|
|
NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Schau ihm in die Augen, Kleines
© Tom Eklund
|
| Guck mal, wer da spricht: Die finnische Urbevölkerung glaubt, im Nordlicht ihre Ahnen zu sehen und zu hören. |
|
 |
Eine Legende sagt: Kinder, die ins Nordlicht blickten, stehen unter dem Schutz der Götter. Aberglaube, dachte ich. Bis ich Vater wurde. Was mir widerfuhr, als ich meine Tochter nach Lappland trug.
Von Mikael Krogerus
Es war Anfang April, und ich stand auf dem zugefrorenen Inarisee in Nordlappland. Meine Tochter war notdürftig an meinen Rücken geschnallt, langsam wurde es dunkel. Weil ihr die Wörter fehlten, sich zu beschweren, weinte sie.
Zahllose seriöse Studien belegen, was die Erfahrung ohnehin lehrt: Wenn aus Söhnen Väter werden, kommt es zu Kurzschlusshandlungen. Mancher überprüft stündlich, ob das Kind noch atmet, andere schliessen eine Lebensversicherung ab – alles, weil man glaubt, selbst ein Regentropfen könnte dem eigenen Kind etwas anhaben. Mein Vergehen: Ich habe an ein Märchen geglaubt.
An einem Aprilmorgen stieg ich mit meiner Tochter in Zürich ins Flugzeug. Das Ziel unserer Reise war Inari, der heilige Ort der finnischen Urbevölkerung und ein Geheimtip, wenn es um die Sichtung des Nordlichts, der Aurora borealis, geht. Im Gepäck hatten wir ausser Unterhosen, Pulvermilch und Wollmützen das Märchen von dem verloren gegangenen samischen Mädchen, das vom Nordlicht, guovssahasat, vor allem Unheil geschützt wurde.
Das Märchen geht so: Ein Vater verliert seine neugeborene Tochter im Wald. Die Dunkelheit bricht ein, er irrt verzweifelt umher, ohne sie zu finden. Es wird kalt. Plötzlich leuchtet der Himmel auf: Die Geister der Ahnen entdecken das kleine Bündel im Wald, lenken einen Lichtstrahl auf das Mädchen und halten ihre schützende Hand über das Kind. Der Vater sieht das Nordlicht und findet seine Tochter wieder. Das Nordlicht schützt, wenn man so will, Neugeborene vor der Vergesslichkeit des Vaters.
Im Flugzeug von Helsinki nach Ivalo, dem nördlichsten finnischen Flughafen, erzählte ich einer Dame von unserem Vorhaben. Sie hatte noch nie etwas von dem Brauch gehört. Zu meinem Entsetzen erzählte sie, was man in ihrem Dorf glaube: Kinder dürften sich nicht draussen aufhalten, solange das Polarlicht den Himmel erhelle! Zudem müsse man sich im Licht still verhalten und dürfe auf gar keinen Fall pfeifen. Sie erinnere sich noch genau an eine Geschichte aus einem Dorf nicht weit von Kilpisjärvi, wo ein Junge im Nordlicht verschwand, als… In diesem Moment ertönte der Gong, das Fasten-Seat-Belt-Zeichen leuchtete auf. Ein paar Schnallen klickten. Wir waren in eine Gewitterwolke geraten. Ein Omen?
Die Hoffnung, im unwirklichen Schein des nordfinnischen Polarlichts etwas zu finden, was vor Unheil schütze, hatten schon andere. Das finnische Nationalepos «Kalevala» – in etwa Bibel mal «Ilias» hoch «No Country for Old Men» – ist die Geschichte dreier ungleicher Helden und ihres erfolglosen Feldzugs ins heilige Nordland, um die Sampo, eine Art Gral, zu stehlen. Die tragischen Helden verlieren den Gral auf der Flucht. Als im letzten Kapitel ein durch eine Preiselbeere gezeugtes Kind die Herrschaft über das Nordland erhält, begeht der Protagonist Väinämöinen Selbstmord.
