Von Lenzburg nach Möriken fahren ist wie einen Katalog für Reiheneinfamilienhäuser durchblättern. Dass es in Möriken selber ähnlich aussieht wie auf dem Weg dorthin, erstaunt, denn da sind die Thut Möbel zu Hause.
Thut Möbel sind schlanke Möbel. Sie leben am Existenzminimum, das ist ihr Luxus. Ein Bett von Thut, zum Beispiel das Scherenbett, hat nur das, was nötig ist, um als Bett erkannt und genutzt werden zu können. Thuts sind auch erfinderisch. Sie haben etwas, was sonst keiner hat: Der Aluminiumschrank hat eine Form, die sich den je verschiedenen Raumbedürfnissen von Hemden, Blusen, Pullovern einerseits und Jupes, Anzügen, Mänteln andererseits anpasst. Ein Thut hat Witz: Der Kleiderständer sieht aus wie ein Strichmännchen und Hungerkünstler. Und ein Thut scheint, was er ist: Das Skelett aus Buche und Flugzeugsperrholz des Folienschranks etwa ist von aussen sichtbar. All das zusammen gibt: Schönheit.
Thut wuchs mit Gladiolenbildern auf. Sein Vater hatte eine Schreinerei, für die Planzeichnungen kam jeweils ein Innenarchitekt. Der kleine Kurt hörte den Vater mehrmals sagen: «Innenarchitekt müsste man sein, dann wäre man reich.» Mit dem Ziel, reich, also Innenarchitekt zu werden, besuchte Thut die Kunstgewerbeschule in Zürich. Einmal ging er ins Kunsthaus und sah Bilder von Piet Mondrian. Er war wie vom Blitz getroffen: Das ist der Höhepunkt und das Ende der Kunst, dachte er. Thut war angefixt. Nicht von der Kunst im Allgemeinen, sie bedeutet ihm bis heute nicht allzu viel, aber von diesem Willen zur Reduktion.
Thut entdeckte die klassische Moderne. Vor allem Mies van der Rohe. Wenn Thut heute den Katalog anschaut, den der Möbelhändler Teo Jakob 1985 zu ihrer 30-jährigen Zusammenarbeit veröffentlichte, wird ihm fast schlecht. Seine Möbel haben nichts Eigenes, der Geist von Mies stand über, hinter, unter, in ihnen. In den Siebzigern dann der Versuch, sich vom Angebeteten zu emanzipieren: «Eine schittere Zeit.» Nichts fiel ihm ein. In seiner Orientierungslosigkeit kam er in gefährliche Nähe zu den Gladiolenbildern seiner Kindheit.
1986 dann der Aluminiumschrank, die eigene Sprache, der internationale Durchbruch. 1990 das Scherenbett. Man lobte die Frische und Jugendlichkeit und fand es sehr anregend. Thut war damals 59. Wie entstand das Scherenbett? Wenn Thut in einem Hotel übernachten musste, stand das Bett für seine Begriffe häufig am falschen Ort. Es zu verschieben, war gar nicht so einfach. Entweder war das Bett mit Bettstatt und allem Drum und Dran zu schwer, oder man stand plötzlich da und hielt nur den Rost in den Händen oder was auch immer. Diese Erfahrung und sein stetiger Wille zur Reduktion liessen ihn fragen: Was ist absolut notwendig? Wie kann man mit möglichst wenig Material ein Bett machen? Thut stellte fest: Die Essenz des Bettes ist der Rost. Vielleicht eine Holzplatte mit Matratzenhaltern? Braucht viel Material, und die Matratze kann nicht atmen. Ein Rost also, der ohne Rahmen auskommt. Entwurf um Entwurf landete im Papierkorb. Er probierte das und jenes. Immer war ein Haar in der Suppe. Bis die Suppe einmal auf einem Pfannenuntersatz auf den Tisch kam. Voilà! Das war es! Das Scherengitterprinzip wurde auf den Rost übertragen und gab dem Bett den Namen: Scherenbett.
In den ersten zwei Jahren fabrizierte man es als in der Länge ausziehbar, was bedeutete, dass verschiedene Masse gefertigt werden mussten. Masse für 120, 140, 160, 180 cm Breite. An einer Messe plötzlich der Geistesblitz: Das Bett muss man doch in die Breite ausziehen können! Wir waren blind, so blind, sagt Thut. Diese Blindheit ist ihm noch heute unverständlich.
Seither ist das Bett aus Buchenholz von 80 cm bis 180 cm Breite stufenlos verstellbar. Auf 16 cm Höhe passt es sich allen Lebenslagen an: Ob man alleine, zu zweit oder zu dritt schläft, man muss einzig die Matratze wechseln. Wer umzieht, verschiebt 28 Kilogramm. Das Bett fürs Leben kostet um die 2000 Franken. Wer es selbst montiert, zahlt 1200 Franken.
Kurt Thut ist jetzt 70 Jahre alt. Den Betrieb in Möriken, den er 1976 von seinem Vater übernommen hatte, leiten inzwischen seine Söhne. Aber er ist noch präsent. Er wirkt so frisch und fein wie ein Maiglöckchen. Und er ist bescheiden geblieben, das sagen alle. Thut weiss nicht so recht, ob ihn das freuen soll, denn: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr, sagt er. Na, na, Herr Thut. Immerhin haben Sie Designgeschichte geschrieben. Thut trocken: Aber reich geworden bin ich nicht dabei.