In einer Ballade Spittellers gibt es einen Sklaven, der sich bei der Arbeit besonders ungeschickt anstellt. Vom Aufseher nach seinem Beruf gefragt, antwortet er: «Herr, nur ein König.» Das Understatement der Antwort ist ihr Wahrheitsbeweis. Sie erinnert keineswegs an die Umkehrbarkeit aller menschlichen Verhältnisse. Sie stellt den Aufseher an seinen Platz. Die Literaturgeschichte kennt einen nur scheinbar umgekehrten Fall: den kranken Hölderlin, der die Besucher in seinem Tübinger Turm als Majestäten und Eminenzen zu titulieren pflegte. Die einzige ihm noch mögliche Form, Abstand zu halten.
Der eingebildete König, der in Devotion ersterbende Sklave - als die Psychiatrie noch ein Irrenhaus war, weidete sich der bekannte Witz an ihnen. Kleinlaut wurden die Knieschläger erst, wenn das Sonderbare ihnen über war, wie in der Kunst, oder über ihnen, wie beim Adel. Eins wie das andere bleibt eine Provokation in Gesellschaften, die gleiches Recht für alle verlangen und nun erleben, dass einige doch gleicher sind als andere. Oder noch befremdlicher: anders sind, geborene Andere. Nicht bloss «bessere Leute»: un-gemeine. Solche, die nicht nur besseren Stoff anhaben, sondern aus solchem sein sollen.
Logisch, dass man sie dann nackt sehen will. Am einfachsten lässt sich der Klatsch- und Operettenadel seiner Fremde entkleiden: die Prinzess, die schon wieder ein Uneheliches erwartet; der Prinzgemahl, der sich beim Speedboaten den Kopf abreisst; der Kronprinz, der seinen Zimmerpflanzen Gutenachtlieder singt und sich als Tampon im Leib seiner Freundin verkriechen möchte. Das ist Adel zum Anfassen und Heruntermachen, den man für die nächste «Glückspost» wieder aufbauen kann. Der hält einen mit dem Schaden, den man ihm schaudernd wünscht, ein wenig schadloser für das versagte Glück in der eigenen Haut, die Enge der eigenen vier Wände. Wir wussten es ja: die tun nur so als ob. Alle aus demselben Dreck wie wir. (Eben drum wär's dann auch wieder zu schön, wenn doch alles Gold wäre, was da so glänzt . . .)
DIESEN DOPPELKITZEL KENNEN WIR AUCH aus dem Innenleben unserer missgünstigen Republik. Ihre Legende will, dass wir keinen über die Hutschnur wachsen lassen, ohne ihn einen Kopf kürzer zu machen. Siehe Hans Waldmann - und doch bleibt er der einzige, dem die Zürcher ein Reiterdenkmal gesetzt haben. Als «Princeps» und Eisenbahnkönig musste sich Alfred Escher zum Abdanken bequemen; jetzt reicht seinem Standbild auf dem Bahnhofplatz ein zu kleiner Genius hinterrücks und fast verzweifelt den Lorbeer nach. Und wer hat in Zürich die meisten jubelnden Demokraten auf die Beine gebracht? Willem Zwo, der oberste Kriegsherr aus dem grossen Kanton, als er sich in der Uniform eines eidg. Obersten für das gelungene Kaisermanöver huldigen liess.
Überhaupt: was wehte in der guten alten Milizarmee für eine junkerliche Luft, sobald man den schweisstreibenden Filz unter sich liess! Der erste Klasse fahrende Leutnant wusste selbstverständlich, dass er die obligatorischen Handschuhe nicht durch das Tragen einer Tasche entweihen durfte. Er genoss das unerhörte Privileg unbeschränkten Ausgangs - dafür erwartete man, dass er um sechs Uhr früh, hohläugig oder nicht, seine «Zugschule» kommandierte, als dirigiere er ein Ballett. Eines Tages, zwischen «Spezialkurs» und Offiziersschule, geschah es uns «Aspiranten», dass wir in der Bülacher Kaserne unsern Tisch weiss gedeckt fanden: Schluss mit Essen «fassen», Schluss mit jedem «Inneren Dienst». Aber nach der Kaffeestunde in Polsterstühlen frassen wir draussen den Staub der «Kampfbahn» wie noch nie. Von Stund an wussten wir, dass wir Herren waren, und wurden auch von unsern Schleifern so angeredet. Wussten die Armeereformer, was sie taten, als sie die Anrede abschafften? Die Totenstarre der Achtungsstellung durch eine lachhaft versteifte Grätsche ersetzten? Von da an war kein Halten mehr - wie in der Römischen Kirche nach Abschaffung des Lateins. Es sind nicht die Eigenschaften des Bürgers, welche die Uniform kultiviert: in dieser Optik dient sie nur noch der Erheiterung. Es ist die Mystik des Opfers.