Plötzlich eine Durchsage des Piloten: «Wir überqueren den 60. Breitengrad.» Die Durchsage ist nur für Nichteingeweihte verwirrend. Der 60. Breitengrad ist im finnischen Nationalepos die Grenzlinie zwischen dem gleichnamigen Land Kalevala und dem unheilvollen Nordland Pohjola. Der 60. Breitengrad ist aber auch die verbriefte Nordgrenze der allerersten Finnen: Mitte des 4. Jahrhunderts besiedelten finnougrische Stämme aus Zentralasien den Ostseeraum. Immer wieder wagten sie Entdeckungsreisen über den 60. Breitengrad hinaus ins unwegsame Nordland. Erst dort, oberhalb des 60. Breitengrades, ist das Nordlicht gut sichtbar. Die übernatürlich wirkenden Nordlichterlebnisse hätten die ersten Finnen zu der «Kalevala»-Geschichte inspiriert, vermuten Forscher. Obwohl das Wort Nordlicht im ganzen Epos nur einmal vorkommt (die Bewohner des Nordlandes werden «Kinder der Borealis», Kinder des Nordlichts, genannt), ist man sich in der Interpretation weitgehend einig, dass das Nordlicht leitmotivisch das Epos prägt: Die Jagd nach dem Gral war eine Metapher für die Suche nach dem Geheimnis des Jenseits. Das Nordlicht war die Brücke dorthin.
Landung in Ivalo. Das erste, was auffiel: Wie nah man dem Himmel war. Unweigerlich kniff man die Augen zusammen und zog den Kopf ein wenig ein, wodurch man schnell einheimisch wirkte. Das Flughafengebäude erinnerte an ein Wohnzimmer: Birkenholz und ausgestopfte Tiere, an der Wand über dem Gepäckband ein viel zu grosses Bild, das von einem begabten Rudolf-Steiner-Schüler hätte stammen können.
Vor dem Miniaturflughafen stand ein einsames Taxi. «Jaha», sagte der Fahrer Mika Krigsholm zur Begrüssung. «Ist der Weg nach Inari schneefrei?» fragte ich. Mika antwortete, indem er durch die gespitzten Lippen scharf Luft einzog, so dass ein kurzer, heller Staubsaugerlaut ertönte. Derselbe Laut, den auch die Finnlandschweden benutzen. Er klingt nach wohlwollender Zustimmung und ist irgendwo anzusiedeln zwischen: «Doch, sicher» und «Finde ich auch». Es ist das «Momoll» des Nordens. Die Fahrt von Ivalo nach Inari dauerte 40 Minuten, wir fuhren in einem langgestreckten Bogen südlich des grossen Inarisees. Gespannt blickte ich aus dem Fenster. Auf dem Rücksitz war meine Tochter eingeschlafen.
Plötzlich bremste Mika vor einer Brücke und stieg wortlos aus. Ich folgte ihm. Wir hielten uns am kalten Geländer fest und blickten auf den Inarisee. Es wurde bereits dunkel, und die untergehende Sonne warf ein gespenstisches Licht auf das Eis. Ich sah die Umrisse des Waldes; ganz hinten erhob sich Ukkokivi, die heilige Insel des obersten finnischen Gottes. Ich atmete die kalte Luft, liess die Augen über den zugefrorenen See wandern und spürte, wie die Rastlosigkeit aus meinem Grossstadtkörper rann.
«Das ist der schönste Ort Finnlands», sagte Mika. Ich antwortete mit dem Staubsaugerlaut.
Inari, die heilige Stadt der Sami, war eine einzige lange Strasse. Links ein Coiffeur, eine Tankstelle, ein Supermarkt, der Grillikioski; rechts der Snowmobilverleiher, die Dorfkneipe und der Friedhof, hinter dem sich der riesige Inarisee erstreckte. Am Dorfeingang stand eine alte Holzkirche, am Dorfausgang ein Souvenirshop. Beides, Kirche wie Shop, waren geschlossen, es war Nebensaison. In den vier Strassen, die die Hauptstrasse kreuzten: eine Schule, ein Krankenhaus, ein Altersheim, mein Hotel.
