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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Ehre, wem Ehre gebührt

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Treue Leserinnen und Leser erinnern sich an die «Duftnoten» vom November 2004 und Februar 2006, in denen ich beklagte, dass Guerlain mehrere seiner Parfums überarbeiten wolle, allen voran Mitsouko (1919), das wahrscheinlich beste Parfum der Welt. Mitsouko und alle anderen Parfums, die von Cotys legendärem Chypre (1917) abstammen, enthalten drei Grundsubstanzen: Bergamotte, Labdanum und Eichenmoos. Eichenmoos enthält sogenannte Harzsäuren, die die Haut reizen können. In sehr seltenen Fällen treten ziemlich üble Hautreaktionen auf.

Die höchste Konzentration von Harzsäuren findet man im Kolophonium, jenem Harz, mit dem man die Haare eines Geigenbogens einreibt. Aber Harzallergien sind nur das i-Tüpfelchen auf einer langen Liste von Leiden, die jedem Violinisten das Leben zur Hölle machen: Schürfspuren am Hals, Haltungsschäden, schlechtsitzende schwarze Kleidung, das Violinkonzert von Alban Berg.

Die Mengen von Harzsäuren, die in der Parfumerie verwendet werden, sind im Vergleich zu vernachlässigen. Aber nachdem die meisten grossen Gefahren wie Cholera und sowjetische Panzer aus unserem Leben verschwunden waren, haben EU-Politiker entdeckt, dass man auch auf kleinen Gefahren grosse Karrieren aufbauen kann, und versuchen, all die entsetzlichen Chemikalien in unserem Leben unter staatliche Kontrolle zu bringen.

Doch der Witz war: Kaum hatte die EU die Verwendung von Eichenmoos eingeschränkt, kam heraus, dass der Bösewicht das billigere Baummoos war, das zum Strecken des Eichenmooses benutzt wird. Aber den Geist eines Gesetzes wieder in die Flasche zu bannen, ist ebenso schwer, wie Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken, und so mussten sich die Parfumeure den neuen Richtlinien beugen.

Guerlain scheint es erst mit der Methode des Konzerns LVMH probiert zu haben: Man suche einen behelfsmässigen Ersatz und spekuliere darauf, dass es keiner merkt. Doch viele Menschen, nicht zuletzt Folio-Leserinnen und -Leser, machten sich Sorgen und schrieben beunruhigte Briefe, auf die sie nichtssagende Antworten erhielten. Guerlain war verärgert und heuerte einen jungen Mann an, der die finstere Tat ins Werk setzen sollte.

Erst als einige Leute im Haus selbst es ablehnten, an der Formel herumzudoktern, holte Guerlain den grossen Edouard Fléchier. Er hat einige Jahre über dem Problem gebrütet. Vor zwei Tagen erhielt ich eine Probe – Fléchier hat das Unmögliche möglich gemacht. Das neue Mitsouko entspricht allen Richtlinien und duftet sensationell: ein bisschen brotiger im Anlaut als früher, einen Hauch weniger süss im Fond, eine etwas kräftigere Irisnote im Herzen. Wenn ich zwischen dem alten und dem neuen Mitsouko wählen müsste, ohne alter Gewohnheit zu folgen, ich nähme vielleicht sogar das neue. Bravo!
Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.




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