NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Der Mann, der sich 12 Mal erhängte

Anfang des letzten Jahrhunderts entdeckte Nicolas Minovici eine offene Frage in der ­medizinischen ­Literatur: Wie fühlt sich Erhängen an? – Er scheute keine Mühen, sie zu beantworten.

Von Reto U. Schneider

Die Arbeit «Etude sur la pendaison» («Studie über das Erhängen»), die der rumänische Gerichtsmediziner Nicolas Minovici 1905 publizierte, enthält alles, was man je über das Erhängen hat wissen wollen – und vieles, was man lieber nie erfahren hätte. Sie beginnt mit dem Satz: «Es gibt in der Gerichtsmedizin kein Thema, das zu mehr Diskussionen und wissenschaftlichen Irrtümern Anlass gab, als das Erhängen», und lässt auf den 238 Seiten danach keine Zweifel darüber aufkommen, dass dieser missliche Zustand mit der vorliegenden Publikation nun ein Ende haben würde.

Minovici sortiert 172 Selbstmorde nach Alter, Geschlecht, Zivilstand, Nationalität und Beruf der Opfer, er analysiert Ort und Jahreszeit, kategorisiert die Hilfsmittel – 39 Seile, 12 Gürtel, 1 Taschentuch… – und die verwendeten Knoten. All das natürlich erst, nachdem er eine saubere wissenschaftliche Definition geliefert hat: «Das Hängen ist ein gewalttätiger Akt, bei dem der Körper, aufgehängt am sich in einer an einem festen Punkt befestigten Schlinge befindenden Hals und seinem eigenen Gewicht überlassen, über das Seil einen starken Zug ausübt, was eine plötzliche Bewusstlosigkeit herbeiführt, die Atemfunktion stoppt und zum Tod führt.»

Trotz dieser Masse von Angaben scheint Minovici die Information in einem Punkt immer noch unvollständig: Wie fühlt sich das Erhängen an? Die einzige Möglichkeit, darüber etwas zu erfahren, war schnell ausgemacht: Minovici und seine Mitarbeiter mussten sich selbst hängen.

Ihre Experimente begannen ganz unschuldig damit, dass sie ihre Zeigefinger an die Halsschlagader drückten, bis ihnen schwarz vor den Augen wurde. Als nächstes unterbrachen sie die gesamte Blutzufuhr für den Kopf, indem sie eine «unvollständige Erhängung» simulierten, deren Resultat, wie Minovici begeistert schrieb, «alle unsere Hoffungen übertraf».

Die «Unvollständigkeit» der Erhängung bezog sich nicht etwa auf die Tatsache, dass Minovici dabei nicht starb, sondern darauf, dass er nicht mit seinem ganzen Gewicht am Seil hing. Er legte sich auf eine Pritsche, steckte den Kopf durch eine sich zusammenziehende Schlinge aus 5 Millimeter dickem Seil und fasste das andere Ende, das er an der Decke durch eine Rolle geführt hatte, mit der rechten Hand. Dann zog er am Seil, bis sich die Schlinge um den Hals zuzog und der Kopf sich anhob. «Obwohl wir das Experiment oft wiederholten, hielten wir es nie länger als fünf oder sechs Sekunden aus», schrieb Minovici. Das Kraftmessgerät an der Decke zeigte dabei an, dass mit etwa 25 bis 30 Kilogramm Gewicht an der Schlinge gezogen wurde, wenn Minovici das Bewusstsein verlor. «Das Gesicht wurde rot, dann blau, die Sicht verschwommen, in den Ohren begann es zu pfeifen, und der Mut verliess uns, wir beendeten die Experimente.»

Der Mut hat Minovici allerdings nicht verlassen, sein drittes und viertes Experiment durchzuführen. Für das dritte verwendete er eine Schlaufe aus Stoff, die sich nicht zusammenzog. «Ich liess mich sechs oder sieben Mal für vier oder fünf Sekunden hängen, um mich daran zu gewöhnen», schrieb Minovici. «Was ich an diesen ersten kurzen Versuchen am meisten spürte, war der Schmerz.» Umso erstaunlicher, dass er «ermutigt von diesen ersten Experimenten» am nächsten Tag länger dauernde unternahm.

Nach etwas Training hielt Nicolas Minovici es schliesslich 26 Sekunden aus. Die von der Schleife verursachten monströsen Schmerzen hielten zehn bis zwölf Tage an, was Minovici allerdings nicht daran hinderte, sein Königsexperiment durchzuführen: das richtige Erhängen mit einer Schlinge, die sich zusammenzieht. Wie bei allen vorherigen Experimenten entschuldigt sich Minovici wieder dafür, dass er und seine Mitarbeiter «trotz all unserem Mut dieses Experiment nicht länger als drei bis vier Sekunden ertrugen».

Die Arbeit enthält ein Foto von Minovicis Hals, das seine nüchterne Feststellung illustriert: «Die Verletzungen des Halses als Folge der Experimente waren von einer grossen Vielfalt. Die Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein sind fast unvermeidlich. Nach dem letzten Ex­periment hatte ich einen Monat lang Schmerzen.» Im Bild hat er akribisch die Blutergüsse von «unvollständiger» und «vollständiger Erhängung» markiert.

Zur Nachahmung empfohlen

Minovici weist in seinem Artikel mehrmals auf die Gefährlichkeit der Versuche hin. Umso rätselhafter ist es, warum er sich jeweils hochziehen liess, bis seine Beine einen oder zwei Meter über dem Boden baumelten, wo doch bereits in fünf Zentimetern Höhe das exakt gleiche Resultat zu erwarten gewesen wäre. Bei einem der Versuche wurde ihm das denn auch beinahe zum Verhängnis. Der Assistent, der am Seil zog, wollte Minovici am Ende des Versuchs mit den Armen auffangen, weil er befürchtete, er würde ohnmächtig. Doch das Seil verhedderte sich, und Minovici – obwohl auf den Armen des Assistenten – hing immer noch mit grossem Gewicht in der Schlinge.

Minovicis Studie zählt zu den Klassikern der forensischen Medizin. Zu den darin enthaltenen Erkenntnissen gehört etwa, dass die Lage der Schlinge am Hals entscheidend ist. Einer von Minovicis Mitarbeitern brachte es mit der Schleife, die sich nicht zusammenzog, auf dreissig Sekunden, weil er das Seil geschickt positionierte. Minovici korrigierte auch die Ansicht, dass die meisten Erhängten ersticken würden. Der Tod sei vielmehr auf die unterbrochene Blutzufuhr im Gehirn zurückzuführen.

Wer das alles nicht glauben mag, den lädt Minovici ein, «unsere Resultate ohne Gefahr für sein Leben zu überprüfen. Man braucht sich nur hinzustellen und eine Schlinge um den Hals zu legen, deren anderes Ende zu einem Zugapparat führt. Und sobald man einen Zug von drei bis vier Kilogramm verspürt, der Körper sich zu heben beginnt, die Füsse den Boden nicht mehr berühren, werden die Schmerzen unerträglich, so dass man das Erhängen bald aufgibt.»

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.