100 Euro zahlte ich für die Nacht zu anderthalb im Doppelzimmer mit Blick Richtung Norden auf den schönen, von bewaldeten Ufern gesäumten Juutuanjoki. Das Eis war vor einem Monat gebrochen, am Ufer schichteten sich die Blöcke, und in der Mitte glitt das pechschwarze Wasser in einer einzigen, sanften Bewegung. Der Fluss mündete in den noch zugefrorenen Inarisee. Kein Mensch weit und breit, nur ab und zu das Knacken des Eises, das von dem in wenigen Wochen anstehenden Eisbruch kündete. Plötzlich raste aus dem Nichts ein Finne auf seinem Snowmobil vorüber. Man hatte unweigerlich das Gefühl, menschliches Leben habe hier etwas Unanständiges.
Und das Nordlicht? Es liess auf sich warten. Und mit jedem Tag, den wir warteten, wurden die Aussichten schlechter. Durchschnittlich kann man das Licht an hundert Tagen im Jahr sehen, am besten im September und im März. Jetzt war es bereits Anfang April. Die Tage wurden spürbar länger. Die Sonne ging schon fast nicht mehr unter, sie verschob sich nur noch von links nach rechts und tauchte dann in einen smogartigen Nebel. Noch um 22 Uhr sass meine Tochter neben mir im notdürftig mit Decken verdunkelten Raum und schaute Eishockey. Anfangs starrte sie gebannt auf den Fernseher, irgendwann bemerkte ich, dass sie den Kopf merkwürdig schräg hielt und mich von der Seite beobachtete. Ich meinte, in ihrem Blick die Frage zu erkennen: Warum sind wir eigentlich hier? Ich war froh, dass sie noch nicht sprechen konnte.
Auf finnisch heisst das Nordlicht revontulet – Fuchsfeuer. Einer Legende nach sind die flirrenden Lichter Funken, die von buschigen Feuerfüchsen am Himmel geschlagen werden. Die meisten Arktisbewohner glauben, im Nordlicht die Ahnen zu sehen, die auf ihre Nachkommen runterschauen. Die Inuit meinen, die Götter würden mit einem Walrossschädel Fussball spielen. Die derzeitig gängige wissenschaftliche Erklärung: Bei Stürmen auf der Sonne werden geladene Partikeln durch den Sonnenwind in das Magnetfeld der Erde geschleudert. Beim Eintritt in die Erdatmosphäre regen sie Luftmoleküle an, dabei entstehen die Lichteffekte. Entlang den Magnetfeldlinien der Erde, also zwischen dem 65. und dem 75. Breitengrad, sind diese Schleier am deutlichsten zu erkennen. Die Aurora borealis – Galileo Galilei war der Namensgeber – leuchtet grün und rötlich, wenn Sauerstoffatome im Spiel sind, und reagiert bläulich auf Stickstoffatome. Das samische Wort für Nordlicht, guovssahasat, bedeutet «klingendes Licht», bis heute berichten Augenzeugen, dass sie das Nordlicht hören konnten. Wissenschaftliche Untersuchungen widerlegen das.
Eine Umfrage unter den drei englischsprechenden Menschen im Dorf – dem Taxifahrer Mika, der Hotelchefin Maria und ihrem Bruder Heikki – ergab, dass es drei verschiedene Arten von Nordlichttouristen gibt: Die erste Gruppe sind Schneetouristen, für die das Naturphänomen ein netter Nebeneffekt, aber nicht das Ziel der Reise ist. Die zweite Gruppe sind die Nordlicht-Aficionados, die, ausgestattet mit obskuren Karten und eigenwilligen Beobachtungsstrategien, wochenlang auf das Licht warten. Die dritte Gruppe schliesslich sind jene, die das letztlich recht nüchterne physikalische Phänomen mit einem spirituellen Überbau versehen. Etwas beschämt stellte ich fest, dass man uns der letzten Gruppe zuordnete.
Die Stadt kannten wir inzwischen gut. Zu Fuss liefen wir jeden Tag vom Hotel hinunter zum Fluss und von dort übers Eis zum Inarisee; meine Tochter im Rucksack. Wir spazierten mal in gleissendem Kopfwehlicht, mal in leichtem Regen. Wenn der Schneeregen heftig wurde, überquerten wir den See in nordöstlicher Richtung und retteten uns ins schöne Sami-Museum, wo ich in der Museumscafeteria das Grundnahrungsmittel Finnlands – Kaffee – in rauhen Mengen zu mir nahm, während meine Tochter mit einem ausgestopften Rentier sprach.
