NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

Schrecken der Menschheit

Katastrophen als Wegbereiter der Versicherungen.

Von Peter Koch

ERSCHRECKENDE EREIGNISSE faszinieren die Menschheit seit je. Schon die ersten Flugblätter, die bald nach Erfindung der Buchdruckerkunst als Vorläufer der Zeitung aufgekommen waren, berichteten über schreckliche Überschwemmungen und Feuersbrünste. Meistens waren die Druckstücke mit Illustrationen in Kupferstich oder Holzschnitt versehen. Mündlich wurde die Kunde von derartigen Begebenheiten in den Moritaten der Bänkelsänger verbreitet, deren Vortrag von Drehorgelmusik und dem Vorzeigen grosser Bildtafeln begleitet war. Noch im 19. Jahrhundert konnte man auf den Marktplätzen zu erschreckenden Schaubildern Lieder über Brandkatastrophen hören.

Eine der ersten Katastrophen der neueren Geschichte, die geistige Auseinandersetzungen hervorrief und das christliche Abendland in Unruhe versetzte, war das Erdbeben, das am 1. November 1755 Lissabon heimsuchte. Mit ihm beschäftigten sich die grössten Denker der Zeit. Kant etwa versuchte seinen Zeitgenossen, die oft noch von der Vorstellung eines göttlichen Strafgerichtes beherrscht waren, zu beweisen, dass das Erdbeben von Lissabon Naturgesetzen folgte; er verfasste zu diesem Zweck zwei Schriften. Als Goethe 1787 die Ausgrabungen in Pompeji besuchte, konnte er dem verheerenden Vulkanausbruch sogar etwas Positives abgewinnen: «Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiss nicht leicht etwas Interessanteres.» Jeremias Gotthelf beschrieb eine Überschwemmung grossen Ausmasses, sprach aber nicht - wie wir es heute tun würden - von einer Hochwasserkatastrophe, sondern ganz einfach von der Wassernot im Emmental. Und «Das Eisenbahnunglück» heisst eine Erzählung von Thomas Mann: «Es war keines vom ersten Range, keine allgemeine Harmonika mit <unkenntlichen Massen> und so weiter, das nicht. Aber es war doch ein ganz richtiges Eisenbahnunglück mit Zubehör und obendrein zu nächtlicher Stunde.»

Ein ganz anderes Verhältnis hat das Versicherungswesen zu Katastrophen. Katastrophen - versicherungstechnisch gesehen eine Häufung von Einzelschäden, im Unterschied zum einzelnen Grossschaden - haben es von Anfang an begleitet und gefördert. Von der Katastrophe sind zahlreiche Objekte oder Personen betroffen, die keine wirtschaftliche Einheit bilden, der Grossschaden bezieht sich dagegen auf ein Einzelobjekt oder zusammenhängende Objekte, auf eine Person oder eine zusammengehörige Personengruppe. Im versicherungswirtschaftlichen Sinne wiederum sind Katastrophen und Grossschäden Ereignisse, welche die Leistungsfähigkeit eines Versicherers oder des Marktes bedrohen, weil sie auf Grund der gegebenen Kumulierung bei der Prämienkalkulation nicht abgeschätzt werden können. Nach ihrer Entstehungsursache unterscheidet man zwei Arten: Naturkatastrophen und Ereignisse, die von Menschen oder ihren Erfindungen ausgelöst werden (man made), wie beispielsweise Grossbrände, Explosionen und Verkehrskatastrophen aller Art.

Es hat immer wieder Katastrophen mit vielen Toten und hohen Schäden gegeben, die nicht zu Versicherungsleistungen führten, weil sie nicht versichert waren, etwa Vulkanausbrüche, die Sturmfluten in Bangladesh oder Erdbeben in China und Armenien, aber auch Elementarschäden in Europa, für die es noch nicht die Möglichkeit entsprechender Deckungen gab. Mit den versicherungshistorisch bedeutsamen Katastrophen verbinden sich in der Regel immer auch geistes- und kulturgeschichtliche Aspekte. Unvergessen bleiben die Stadtbrände 1666 in London und 1842 in Hamburg oder das Erdbeben 1906 in San Francisco, obwohl es Katastrophen neueren Datums gibt, die wesentlich grössere Schäden verursacht haben.

