Jancis Robinson publiziert seit 20 Jahren über Wein und hat sich damit internationales Ansehen als Weinexpertin erworben. Von 1980 bis 1986 war sie als Nachfolgerin von Hugh Johnson Weinkorrespondentin der «Sunday Times». Heute schreibt sie vor allem für die «Financial Times» und das Weinmagazin «Winespectator»; daneben produziert und präsentiert sie Fernsehserien zum Thema Wein, die weltweit vermarktet werden. Jancis Robinson hat zahlreiche Bücher verfasst, die zu Bestsellern wurden, darunter das im letzten Herbst im Hallwag-Verlag auf deutsch erschienene «Oxford- Weinlexikon», die bisher umfassendste Enzyklopädie zu diesem Thema. Mit ihrem Mann Nick Lander, einem ehemaligen Gastronomen, der heute für die «Financial Times» schreibt, und ihren drei Kindern wohnt Jancis Robinson in London, dort, wo die meisten weltbekannten Weinkritiker zu Hause sind.
Mit Jancis Robinson sprach Andreas Heller.
Frau Robinson, was haben Sie gestern abend für einen Wein getrunken?
Ich war zu einem Dinner eingeladen, wo es eine Reihe schöner Weine gab. Als spezielle Geste hatte einer der Gäste ausserdem etwas ganz Besonderes mitgebracht: einen Bergerac aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Flasche war aus dem Bauch eines im Indischen Ozean gesunkenen Schiffes geborgen worden und sah wunderbar aus. Wir waren alle ganz aufgeregt, als der Wein geöffnet wurde. Doch welch eine Enttäuschung - der Wein schmeckte scheusslich. Da war wohl mehr Salzwasser drin als Bergerac.
Kann 200jähriger Wein überhaupt noch gut sein?
Ich habe eine wunderbare Erinnerung an einen frühen Mouton-Rothschild, der mit etwas Portwein verstärkt war. Ein Château d'Yquem aus dem frühen 18. Jahrhundert war noch so reich und filigran, dass ich glaubte, Engel singen zu hören. Ein 200jähriger Wein kann also durchaus noch Genuss bereiten. Allerdings gilt dies nur für ganz erlesene Weine.
An Auktionen werden bisweilen Hunderte, manchmal gar Tausende von Franken für eine einzige Flasche aus einem bestimmten Jahr bezahlt. Sind solche Preise gerechtfertigt?
Natürlich nicht. Aber es gibt eben vermögende Leute, die Interesse am Wein gefunden haben und sich nun in Kürze einen exklusiven Keller zusammenstellen. Sie wollen nur das Beste, und so zahlen sie fast jeden Preis. Wer sich sein Leben lang die Zeit nimmt, Schritt für Schritt eine Weinsammlung aufzubauen, der fährt aber sehr viel günstiger und hat wohl auch mehr Freude am Wein.
Was für Weine sollten den Grundstock eines Kellers bilden?
Der häufigste Irrtum ist der, dass Wein grundsätzlich der Lagerung bedürfe. Längst nicht jeder Wein wird im Alter besser, ja über 95 Prozent aller Weine sind am besten, wenn sie noch jung getrunken werden. Für längere Zeit im Keller verweilen sollten nur ganz ausgewählte Provenienzen guter Jahrgänge. Dabei denke ich vor allem an erstklassigen Bordeaux und Burgunder, an Vintage Port und an die Weine von der Côte du Rhone, an guten Riesling oder Vouvray. Barolo oder Barbaresco eignen sich ebenso zur Lagerung; aber nur wenige Weine aus der Toscana oder der Neuen Welt.
Man hört bisweilen, dass auch grosse Weine heute schneller trinkreif seien und eine kürzere Lebensdauer hätten.
Dass der Wein unserer Zeit eher trinkreif ist, trifft ohne Zweifel zu. Aber es ist wohl noch zu früh, als dass man behaupten könnte, sie hätten auch eine kürzere Lebensdauer. Und wenn dem so wäre ? müsste man es unbedingt beklagen? Als Weinromantikerin bin ich geneigt, die Frage zu bejahen. Nüchtern betrachtet ist sie eher zu verneinen. Nur wenige Leute haben heute Zeit und Geld für einen privaten Weinkeller, und doch lieben sie ein gutes Glas Wein. Wein, der schneller konsumierbar ist, trägt dieser Entwicklung Rechnung.
