NZZ Folio 10/97 - Thema: Copyright   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Weil Deutsch taugt nichts mehr

Von Wolf Schneider

NICHTS IST HEUTZUTAGE seltener als ein schlichter, sauber zu Ende geführter deutscher Satz. Wir werden eingemauert vom Jargon der Experten, von Schlagworten, die alles und nichts bedeuten, von englischen Imponiervokabeln und den Blähungen der Kommunikationswissenschaft, und das Fernsehen scheint eigens erfunden, damit der Wortmüll geschwätziger Politiker und das Gestammel schwitzender Sportler auch in die letzte Hütte schwappt. Ebenso das der Meteorologen: Wenn sie uns ein Tief von der Iberischen Halbinsel ankündigen, erschrecken sie offensichtlich vor den schönen Wörtern «Spanien und Portugal», die ungleich geläufiger und dabei kein bisschen länger sind; ja sie ignorieren, dass Spanien allein immer genügen würde: Ein Tief über Portugal hat nämlich nicht die geringste Chance, uns je auf einem anderen Wege als dem über Spanien zu erreichen.

So stimmt uns der Fernsehalltag ein auf die Silbendrescherei, mit der die Experten ihre Unentbehrlichkeit demonstrieren wollen. In einer wachsenden Zahl deutscher Kindergärten wird den Kindern neuerdings alles Spielzeug weggenommen - denn dies stärke, verkünden die Pädagogen, dreierlei: die Frustrationstoleranz der Vierjährigen, ihre diskursive Kompetenz und ihre Ökosensibilität. Natürlich! Wie man mit Kindern so redet. Langweilt euch im Freien, ohne zu klagen, und schwatzt dabei ein bisschen mehr! So hiesse der deutsche Satz, und da sehen wir's: verletzend die Klarheit und banal der Klang.

Davor muss sich auch jener Vorstandsassistent eines Grosskonzerns gefürchtet haben, der «eine über den jeweiligen Seminarzusammenhang hinausweisende Bündelung des Kreativpotentials mit der Zielvorgabe interdisziplinärer Befruchtung» empfahl. Die Leute sollen sich also öfter mal zusammensetzen und sich dabei etwas einfallen lassen, was allen nützt. Aber welcher Statusverlust im Unternehmen, welche Verleugnung akademischer Ideale würde mit einem so einfachen Satz einhergehen! Ja, am Ende sähe man ihm an, dass er nur das Selbstverständliche auf Schaumgold gebettet hat. Längst wollen junge Akademiker nicht mehr Journalisten werden, sondern sie geruhen mitzuteilen, dass ihr Interesse dem Berufsspektrum des Journalismus gelte - dem Spektrum, versteht sich, wer will denn noch einen Beruf ausüben? Haben sie sich eines Tages in diesem Spektrum etabliert, so sind sie die richtigen Leute, um ergriffen über Symposien und Kolloquien zu berichten, in denen multikulturelle Synergieeffekte beschworen und gewürdigt werden, natürlich im Licht postmoderner Rezeptionsästhetik; Explorationsdefizite und eine sinkende Literalität werden sie beklagen und davor warnen, Interpretationsdiskrepanzen kontraproduktiv zu operationalisieren.

Unsereiner bekommt da unwillkürlich Appetit auf ein Wort wie Kuh, weil man mit jähem Erschrecken spürt, was gemeint ist; oder auf ein Wort wie Hass, weil man ihn hegen möchte inmitten all des prätentiösen Wortgeklingels, und zwar auf ebendieses; oder auf einen Satz wie den von Robert Walser, wenn er sich als einen Sonderling vorstellt, «der seinen Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet, um ihnen ein wüsteres Aussehen zu verleihen».

Ist's nicht lateinisch oder griechisch, soll es englisch sein. Fun und Lifestyle, Hardware und Homepage, Snowboarding und Inline Skating sind auch dem Ungebildeten geläufig, mit dem weiteren Vorzug, dass man von dem, der sie auf der Zunge wälzt, ohnehin keine korrekten Sätze erwartet, weil Grammatik mag er nicht.

Im Schriftdeutsch der Lufthansa gebärdet sich die Mode so: «Miles & More führt ein flexibles Upgrade-Verfahren ein: Mit dem neuen Standby oneway Upgrade-Voucher kann direkt beim Check-in das Ticket aufgewertet werden.»

Und so in der Popmusik: «Der Producer war schon, als er das Demo des Songs hörte, von dessen Hitpotential überzeugt: -Nothing? hat einen sehr subtilen Groove.»

Und so in der Computerwerbung: «Alta Vista Search Internet Software, der ultimative Web-Suchdienst» - das sind acht englische Silben, fünf in modischem Latein, die vier am Anfang italienisch oder spanisch und genau drei deutsch (der . . . Suchdienst), und mehr ist wirklich nicht nötig.

Eine tiefe Verachtung der Muttersprache scheint da einherzugehen mit der Angst, man könnte einfältig oder altbacken wirken und sich an den Idealen unserer Zeit versündigen, wenn man für alles, was man sagen möchte, den einfachsten, direktesten Ausdruck sucht. Es gab einmal Schriftsteller, die sahen das anders. «Lieber Herr Pastor, poltern Sie doch nicht so in den Tag hinein, ich bitte Sie!» schrieb Lessing an Pastor Goeze. «So lag er da allein, und alles war ruhig und still und kalt, und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen», schrieb Georg Büchner über Lenz.

Nichts da. Heute schreibt man so: «Der über das Prinzip der Entscheidung gesuchte Zugang zu der umstrittenen voluntativen Vorsatzkomponente wird einem für den psychopathologischen Gebrauch entwickelten menschenkundlichen Ansatz folgen, dem es auf die wechselseitige Abhängigkeit der gestalteten Inhalte des Erlebens und der sie tragenden Antriebserlebnisse, also auf die Kohärenz von Repräsentation und Dynamik, ankommt.» Psychobabble nennt man dergleichen in Amerika. Cool!




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