Daniel Defoe, Verfasser von «Robinson Crusoe», der sich auch eingehend mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen auseinandergesetzt hat, berichtet, dass die Feuerversicherung in England nach dem Londoner Brand aufgekommen sei. Nach dem Pestjahr 1665 und dem heissen, trockenen Sommer 1666 war der Brand in der Nacht vom 1. auf den 2. September, an einem Sonntag, morgens um zwei Uhr, im Backofen des Bäckermeisters Farriner in der Pudding Lane unweit des Tower ausgebrochen. Schnell erfassten die Flammen die benachbarten Holzhäuser und Teerdächer, Magazine und Speicher. Die gelagerten Güter - Öl, Branntwein, Pech, Harz und Schiffsmaterialien - waren dem Feuer weitere Nahrung. Da die Wasserleitung aus der Themse vom Feuer zerstört und die Schlüssel für die Röhren des New River nicht zu finden waren, hatte man sich auf Löscheimer und Spritzen zu beschränken. Hinzu kam, dass sich wegen des Wochenendes viele der ansässigen Kaufleute und Advokaten auf dem Lande befanden und ihre Häuser grösstenteils leer standen.

Ein sehr heftiger Ostwind trieb die Flammen voran. Der Lord Mayor von London konnte sich nicht entschliessen, Militär heranzuziehen und Häuser einzureissen, um den Brandherd zu isolieren. Daraufhin erwirkte der Sekretär der Admiralität, Samuel Pepys, von König Karl II. den Befehl, kein Haus zu schonen und das Feuer einzukreisen. In seinem berühmten Tagebuch schildert Pepys, wie er sein Geld von einem Platz zum anderen geschleppt, den Wein und das Gold daneben im Garten vergraben habe. Das Feuer war jedoch nicht mehr einzudämmen. Selbst die Rettungsboote auf der Themse gingen in Flammen auf. Vier Tage dauerte die Feuersbrunst. Ehe die Flammen auf Westminster und den königlichen Palast übergreifen konnten, legte sich am 5. September 1666 der Ostwind.

Diese Schilderung mag antiquiert erscheinen, doch hat sich in den vergangenen mehr als dreihundert Jahren auf dem Gebiet des Katastrophenschutzes nicht allzuviel verändert. So hat sich nach dem verheerenden Erdbeben am 17. Januar 1995 im japanischen Kobe die Presse verwundert gezeigt über die Sorglosigkeit der Behörden in dem hochzivilisierten Land, die weder über Alarmpläne noch über Notvorräte verfügten, und auch andere verhängnisvolle Fehler kritisiert. Bis dahin nicht für möglich gehaltene Systemschwächen, Kompetenzwirrwarr, bürokratische Schwerfälligkeit und technische Ratlosigkeit erschütterten das japanische Selbstverständnis.

In London hatte das Schadenfeuer seinerzeit fünf Sechstel der Stadt zerstört. St. Pauls, die Royal Exchange, 89 Kirchen, 52 Guildhalls und 13 200 Häuser waren den Flammen zum Opfer gefallen. Das «Monument», die grösste Steinsäule der Welt, erinnert noch heute in London an die Katastrophe. Der Wiederaufbau lag in den Händen des genialen Baumeisters Sir Christopher Wren.

