«ICH KOMME SCHON seit 1968 hierher. Eigentlich hatten wir, mein damaliger Mann, die beiden Söhne und ich, mit dem Wohnwagen ein bisschen herumreisen wollen. Aber als wir sahen, was es für eine Arbeit macht, alles aufzustellen und einzurichten, sagte mein Mann: Wir bleiben gleich hier am Türlersee. Die Söhne fanden das nicht so toll und fuhren anderntags mit dem Postauto wieder heim. Die erste Fahrt ist also auch die einzige geblieben. Ursprünglich wäre mein Mann lieber zelten gegangen. Gott sei Dank kam er aber, als er und ein Kollege mit dem Zelt in Italien waren, in ein Gewitter. Danach sagte er: Ich will ja nicht noch totgeschlagen werden.
1971 starb mein Mann. 1975 kam dann Josef dazu, der seine Frau verloren hatte. Kinder haben wir beide in die Ehe gebracht. Ich hatte in der ersten Ehe zwei Söhne angetreten und er drei Töchter. Mein erster Mann war Witwer, und die erste Frau meines zweiten Mannes war geschieden. Wir haben fünf Kinder, und keins gehört uns. Können Sie noch folgen? Gefunden haben wir uns im Schiessverein. Ich schoss Kleinkaliber und er 300 m, und jetzt schiessen wir beide beides. Im Feldschützenverein Schwamendingen.
Josef hatte erst gesagt: Also mich kannst du zum Campieren nicht haben. Ich musste mir dann die Frage stellen: Wohnwagen oder Mann? Und befand: Da habe ich mir ja was Gutes angelacht, ich glaube, ich behalte den Wohnwagen. Und jetzt ist er der Vergiftete. Wie das kam? Er stand dabei, als mir im Frühling die Söhne beim Aufstellen halfen. Er packte an, und jetzt macht er alles. Ich helfe ihm schon noch, aber den Chrampf hat er.
Wir sind beide pensioniert und können herkommen, wann wir wollen. Wir sind Saisonmieter, der Wagen steht von April bis Oktober hier. Letztes Jahr haben wir 104mal hier übernachtet, wir machen Striche zum Zählen. Das war der Rekord. Während der Woche gehe ich aber sicher zweimal nach Hause. Blumen giessen, zum Rechten sehen und wieder etwas zu essen herbringen. Ich koche hier immer richtig. Heute mittag gab es zum Beispiel Tomatenspaghetti, Hasenschlegel und Selleriegemüse.
Abends essen wir dann nicht mehr viel. Da machen wir meistens einen Rundgang, gehen an den See die Enten füttern und höckeln dort vielleicht noch ein bisschen, schwatzen mit dem einen oder andern. Oder wir jassen oder machen ein Würfelspiel, wir zwei können gut allein sein. Viele haben einen Fernseher, wir nicht. Früher ist manchmal die ganze Strasse in einem Zelt beieinandergesessen. Wir fanden dann, das haut nicht so: zehn, dreizehn Leute da drin. Jetzt kommen vielleicht sporadisch einmal zwei Wohnwagen zusammen, und man jasst oder feiert vielleicht einmal einen Geburtstag. Oder man sagt: Heute machen wir ein Fondue.
Wir gehen relativ früh ins Bett, ungefähr um 22 Uhr. Es ist hier so eine Ruhe. Man hört nur die Flugzeuge und nachts die Glöckchen der Schafe. Tagsüber sind da noch die Vögel. Mit einem Buchfink kann ich richtiggehend reden. Der bleibt stehen, sieht mich an und pfeift. Er weiss, dass er etwas bekommt. Aufstehen tun wir etwa um halb acht. Ich wasche mich hier im Wohnwagen, mein Mann geht zum Duschen in die Duschanlage hinab. Dann frühstücken wir. Ich gehe jeden Tag ein paarmal schwimmen.
Wir nennen unsere Strasse Bahnhofstrasse, die nächste ist die Löwenstrasse. Man merkt schon daran, dass hier viele aus Zürich sind. Am 1. August ist unsere Strasse immer die schönste auf dem ganzen Platz. Wir spannen jeweils Drähte zwischen den Wohnwagen und hängen Lampions auf. Es gibt Nachbarn, die am Boden die Kerzlein, die eine Gasse bilden, mit dem Metermass aufstellen. Vor ein paar Jahren hatten wir einen Brand. Man vermutete, dass eine Rakete auf ein Zelt gefallen war. Es jagte den Deckel einer Gasflasche von zuhinterst hinten bis ganz vorne in einen Baum. Ein Wunder, dass niemand verletzt wurde.
Heute sind wir fast die einzigen hier, weil das Wetter nicht gut ist. Uns macht der Regen aber nichts aus, und zu Hause regnet es schliesslich auch. Ab und zu kommt Besuch, die Kinder und Enkel, aber auch Kollegen vom Judo-Sportclub. Ich habe früher Judo gemacht. Auch Politiker kommen ab und zu. Der Ex-Kantonsrat Gubser etwa und Thomas Meier, der Fraktionspräsident der SVP. Wir sind beide auch SVP-Parteimitglied.
Mit Einbrüchen und Vandalenakten haben wir kaum Probleme. Das ist das Verdienst vom Hediger Karl, dem Platzwart. Wenn einer am Abend aufs Areal kommt, ist Hediger sofort zur Stelle. Er war früher Kantonspolizist. Er ist ein Chrampfer, den haben wir schon nachts um eins die Toilette putzen sehen. Einmal kamen da ein paar junge Touristen. Die stellten das Zelt auf, packten Bier aus und gingen unten ins Boot schaukeln. Da ging er die Burschen holen, und wir konnten zusehen, wie er die Heringe auszog, einen um den anderen. Nachts um 12 mussten die verreisen, obwohl es in Strömen regnete. Da kennt er nichts. Und er hilft, wenn man ihn braucht. Einen besseren Platzwart kann man sich nicht wünschen.
Von 12 bis 14 Uhr ist Ruhezeit, und auch von nachts um 23 bis morgens um 7 Uhr. Wenn einer während der Ruhezeit den Rasen mäht, greift Hediger sofort ein. Hier hat jeder seinen eigenen Rasenmäher, einen Handmäher, Motormäher sind nicht erlaubt. Auch ein Fest muss nachts um elf aufhören. Dazu ist man schliesslich auf dem Campingplatz. Es kommt vor, dass sich einmal jemand vergisst. Dann kommt Hediger und sagt nur kurz: Meine Herren!
Wir haben hier Leute aus allen Berufen. Polizisten, Trämler, einen Bankdirektor, den Dorfarzt. Sie mögen alle dieses einfache Leben.»