. Natürlich, Politik, Verwaltung, Wissenschaft brauchen einen Vorrat an abstrakten, aseptischen Wörtern, und für den ist das Schriftdeutsche der richtige Platz. Doch zwei Drittel des Wortangebots aus diesen Quellen sind Imponierjargon, Schwulst und Gewäsch, sie könnten und sollten gemieden werden - in allen Sprachen und Mundarten der Erde. Der Wärme, dem Witz und der Kraft steht das Hochdeutsche nirgends im Wege; man muss nur den richtigen Gebrauch von ihm machen.
Oder würde etwas an Komik verlorengehen, wenn man «Die drei gerechten Kammacher» oder die Stücklein Robert Walsers so vorläse, wie sie geschrieben sind? (Warum nicht mit einer landsmannschaftlichen Färbung, wie sie auch am Burgtheater üblich ist.) Und wer hätte je die Wärme vermisst im meistgesungenen Lied der Welt, «Stille Nacht»? Oder die Bildhaftigkeit, wenn er bei Kafka liest: «Silvester habe ich gefeiert, indem ich aufgestanden bin und dem Neuen Jahr die Stehlampe entgegengehalten habe. Feurigeres kann niemand im Glase haben.» In welcher Mundart liesse sich die fröhliche Tollheit von Heines Satz übertrumpfen: «Ich stand im Zenith meines Fettes und war so übermütig wie König Nebukadnezar vor seinem Sturze.» Oder wo wäre mehr Saft als bei Brecht: «Der Wind macht die Wolken, dass da Regen ist auf die Äcker, dass da Brot entstehe. Lasst uns jetzt Kinder machen aus Lüsten für das Brot, dass es gefressen werde.»
Pralles Hochdeutsch, liäbi Fründä! Wie schrieb Max Frisch? «Die Grosszahl der Dichter, die uns bestimmen, redeten hochdeutsch und schufen eine Sprache, die für uns dichtet und denkt.» Und eine Sprachgemeinschaft von hundert Millionen kann es verstehen.