Vor allem aber erhielt die Idee der Feuerversicherung durch den grossen Brand von London einen initialen Antrieb. Wenn sie auch keine originale Schöpfung der Engländer ist, hat sie diese Katastrophe doch gezwungen, sich eingehend mit ihr zu beschäftigen. 1680 eröffnete der Londoner Arzt Dr. Nicolas Barbon ein Fire Office zur Versicherung von Gebäuden. Eine Police aus dem Jahre 1682, die zu den ältesten erhaltenen Dokumenten der Geschichte der Feuerversicherung gehört, trägt die Unterschrift ihres Gründers. Zahlreiche weitere Gesellschaften folgten. Als sich Leopold Mozart 1764/65 mit seinen Wunderkindern Nannerl und Wolfgang Amadeus zu Konzerten in London aufhielt, erwähnte er in Briefen an seinen Salzburger Hausherrn Johann Lorenz Hagenauer, der ihm das Reisegeld vorgeschossen hatte, diese Versicherungseinrichtungen. Wenn sie sogar einem Musiker aufgefallen sind, müssen sie damals ein Gesprächsthema in der britischen Hauptstadt gewesen sein.

Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die Brandkatastrophe von London wesentlichen Einfluss auf die Errichtung der Hamburger Feuerkasse im Jahre 1676 gehabt hat, mit der in der Hansestadt die bereits bestehenden Feuerkontrakte zusammengefasst wurden. Damit hatte der Londoner Brand indirekt die neuzeitliche Feuerversicherung begründet. Die Hamburger Feuerkasse war vom Rat der Stadt Hamburg getragen und damit ein öffentlichrechtliches Versicherungsunternehmen. Inzwischen wurde sie privatisiert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Als solche gehört sie seit 1994 zu dem weltweit tätigen schweizerischen Winterthur-Versicherungskonzern.

In Hamburg hatte man indes nicht wirklich damit gerechnet, dass es hier jemals zu einer dem Londoner Brand vergleichbaren Katastrophe kommen könnte. Als der Unternehmer Georg Elert Bieber im Jahre 1794 den «Plan zur Errichtung einer für Hamburg möglichst vorteilhaften Versicherungs-Compagnie gegen Feuers-Gefahr» vorlegte, befürwortete ihn der berühmte Handelswissenschafter Johann Georg Büsch nachdrücklich, erklärte aber auf Grund des seinerzeitigen Standes der Brandverhütungs- und Brandbekämpfungseinrichtungen in Hamburg die Entstehung einer grösseren Feuersbrunst für «durchaus unwahrscheinlich». Sie gehöre zu den Dingen, die «man im Ernst nicht mehr besorgen darf».

Sein Tod im Jahre 1800 ersparte es Büsch, den Hamburger Brand mit ansehen zu müssen, der am 5. Mai 1842 gegen ein Uhr morgens in einem mehrstöckigen Tabakspeicher des Hauses Deichstrasse 44 ausbrach. Begünstigt von der Trockenheit des Frühjahrs, breitete sich das Feuer, das in den mit leicht brennbaren Waren gefüllten Lagerhäusern der Hafengegend und den engen Gassen reiche Nahrung fand, nach allen Seiten aus. Die Hamburger Feuerwehr, die alle Reserven ausrücken liess, wurde der Lage nicht Herr. Auch die Schiffsspritzen mussten ihre Tätigkeit einstellen, weil ausfliessender Spiritus auf dem Wasser in Brand geraten war und Mannschaften und Geräte bedrohte. Unter dramatischen Umständen brach die Nikolaikirche nach der Mittagspredigt des Himmelfahrtstages zusammen. Zwei Tage später erlitt die Petrikirche ein gleiches Schicksal, nachdem ihre Glocken bis zum letzten Augenblick geläutet hatten. Ebenso wie in London trug auch in Hamburg der aufkommende Wind zur katastrophalen Ausbreitung des Brandes bei. Jedoch entschloss man sich hier, Häuser zu sprengen, was mit Hilfe englischer Techniker zum Erfolg führte. Nach 79 Stunden Dauer kam das Feuer in den Morgenstunden des 8. Mai 1842 zum Erliegen, weil der Wind gedreht hatte sowie der Wall und ein Arm der Alster der weiteren Ausbreitung der Flammen ein Ende gesetzt hatten. Gleichzeitig ergossen sich Regenschauer auf die Brandstätten, die zahlreichen Flüchtlinge und das gerettete Mobiliar.