«IN TREUEN TUT'S DER RITTER, OHNE LOHN.» Über Kosten-Nutzen-Rechnungen erhaben zu sein; eine Sache um ihrer selbst willen tun; über Schaden weder zu jammern noch Ersatz dafür einzuklagen: das gehört zum Code der Noblesse. Herrschen und Dienen sind ihr eins. Dass Fragen unritterlich sei, erfuhr Parzival in der Schule des Gurnemanz. Aber erst, wenn die Zeiten feudalen Privilegs hinfällig geworden sind, zeigt sich Fraglosigkeit als Verdienst - ein Wort, das der wahre Ritter nur mit dem sächlichen Artikel kennt. Geld-Adel: das bleibt ein Widerspruch in sich. Der Bürger, der über das Verdienen zum Verdienst und gar zu einem Adelsbrief gekommen ist, muss erfahren, dass einem zu dieser Würde alles fehlt, wenn er sich mit ihr schmückt. Die Noblesse, die ihm dann noch bleibt, besteht in der Geringschätzung seines Neureichtums - ein gewisser Ludwig von Wittgenstein hat ihn geradezu verschenkt. Wo - wie in Oxbridge - Gentleman-Akademiker ausgebrütet wurden, suchte, wer von Haus aus s(ine) nob(ilitate) war, diesen Defekt durch «Snobismus» zu überspielen. Wahre Subtilität aber erreichte der Snob erst im Dandy, dem epochalen Gegen-Typ des industriegesellschaftlichen Parvenus. Er spielte den abgetakelten, den armen Ritter, dessen Tugend ihre Herkunft aus der Not verleugnet und als reiner Luxus aufzutreten weiss. Hier wird die Simulation perfekt, Adel zur schönen Kunst. Die stolze Reduktion auf Schwert (bzw. Florett) und Feder - sie gehört seit Wolfram von Eschenbach zur Grundausstattung aristokratischen Geschmacks. «Herr, nur ein König» lautet in literarischer Übersetzung: «Ses ailes de géant l'empêchent de marcher» (Baudelaire). Es ist der edelmännische oder der herrische Gestus, der seine absence vom Markt zelebriert: dédain und ennui. Aber auch: die wahre passion. Die vollkommene Personalunion von Dandy und Märtyrer, Ritter und Phantast, Armut und Poesie tritt uns in der Traurigen Gestalt Don Quixotes entgegen: als leib- und lachhafte Erinnerung daran, dass in der verkehrten Welt der Realisten nur der seinerseits Verkehrte, der Narr, etwas von der Richtigkeit des Homo dei bewahrt.
SO KONSERVIERT, WIE DIE BLAUE BLUME, auch das blaue Blut etwas von der Utopie der wahren Welt, die ihrer Veruntreuung durch die Warenwelt widersteht. Wie glänzten die Augen meines Geschichtslehrers beim Nachweis, die Französische Revolution sei selbstverständlich von Aristokraten, den Mirabeaus und Sièyes, gemacht worden - Edelleuten, welche das Elend des Volkes, noch mehr aber die Verbindung mit der eigenen Klasse, aus Geschmack nicht ertrugen. Georg Büchner hätte kaum widersprochen, der das Huhn in jedem Topf nicht als das Ziel, sondern als das Ende aller Revolutionen betrachtete.
Überhaupt geben «links» und «rechts» in der radikalen Welt des Dandys keine brauchbaren Orientierungen her. Der erzkonservative Junker von Bismarck dürfte in seinem politischen Leben keinem so ebenbürtigen Partner begegnet sein wie dem revolutionären Dandy Lassalle. «Ich dien'» (die Devise der Windsors) und Ulrich von Huttens: «Ich hab's gewagt» - das sind die Pole, zwischen denen sich das Firmament wahren Adels spannt. Er weiss nichts von einer Welt, in der gedient wird, um zu verdienen, und wo die Rede ist von einem «kalkulierten Risiko», das sich «lohnen» muss. Vor welchem Mass? Dagegen Madame de Meuron: «Syt Der öpper oder nämet Der Lohn?» Lohnabhängigkeit darf der Ritter nicht nötig haben - wenn er Not leidet, am allerwenigsten. Dann ist er arm wie Lessings Tellheim oder Fontanes Poggenpuhls. Keine Stilmöbel mehr. Nur noch Stil.
DAS AURATISCHE der aristokratischen Existenz ist unnachahmlich: desto unwiderstehlicher der Reiz zur Nachahmung. Die bürgerlichen Ideale haben nie aufgehört, nach den aristokratischen zu schielen, nach Grazie und Noblesse; sie sind als Katalysatoren am Aufbau aller Nachfolgegesellschaften beteiligt gewesen. Bis heute, und heute wieder. Hinter dem vom feministischen Diskurs abgebauten «Kavalier» taucht der Mann mit unverkennbar «ritterlichen» Zügen wieder auf (von der «Dame» gilt das Analoge); der am Arbeitsplatz eingesparte Dienst wird in wahrer Freizeit-Fron nachgeholt, und der zielgenau ausgebildete Spezialist soll - wenn er nur wüsste wie - dem kreativen Generalisten Raum geben.