Später assen wir, wie jeden Abend, im Hotelrestaurant. Ausser uns waren nur noch einige Lastwagenfahrer anwesend. Stumm blickten sie in ihre Gläser, meine Finnischkenntnisse reichten aus, um mich mit ihnen anzuschweigen. Schüchtern wackelte meine Tochter auf den einen zu, zeigte auf ihn und rief: «Äh!» Der Mann blickte müde auf, ohne zu lächeln. Vermutlich war er der erste Mensch in ihrem Leben, der sie nicht anlächelte. Sie rief: «Äh, äh!», als hätte er sie nicht verstanden. Der Mann regte sich nicht. Sie drehte sich um und lief in hohem Tempo um den grossen Buffettisch, wobei sie in den Kurven von der Fliehkraft gefährlich nach aussen getragen wurde. Dann stellte sie sich wieder vor ihm auf und rief erneut: «Äh!» Irgendwann erhob sich der Schweiger schwerfällig. Auf der Höhe unseres Tisches drehte er sich plötzlich um, zeigte auf meine Tochter und sagte: «Aurinko tyttö», Sonnenkind. Er sprach das schöne Kompliment aus wie eine Drohung.
Seit fast einer Woche war meine Tochter die einzige Person, mit der ich sprach. Ein liebevolles, wenn auch einseitiges Gespräch. Zudem plagten mich seit zwei Tagen heftige Kopfschmerzen. Besorgt über meinen Geisteszustand, eilte ich in die Hotellobby, um die einzige englischsprachige Person zu sehen, die Hotelchefin. Wie wild redete ich auf sie ein. Sie schaute mich an und sagte: «Lappsjukan.» Die «Lappenkrankheit» ist ein schwedischer Ausdruck für die Einsamkeitsdepression, die Menschen aus südlicheren Gefilden überkommt, wenn sie längere Zeit in der Abgeschiedenheit des Nordens verweilen. Gelangweilt von sich selbst, überkommt sie eine milde Depression.
Die Samen kennen ironischerweise dieses nach ihnen benannte Phänomen nicht. Lappsjukan ist wie auch die Winterdepression ausgerechnet in den entlegensten Regionen der Welt wenig verbreitet. Psychologen haben die Theorie aufgestellt, dass die nordischen Völker im Laufe der Jahrhunderte eine genetische Immunität gegenüber der Krankheit entwickelt haben. Menschen, die unter Lappsjukan litten, starben aus und nahmen das Gen mit sich ins Grab.
Städter, die die Lappenkrankheit nach einigen zehrenden Tagen überwinden, erfahren übrigens das, was der Naturforscher Edward O. Wilson «Biophilie» nannte: ein Gefühl der absoluten Ruhe, das uns überkommt angesichts der Schönheit der Natur.
Als das Nordlicht dann kam, war ich völlig unvorbereitet. Nackt nach einem Saunagang stand ich auf unserem Balkon und blickte ins Dunkel. Plötzlich zogen sonderbare grünweissliche Schleier über den Himmel, der sich über meinem Kopf zu wölben schien. Ich klammerte mich an mein Bier. Die Lichter bewegten sich in flackernden Wellenbewegungen, als blase jemand mit einem Föhn in einen Seidenschal. Unmöglich zu sagen, wo sich das Nordlicht befand: Das Licht erinnerte weder an eine Sternschnuppe noch an einen Blitz. Vielmehr schien es sich in einer Art Zwischendimension zu bewegen, unerreichbar und doch beängstigend nah. In der «Kalevala» ist das Nordland als ein jenseitiges, «ausserhalb unserer Erfahrungen und Vorstellungen liegendes» Land beschrieben.
Von all dem hatte meine Tochter nichts mitbekommen. Während ich nackt im Nordlicht stand, lag sie schlafend im Zimmer. Ich hatte es nicht über mich gebracht, sie zu wecken. Ich bin mir trotzdem sicher, dass die Götter sie gesehen haben. Am nächsten Morgen sagte sie ihr erstes Wort.
Es war Zeit, nach Hause zu fahren.
Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|