Im Unterschied zum Londoner Brand waren die Hamburger Schäden weitgehend von der Versicherung gedeckt. Für die abgebrannten Gebäude hatte die Hamburger Feuerkasse aufzukommen, deren Aufwendungen durch eine Anleihe und Sonderumlagen getragen wurden. Den Mobiliarschaden trugen im wesentlichen deutsche, englische und französische Gesellschaften. Die von Georg Elert Bieber errichtete Association Hamburgischer Einwohner zur Versicherung gegen Feuersgefahr indessen konnte nur 25 Prozent der Schäden bezahlen und musste sich auflösen. Heinrich Heine glossierte Biebers Pleite in seinem Epos «Deutschland - Ein Wintermärchen»:

Den . . ., den ich sah nur von fern,
Er huschte mir rasch vorüber;
Ich höre, sein Geist ist abgebrannt
Und war versichert bei Bieber.

Unter den durch Entschädigungsleistungen schwer belasteten Versicherern, aber auch unter den übrigen Unternehmen des Marktes, weckte der Brand von Hamburg das Bewusstsein für das Risiko von Katastrophenschäden. Einige Gesellschaften erhöhten ihr Grundkapital, «um auch ausserordentlichen Katastrophen unter allen Umständen gewachsen zu sein». Auf den Hamburger Brand gehen auch wichtige Impulse für Schadenverhütung zurück. So wurden in Hamburg ausser den nötigen Sofortmassnahmen energisch weitblickende Bebauungspläne sowie Vorschriften für eine feuersichere Bauweise in Angriff genommen. In vielen deutschen Städten entstanden freiwillige Feuerwehren und 1851 in Berlin die erste deutsche Berufsfeuerwehr. Unter dem Eindruck der Hamburger Katastrophe wurde auch ein regelmässiger Erfahrungsaustausch über Fragen der Prämienhöhe und der Schadenregulierung unter den engsten Konkurrenten auf dem Gebiet der Feuerversicherung angeregt.

Die wohl wichtigste Auswirkung des Hamburger Feuers war jedoch die Tatsache, dass man sich auf die Rückversicherung besann und professionelle Rückversicherungsunternehmen errichtete. Den an der Katastrophe beteiligten Versicherern war nämlich klargeworden, dass sie in einem ganz anderen Ausmass als bisher Rückversicherungen nehmen mussten, um derartigen Schadenkumulierungen begegnen zu können. 1846 wurde mit der Kölnischen Rückversicherungs-Gesellschaft die weltweit erste professionelle Gesellschaft ihrer Art gegründet. Ihre Gründung war zwar schon zuvor in Erwägung gezogen worden, doch hat das Ereignis die Schaffung «im entscheidenden Moment stark gefördert». So hat die Katastrophe, bei aller Verheerung, die sie anrichtete, die Versicherer doch wenigstens zur Besinnung auf die Grundlagen ihres Geschäftes gezwungen und sozur Weiterentwicklung des Wirtschaftszweiges beigetragen.

In vergleichbarer Weise wirkte sich in der Schweiz der Brand der Kantonshauptstadt Glarus vom 10. und 11. Mai 1861 aus. Die Katastrophe gehört zu den wichtigsten Ereignissen der Schweizer Versicherungsgeschichte, hat sie doch sowohl zur Gründung von Versicherungsunternehmen als auch zu Fortschritten in der Versicherungstechnik geführt. Denn für die Schäden in Höhe von mehr als 8 Millionen Franken hatten die Bürger aus Versicherungsleistungen keinen erheblichen Ersatz zu erwarten. Der Brandschaden offenbarte somit die Schwächen der damaligen Versicherungseinrichtungen.