Da sehen das Gentleman-Ideal der klassisch-englischen, der zweck-freie Bildungsbegriff der Humboldtschen Universität auf einmal gar nicht mehr so alt aus. Ein Gentleman sei «acceptable at a dance and invaluable in a shipwreck», habe ich in der Schule gelernt - und mir scheint, dieser Charakter des flexiblen Dilettanten gleiche demjenigen, den die postindustrielle Gesellschaft zur Lösung ihrer Probleme sucht: überall dienstfähig aus Liebe zur Selbstverpflichtung.
WAS IMMER DEN ADEL BINDEN MAG: die Grenze der Nation hält ihn nicht; auch nicht in der Alten Eidgenossenschaft, die natürlich viel mehr, als unseren Legenden lieb ist, das Werk ländlicher Junker war. Ihre Verbindung zum Volk bewahrte sie eher davor, ihr aristokratisches Wesen zu verlieren, als ihre Standesgenossen an den grossen europäischen Höfen. Aber mit ihrer lokalen Verwurzelung korrespondierte eine kosmopolitische Dimension ihrer Lebensart; diese doppelte Fundierung der Schweiz ist aristokratisch, ein Relikt des alten Kaiserreichs, in dem «Freiheit» noch so viel hiess wie «Privileg».
Vor dieser Föderation der Ungleichen hat die Modernisierung - auch die politische - nicht Halt gemacht, aber die Nationalisierung stiess an unüberwindliche Grenzen. Die Schweiz ist, mit Glück und Geschick, ein Staat geworden, aber keine Nation; dass Ungleiches ungleich zu behandeln sei, diese aristokratische Version des Gerechtigkeitsprinzips, bleibt bis heute die Conditio sine qua non unserer staatlichen Existenz. Das heisst: dieses Land ist ein Boden für Patrioten und Kosmopoliten (die eins nie ohne das andere sein können); es ist kein Boden für Nationalisten. Wir können ein interessantes Gemeinwesen sein, vom alten Europa geprägt, in ein neues Europa hinausdeutend. Ein «einzig Volk von Brüdern» sind wir nicht, Gott sei Dank.
APROPOS SCHILLER: Goethe hat sich gegenüber Eckermann laut gewundert, wie man Schiller für den besseren Volksfreund habe halten können als ihn selbst; Schiller sei noch Aristokrat gewesen, wenn er sich die Nägel beschnitt. Es gibt auch keine adligere Definition des Schönen als die Schillersche: «Freiheit in der Erscheinung.» Diese beginnt erst recht zu leuchten, wenn die Erscheinung die dürftigste ist, und die äussere Freiheit verspielt. «Herr, nur ein König.» Darauf gibt es keine Antwort als die einfachste und schwierigste: selbst jemand zu sein.
Den empfindlichsten Sinn für wahre Rangverhältnisse findet man bei dem Volk, das Exklusivität - auch die auf seine Kosten - am nachhaltigsten kennengelernt hat: den Juden. Das Schicksal, von Gott erwählt zu sein, verpflichtet nicht nur zum strengsten Mass der Selbsteinschätzung, es befähigt auch zum radikalsten Witz: dem über sich selbst. «Ich nenne Ljublin meinen Geburtsort, - auch eine würdige, altersgraue Stätte, von der man einen Fonds von sévérité ins Leben mitnimmt, un état d'âme solennel et un peu gauche» - so Samuel Fitelberg, der Thomas Manns deutschen Tonsetzer umsonst in die grosse Welt zu locken sucht. Aber einer, «der das alte Testament im Leibe hat», vermag die Finesse des Fehlschlags zu goutieren. Das ist blaublütige Gesinnung: der aristokratische Geschmack eines Volkes, dem auch der Schutz des Höchsten - Gottes, oder des Kaisers - nicht immer gut genug war - zum Überleben.
Der Kern vornehmen Wesens ist Selbstachtung, und da sie nicht käuflich ist, ist sie nicht zu bezahlen. Sie hat dem armen Samurai geboten, seinen Zahnstocher auch dann zu benützen, wenn er nichts zu beissen hatte: ist das etwa ein Grund, den fröhlichen Esser nebenan zu inkommodieren? Die vornehmste Art, Sprache in den Mund zu nehmen, bleibt das Understatement. Das exzessivste habe ich in den Briefen gefunden, die Winston Churchill dem Präsidenten Roosevelt während des Krieges schrieb. Wie unterzeichnete der ehemalige First Lord of the Admiralty, der gegenwärtige Prime Minister of the British Empire? «Former naval person.» Einer unter vielen, die namenlos in der Flotte dienten - aber aufgrund dieser Signatur: WELCHER Flotte! Es ist dieselbe Freiheit des Geistes, die der gleiche Mann, mitten im Krieg, denen zugestand, die den Kriegsdienst verweigerten. Für diese Art Freiheit - was denn sonst? - wurde der Krieg gegen Hitler geführt. Und: noblesse oblige. Wenn sie den Feind nicht bindet: too bad for him. Und im übrigen: sein Problem.
Adolf Muschg, Schriftsteller, lebt in Männedorf ZH.