DASS AUF EINER BERGWIESE Blumen blühen, ist eine überaus abstrakte Ausdrucksweise: Blumen - was für ein kühner Oberbegriff für so verschiedene Pflanzen wie Enzian, Nelkenwurz und Feuerlilie! Die Fülle der Erscheinungen in Oberbegriffe zu bündeln, war und ist eine der grossen Leistungen des menschlichen Verstandes, ein zwingender Lernstoff für Kinder, ein Lebenselixier der Wissenschaft.
Doch auf eben diese Leistung sollte jeder ausdrücklich verzichten, der anschaulich und lebendig schreiben will, ob Romane, Reportagen oder Briefe; von der Bergwiese sollte er sagen, dass auf ihr Akelei und Berghähnlein blühten, Knabenkraut, Teufelskralle und Vergissmeinnicht. Eine Minderheit aller Leser wird einen fröhlichen Strauss von Vorstellungen damit verbinden, die Mehrheit sich immer noch an den prallen, putzigen Namen freuen und eine buntere Wiese vor sich sehen als wäre da nur von «Bergblumen» die Rede gewesen.
Leser freuen sich über alles, was auf ihre Sinne wirkt; Schreiber haben da oft eine von drei Hemmungen. Viele Schreiber verlangen den abstrakten Oberbegriff, weil sie Verwaltungsbeamte oder Wissenschafter sind («Grossvieheinheit» für Rinder und Pferde, «Niederschläge» für Regen und Schnee). Andere trösten sich mit dem Oberbegriff und mogeln mit ihm, weil sie für das Vielerlei der Bergblumen keine Namen kennen, vielleicht sogar die Teufelskralle eher in der Hölle als auf einer Wiese vermuten.
Wieder andere flüchten sich in den Oberbegriff, weil die konkrete Einzelheit ihnen peinlich wäre. Manfred Stolpe, Ministerpräsident von Brandenburg und wegen seiner früheren Kontakte zum Staatssicherheitsdienst umstritten, sagte, dem Protokoll des Untersuchungsausschusses gemäss, am 12. Mai 1992, er habe «Aufgaben übertragen bekommen», sei «zu bestimmten Aufgaben eingewiesen worden» und habe «eine administrative Letztverantwortung» wahrgenommen, «verbunden mit einem umfassenden Verhandlungsauftrag zur Lösung von Problemen». Ganz klar: Die abstrakten Oberbegriffe waren Stolpes Mittel, mit Wörtern nichts zu sagen. Von einem Eiertanz zu sprechen, verbietet sich nur deshalb, weil Eier derart konkret sind, dass man die erhabene Begrifflichkeit der Stolpeschen Diktion damit gänzlich verfehlen würde.
Alle Leser dieser Welt aber lesen ungleich lieber Ei als «befruchtete oder nichtbefruchtete weibliche Keimzelle bei Tier und Mensch». Sie wollen sehen, hören, riechen, schmecken, spüren - nur dann springt ihnen das Leben aus dem Wort entgegen. Schreiber, die gelesen werden wollen, sollten also erstens den Wunsch haben, sich mitzuteilen, anders als Manfred Stolpe, zweitens möglichst viele Einzelheiten beim Namen nennen können und sich drittens, falls sie nicht bürokratisch erfassen oder akademisch publizieren, die Oberbegriffe ausdrücklich verbieten.
Leider haben viele, gerade gebildete Menschen das Gespür verloren, bis zu welchem Grad unsere Sprache von Abstraktionen durchsetzt ist. «Meyer war ein fröhlicher Mensch» beschreibt nichts, was der Schreiber beeiden könnte, sondern seine Folgerung aus Mimik, Laune und Redeweise. «In der Baracke gab es nicht einmal eine richtige Heizung», las man in einer Reportage aus einem Flüchtlingslager, und wieder erfahren wir nur, was der Schreiber aus dem, was er sah, geschlossen hat; wie schade, dass er nicht schreibt, was er gesehen hat - folgern könnten wir allein. Hat er vielleicht Lachen von rostfarbenem Wasser unter kalten Heizkörpern gesehen? Oder einen Heizlüfter von jämmerlicher Kleinheit? Oder einen Ofen mit geborstenem Rohr? Oh, hätte er eines davon genannt - die Verstandesleistung, dies als unzulängliche Heizung einzustufen, hätte jeder Leser leicht und gern aus eigener Kraft erbracht.
Anschauung! Das ist das Zauberwort. Wie begann Eichendorff seine Autobiographie - dass der Winter 1787/88 der kälteste seit Menschengedenken gewesen sei? Nein: So streng war er, «dass die Schindelnägel auf den Dächern krachten, die armen Vögel im Schlaf von den Bäumen fielen und Rehe, Hasen und Wölfe ganz verwirrt bis in die Dörfer flüchteten». Wie veranschaulichte eine Kulturgeschichte des Geldes den Weg von der Münze zum Papier? «Die römischen Legionäre trugen ihr ganzes Vermögen aus Silbermünzen am Leib; sie spürten bei jedem Schritt, wieviel sie besassen - auch wenn sie manchmal so schwer daran trugen, dass sie nicht mehr plündern konnten, sondern selbst geplündert wurden. Wenn heute jemand um sein Geld erleichtert wird, wiegt er meist genauso viel wie vorher.»
Nur Sinneseindrücke und Tatsachen zu schildern, die Folgerungen daraus aber dem Leser zu überlassen, hat noch einen weiteren Vorzug: den, dass der Leser sich nicht durch das Urteil des Schreibers bevormundet fühlt. Eine Gondel auf einem etwas übelriechenden Kanal, Marmorfassaden und Mauerschwamm, ein Gondoliere, der sich redlich müht, die «Capri-Fischer» ins Italienische zu transponieren - ist das nun romantisch, traurig, kitschig oder widerlich? Urteile selber, lieber Zeitungsleser oder Briefempfänger; ich sage dir nur, was ich hörte, sah und roch - und etwas anderes, lehrt alle Erfahrung, willst du auch gar nicht wissen.