NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Balkan ohne Ende

Von Daniel Weber

«Der Balkan», hat Churchill einmal gesagt, «produziert mehr Geschichte, als er verbrauchen kann.» Die Geschichte, die der Krieg um Kosovo produziert, ist eine des Schreckens und des Leidens; und täglich wird ihr ein neues Kapitel hinzugefügt. Das Leid der Opfer, der Hunderttausenden Vertriebenen, schockiert uns. Doch es gibt auch das, was die Amerikaner «compassion fatigue» nennen: die Zermürbung des Mitleids, wenn das Leid kein Ende nehmen will.

Wer verstehen will, wie es auf dem Balkan soweit gekommen ist, könnte verzweifeln. Wer ist im Recht, wer im Unrecht? Naiv, wer die Frage stellt und eine klare Antwort erwartet. Denn historische Fakten, Mythen, legitime Ansprüche und ideologische Verblendung sind auch im Kosovo-Konflikt nur schwer zu entwirren. Und wie immer der Krieg ausgeht: Die Region wird nicht zur Ruhe kommen, weil eine Lösung, die alle zufriedenstellt, nicht denkbar ist.

Hellsichtige Beobachter sahen 1991 voraus, dass der Zerfall des von Tito geschaffenen Jugoslawien den Balkan in einen Abgrund von Nationalismus, «ethnischer Säuberung» und Krieg stürzen würde. Die pessimistischen Voraussagen wurden bestätigt durch die drei Kriege in Kroatien, Bosnien und Kosovo.

Hätte man sie nicht verhindern müssen und können? Diese Frage steht unausgesprochen im Zentrum dieses Hefts. Wir zeichnen die letzten zehn Jahre der Entwicklung in und um Kosovo nach. Geprägt wird sie von der Machtpolitik des serbischen Führers Milosevic, der bisher jeden Krieg verloren hat ausser den gegen die Opposition im eigenen Land. Geprägt wird sie aber ebenso von der ungeklärten albanischen nationalen Frage - sieben Millionen Albaner leben verteilt auf fünf Balkanstaaten. Der Westen ist mit seinen diplomatischen Bemühungen gescheitert und hat mit dem Entscheid, Serbien zu bombardieren, eine zweifelhafte Strategie gewählt.

Ausserdem berichten wir darüber, wie auf dem Balkan die Politik - nicht nur Serbiens - den Alltag vergiftet hat. Und wir lassen eine junge serbische Schriftstellerin zu Wort kommen, Biljana Srbljanovic, die, unter dem Beschuss der Nato in Belgrad ausharrend, ihre Schuld bekennt: ohnmächtig geblieben zu sein.




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