Das Versicherungswesen, das sich in der Schweiz verhältnismässig spät entwickelt hatte, nahm nach dem Brand von Glarus einen um so grösseren Aufschwung. Die 1858 in St. Gallen gegründete Allgemeine Versicherungs-Gesellschaft Helvetia, die als erstes einheimisches Unternehmen das Transportversicherungsgeschäft betrieb, beschloss am 7. November 1861 die Konstituierung der Helvetia Schweizerische Feuerversicherungs-Gesellschaft St. Gallen. Zweck des neuen Unternehmens war die Versicherung von Immobilien und Mobilien sowohl in der Schweiz als auch im Ausland gegen Feuergefahr. Auch die Gründung der Basler Versicherungs-Gesellschaft gegen Feuerschaden im Jahre 1863 war eine unmittelbare Folge des Brandes von Glarus. Und ebenfalls unter dem Eindruck dieser Katastrophe wurde in der Schweiz die professionelle Rückversicherung eingeführt, die ihren Ursprung in Deutschland hatte. 1864 erfolgte die Gründung der Schweizerischen Rückversicherungs-Gesellschaft in Zürich, des inzwischen zweitgrössten Rückversicherers der Welt. Das für die schweizerische Volkswirtschaft wichtige Unternehmen verdankt seine Entstehung somit letztlich einem unversicherten Katastrophenschaden.

Anders als bei den vorangegangenen Katastrophen sah sich die internationale Versicherungswirtschaft mit den Folgen des Erdbebens von San Francisco unmittelbar konfrontiert. Am 18. April 1906, morgens um 5 Uhr 13, hatte ein heftiger Erdstoss die Stadt an der Küste Kaliforniens erschüttert. Die Häuser begannen zu zittern, Fabrikschornsteine sanken in sich zusammen. Zehn Minuten später verstärkte sich das Zittern der Erdkruste zu einem heftigen Beben: Das Pflaster der Strassen riss auf, Gebäude stürzten ein, und die Bewohner verliessen aufgeschreckt die Häuser. Um 8 Uhr 15 verdichteten sich die Erdstösse zu einem neuen, noch weitaus heftigeren Beben. Von Panik getrieben, wälzte sich ein Menschenstrom auf die Höhen der Stadt. Noch schlimmere Verheerungen als das Erdbeben richtete die Feuersbrunst an. Zerstörte Kamine und Öfen sowie zerrissene Gasleitungen hatten Feuerherde gebildet. Der Brand breitete sich um so rascher aus, als die Wasserleitungen vom Erdbeben zerstört worden waren. Drei Tage wütete das Feuer. Nach der City und dem Chinesenviertel fielen auch die höher gelegenen Villen der Millionäre den Flammen zum Opfer.

«Collier’s Weekly» ersuchte den Schriftsteller Jack London, dessen Geburtsstadt San Francisco war, vom Schauplatz der Katastrophe aus einen Bericht zu schreiben. Das lehnte er so lange ab, bis er dem verlockenden Angebot der Redaktion von 25 Cent pro Wort nicht mehr widerstehen konnte. Seine Reportage vom 5. Mai 1906 beginnt mit den Worten: «Das Erdbeben zertrümmerte in San Francisco Mauern und Schornsteine im Werte von einigen hunderttausend Dollar. Aber das Feuer, das dem Erdbeben folgte, vernichtete ein Vermögen von einigen hundert Millionen Dollar. Der tatsächlich angerichtete Schaden ist nicht abzuschätzen. Nie zuvor in der neueren Geschichte ist eine so grosse und glänzende Stadt so vollkommen zerstört worden. San Francisco ist nicht mehr!» Enrico Caruso, der am 17. April 1906 mit Bizets Oper «Carmen» gastierte und im 6. Stock des eleganten Palace-Hotels wohnte, kam mit dem Schrecken davon.

