SEIT JAHRZEHNTEN SCHON ziehen zur Weihnachtszeit die Lichterketten an der Zürcher Bahnhofstrasse Hobbyfotografen von nah und fern an und in ihren Bann. Mit respektabler Ausrüstung reisen sie herbei und stellen sich der Herausforderung, die da immer wieder lautet: Wie banne ich 39 786 Lichter stimmungsvoll auf ein einziges Bild?
Seit einiger Zeit hat nun diese verkaufsfördernde Art der Weihnachtsbeleuchtung ganz neue Strassenzüge und sogar Quartiere erobert, in denen gar nichts verkauft wird. Denn neuerdings machen auch immer mehr Privathaushalte die Passanten darauf aufmerksam, dass Weihnachten vor der Tür steht, indem sie Christbäume vor die Tür stellen. Hängten noch vor wenigen Jahren selbst kunstgewerblich vorbelastete Familienfrauen höchstens einen müden Strohstern oder ein bizarres Salzteiggebilde an die Haustüre, so ist mit solchen Minimallösungen heute kein Staat mehr zu machen.
Insbesondere in den reicheren Agglomerationsgemeinden ist in den letzten Adventszeiten dekorationstechnisch in fast schon beängstigendem Ausmass aufgerüstet worden, vor allem auf privater Basis. Waren es früher bloss einzelne Villenbesitzer, die mit einer speziellen Weihnachtsbeleuchtung ihre christlich-amerikanische Gesinnung kundtaten, so macht sich heute fast schon als Heide oder zumindest als Geizhals verdächtig, wer auf eine gebührend aufwendige Illumination seines Anwesens verzichtet. Endlose Lämpchenketten mit und ohne Blinkmechanismus, üppig bunt oder in schlichten Weiss- und Goldtönen umranken Busch und Baum und Haus und Hof.
Seit die Weihnachtszeit vorwiegend elektrisch eingeläutet wird, beschäftigt sich auch der Hausherr gerne mit der Adventsdekoration, denn Strom ist bekanntlich Männersache. Intelligente Steuerungen, die die Vorteile der Schaltuhr mit jenen des Dämmerungsschalters trickreich kombinieren, sorgen fürs pünktliche Anzünden und Ausschalten sowie fürs Energiesparen als solches. Alles vollautomatisch geregelt und individuell programmierbar, samt optionaler stufenloser Steigerungsmöglichkeit weihnachtswärts. So macht das Christfest allen Unkenrufen zum Trotz auch heute noch durchaus Sinn und Freude.