Das Erdbeben von San Francisco stellte die internationale Versicherungswirtschaft auf die Probe. An der Regulierung der Schäden wirkten mehr als zweihundert Erst- und Rückversicherungsunternehmen mit. Entschädigungsleistungen wurden in Höhe von etwa drei Vierteln der versicherten Summen gezahlt. Allerdings mussten zahlreiche Erst- und Rückversicherer in verschiedenen Ländern in der Folge liquidiert werden. Die Katastrophe von San Francisco war der Versicherungswirtschaft insofern eine Lehre, als ihr klar wurde, dass sie sich künftig ernsthafter mit Erdbebenrisiken zu befassen hatte. Seither werden erdbebensichere Bauweisen gefördert, allzu riskante Objekte vom Versicherungsschutz ausgeschlossen und auf Zusatzdeckungen Prämienzuschläge erhoben, wobei der Erfassung und Kontrolle übernommener Haftungen in den einzelnen Erdbebenzonen ganz besondere Bedeutung zukommt. Die Erdbeben 1989 und 1994 in Kalifornien haben deutlich gemacht, mit welchem Haftungspotential die Versicherer in dicht besiedelten Gebieten heute zu rechnen haben.

Historische Unglücke haften in unserem Gedächtnis stärker als die neuzeitlichen Verkehrskatastrophen, an die man sich in unserer Zeit der Mobilität hat gewöhnen müssen. Man denke etwa an den Untergang des englischen Luxusdampfers «Titanic» am 14. April 1912 nach dem Zusammenstoss mit einem Eisberg im Nordatlantik. Jenes Unglück, bei dem 1517 Menschen in den Fluten ertranken, bewegte die Weltöffentlichkeit um so mehr, als man das Schiff für «unsinkbar» gehalten hatte. Auch für die Versicherungswirtschaft kam diese Katastrophe überraschend, hatte man doch angesichts der vermeintlich grossen Sicherheit des Schiffes nur eine relativ niedrige Prämie berechnet. Karl Kraus schrieb damals in seiner Zeitschrift «Die Fackel»: «Grosser Sieg der Technik. Silbernes Besteck für zehntausend Menschen oder furchtbare Versäumnisse: Gott hat nicht Schiffbau studiert . . . und was ist zurückgeblieben? Der arme, schwache, von einer starken Faust niedergeschmetterte Mensch . . .»

Wie gut sich der internationale Versicherungsmarkt auf den Fall von Katastrophenschäden eingespielt hat, zeigte sich später beim Untergang des italienischen Luxusdampfers «Andrea Doria» am 26. Juli 1956 vor der amerikanischen Ostküste. Das Schiff war durch nur sieben direkte Zeichner bei mehreren hundert Risikoträgern rückgedeckt, für die das Schadenereignis allerdings zur doppelten Überraschung wurde: zum einen hatte man auch dieses Schiff für «unsinkbar» gehalten, zum anderen hatten sich manche Versicherer an der Deckung beteiligt, ohne zu wissen, um welches Objekt es sich dabei handelte. Trotzdem wurden bereits zehn Tage nach dem Untergang 11 Millionen Dollar ausbezahlt.

Dass Mensch und Natur unvermindert Katastrophen und Grossschäden erzeugen, wird uns über die Medien zugetragen und in den Geschäftsberichten von Versicherungsunternehmen mit nüchternen Zahlen belegt. Für die Versicherungswirtschaft nimmt das Gefährdungs- und Schadenpotential im Haftpflichtbereich sowie bei der Versicherung industrieller und technischer Risiken ständig zu. In manchen Fällen erreichen hier die Entschädigungsleistungen für einzelne Risiken neuerdings Dimensionen, die den Aufwand, der früher für Naturkatastrophen zu leisten war, bei weitem übersteigen. Das bisher weltweit grösste Einzelschadenereignis für die Versicherungswirtschaft, das neben der Feuerversicherung auch die technischen Versicherungen, die Transport-, die Lebens- und die Haftpflichtversicherung belastete, war die Explosion der auf der nordöstlich von Schottland gelegenen Ölplattform Piper Alpha am 6. Juli 1988 mit einem versicherten Gesamtschaden von über 2,3 Milliarden Dollar. Platz zwei dieser fragwürdigen Hitparade nimmt die Explosion mit nachfolgendem Feuer am 23. Oktober 1989 bei Phillips Petroleum Company in der texanischen Stadt Pasadena ein. Sie zog Entschädigungsleistungen aus der Feuer- und der Feuer-Betriebsunterbrechungs-Versicherung in einer Grössenordnung von 1,5 Milliarden Dollar nach sich.

Doch auch diese grössten Schäden an technischen Einrichtungen werden von einer wachsenden Zahl von Naturkatastrophen übertroffen. Die weltweit tätigen Rückversicherungsunternehmen, auf die sich wegen der Eigenart ihres Geschäftes die Spitzen der Gross- und Katastrophenschäden naturgemäss konzentrieren, sprechen von einer «dramatischen Zunahme» dieser Ereignisse. Das grösste Gewicht kommt dabei aus versicherungswirtschaftlicher Sicht den Stürmen zu, welche die mit Abstand höchsten Schäden erzeugen: den tropischen Wirbelstürmen, die, wenn sie Orkanstärke erreichen, im Atlantik und im Nordostpazifik Hurrikan heissen, im Indischen Ozean und im Seegebiet von Australien Zyklon und im Westpazifik Taifun. Stürme führen zum Teil aber auch individuelle Namen. Von 1953 bis 1979 bestand die Praxis, tropischen Wirbelstürmen, vor allem den Hurrikanen, kurze, einprägsame Mädchennamen zu geben. Der erste Hurrikan in der Versicherungsgeschichte, der für die internationale Assekuranz Versicherungsleistungen in einer Grössenordnung von über 1 Milliarde Dollar auslöste, war der Wirbelsturm Betsy, der vom 6. bis zum 12. September 1965 über Teile der USA hinwegfegte. Dann beugte sich die World Meteorological Organization den Forderungen der amerikanischen Frauenvereine, den Stürmen auch Männernamen zu geben und auch Namen aus nichtenglischsprachigen Ländern zu verwenden. So wüteten denn 1979 Frederic, 1989 Hugo und schliesslich am 23. August 1992 der Hurrikan Andrew, der mit 15,5 Milliarden Dollar den grössten je bezahlten versicherten Schaden verursacht hat.

Wenn die Stürme sich auch bevorzugt den amerikanischen Kontinent aussuchen, kann man dennoch nicht davon ausgehen, dass Europa von derartigen Katastrophen verschont bleibt. Am 12. Juli 1984 ging über Deutschland und den Beneluxländern der mit einem Milliardenschaden teuerste Hagelschlag in der Geschichte nieder. Den zehnfachen Schadenaufwand mit Versicherungsleistungen von weit über 10 Milliarden Dollar verursachten jedoch am 25. Januar, 25. Februar sowie am 1. und 2. März 1990 fünf Wirbelstürme über dem dichtbesiedelten Westeuropa mit noch «politisch unkorrekten» Mädchennamen wie Daria, Hertha, Judith, Vivian und Wiebke.

Auch nach über dreihundert Jahren Versicherungsgeschichte sind Katastrophen nicht beherrschbar geworden. Es handelt sich nicht um Phänomene der Vergangenheit, sondern um Ereignisse, die die Menschheit und die Wirtschaft unserer Tage zunehmend bedrohen. Sie verdeutlichen die Notwendigkeit des Versicherungsschutzes. Aufgabe der Versicherungswirtschaft ist es, ihn in angemessener Weise zu bieten, damit die Unternehmen und der Markt nicht an die Grenzen ihrer Kapazität stossen.

Peter Koch ist Professor für Privatrecht und Versicherungswissenschaft an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen.

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