Über kein anderes Getränk wird soviel geredet und geschrieben wie über den Wein. Sie selbst haben eine 1300seitige Enzyklopädie zu diesem Thema vorgelegt. Was ist denn so besonders daran?
Kein anderes Getränk ist so reich wie der Wein. Keines bietet eine vergleichbare Vielfalt an Aromen, Stilen und Geschmacksrichtungen. Gleichzeitig ist Wein etwas sehr Lebendiges. Wein erzählt aus der Zeit, in der er geschaffen worden ist, von der Region, aus der er stammt, von den Menschen, die ihn gemacht haben. Er hat damit eine Qualität, die Kunstwerken vergleichbar ist. Zur historischen und kulturellen Dimension kommt eine soziale: Wein ist gemacht, um gemeinsam mit andern Leuten getrunken zu werden. Er verschönert das Zusammensein, er beflügelt das Gespräch.
Reichlich beflügelt muten mitunter allerdings auch die Kommentare von wirklichen und angeblichen Weinexperten zu den kredenzten Weinen an. Da ist die Rede von Pferdestall, Tabak, einem langen Schweif oder von getoasteter Eiche. Wie ernst ist die Weinsprache der Experten zu nehmen?
In den Ohren von Laien mag sie lächerlich klingen ? und nicht selten zu Recht. Weinprofis müssen aber miteinander kommunizieren können, also suchen sie nach Worten, um ihre persönliche Empfindung auszudrücken. Dazu sucht man nach Aromen, die man anderswo schon festgestellt zu haben glaubt. Aus wissenschaftlichen Forschungen wissen wir aber lediglich, dass etwa Sauvignon blanc Aromakomponenten enthält, die auch in Johannisbeeren, in Nesseln und in Stachelbeeren nachzuweisen sind; Chardonnay enthält Aromen, die sich auch in Johannisbeeren, in Tee, Rosenblättern und in Himbeeren finden. Bloss, was sagt uns das? Johannisbeere jedenfalls ist nicht unbedingt ein Chardonnay-typisches Aroma.
Sie halten nicht allzuviel von Aromavergleichen zur Weinbeschreibung?
Wenn ich einen Wein einem breiten Publikum vorzustellen habe, beschreibe ich ihn lieber in seinen Dimensionen, wie etwa: voller Körper, langer Abgang, säuerlich. Eindrücke also, die jeder mehr oder weniger nachvollziehen kann und die sich auch wissenschaftlich überprüfen lassen. Dazu vielleicht noch zwei bis drei eindeutige Aromen wie grüner Apfel oder Honig. Man sollte sich bemühen, in einer einfachen Sprache über den Wein zu reden; schliesslich sind Worte, wenn es um Wein geht, auch gar nicht so wichtig.
Wie wird man eine Weinkennerin, ein Weinkenner?
Man sollte sich angewöhnen, mit Köpfchen zu trinken; dann entwickelt man mit der Zeit ein Gedächtnis für verschiedene Geschmacksrichtungen. Das gibt einem die Möglichkeit, Vergleiche anzustellen und einen Wein einzuordnen. Wichtiger als ein Vokabular aus blumigen Worten ist der Mut zum eigenen Urteil und die Fähigkeit, unvoreingenommen dem Wein zuzuhören, was er uns zu erzählen hat. Weindegustieren ist eine sehr subjektive Angelegenheit.
Man braucht keine besondere Begabung wie eine besonders feine Nase?
Meines Wissens haben auch die besten Degustatoren weder eine Supernase noch eine Supergaumen. Sie haben jedoch ein gutes Gedächtnis für Aromen. Alles ist eine Frage der Übung: als ich mich auf die Master-of-wine-Prüfung vorbereitete, nahm ich mir zweimal täglich verschiedene Serien von Blinddegustationen vor. Es war ein bisschen wie auswendig lernen, und ich fühlte mich bisweilen wie ein Pferd, das vor einem Rennen in Hochform gebracht wird.
Wieviele Weine degustieren Sie am Tag?
Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe an einem Tag schon 200 Weine verkostet, was für mich eindeutig zuviel ist. Rund 80 Weine kann ich noch fair beurteilen.
Macht das noch Spass?
Natürlich. Selbst wenn ich von Berufes wegen den ganzen Tag Wein verkostet habe, geniesse ich am Abend noch gern ein Glas. Professionelles Degustieren und Trinken sind ja zwei ganz verschiedene Dinge. Degustieren ist eine intellektuelle Arbeit, bei der der Alkohol der Feind ist. Wein geniessen dagegen ist Erholung und Entspannung, und da kann ein bisschen Alkohol durchaus helfen.
Weindegustieren sei eine subjektive Angelegenheit, sagen Sie. Gibt es dennoch einigermassen objektive Kriterien, ob ein Wein gut oder schlecht ist?
Was heisst gut oder schlecht? Manche Leute mögen Liebfrauenmilch; soll ich sie deswegen kritisieren? Wein soll doch in erster Linie Freude machen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die nur die renommiertesten Weine trinken und auf jene herunterschauen, die sich mit etwas Einfacherem zufriedengeben. Wein wird zu oft als Statussymbol missbraucht.
Vor allem in Amerika ist es sehr beliebt, Weine mit Punkten zu bewerten. Was halten Sie davon?
Ich mag es nicht besonders, weil solche Bewertungen leicht missverstanden werden. Man denkt: Je mehr Punkte, desto besser der Wein. Doch ist das oft ein Trugschluss, weil sich die Punktzahl auf die optimale Trinkreife bezieht, die der Wein erst noch erreichen muss. Ganz allgemein finde ich, dass Punkte einer komplexen Sache, wie sie der Wein ist, nicht gerecht werden können. Wein ist ja nicht nur die Flüssigkeit auf unserer Zunge, sondern ein Produkt mit einem kulturellen, geographischen und geschichtlichen Hintergrund.
Degustieren Frauen anders?
Wissenschaftliche Untersuchungen haben tatsächlich gezeigt, dass Frauen besser sind bei Beurteilung, Identifizierung oder Beschreibung von Weinen. Vielleicht hat das aber nur damit zu tun, dass sich Frauen in der Regel weniger einschüchtern lassen von grossen Namen und Klassifikationen. Männer benützen den Wein nicht selten, um zu renommieren. Sie sprechen von einem Wein wie von ihrem Auto: In der Art «mein Auto ist grösser als deines», «mein Wein ist ein Premier grand cru, deiner nur ein Deuxième».
Vor 20 Jahren war ein guter Wein fast immer ein französischer Wein. Heute werden in fast allen Erdteilen hochgelobte Weine gemacht.
Das ist eine höchst erfreuliche Entwicklung. Wettbewerb kommt letztlich immer der Qualität zugute. Wir sehen das gerade in Frankreich, wo vor allem die Produzenten von Mittelklassweinen auf die neuen Herausforderungen antworten müssen. Eher negativ ins Gewicht fällt, dass die Weinrevolution der letzten Jahre auch eine Vielzahl Kopien von Altbekanntem gebracht hat. Zwar war die Bandbreite der Herkunft von Weinen noch nie so gross wie heute, doch jene der Stile und der Aromen ist so schmal wie nie zuvor. Von fast überall kommt im Eichenfass fermentierter Chardonnay mit weitgehend identischem Geschmack. Dabei gäbe es Hunderte von lokalen Traubensorten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Doch die Händler, vor allem die Grosshändler, wollen nur das Bekannte, das sich problemlos verkaufen lässt.
Was braucht man, um guten Wein herstellen zu können?
Ein Vermögen. Spass beiseite: ein Vermögen allein genügt natürlich nicht. Das Wichtigste ist wohl der Boden, das Terroir: die Lage, das Mikroklima, die chemische Zusammensetzung des Bodens. Dann braucht man das Wissen, wie man die Trauben am besten in Wein verwandelt. Ein Önologiestudium ist nützlich, noch wichtiger ist aber das traditionelle Wissen der lokalen Weinbauern, das von Generation zu Generation vererbt worden ist. Ich kenne viele Produzenten von ganz grossen Burgundern, die wohl kaum ein Önologie-Examen bestehen würden. Aber sie wissen von ihrem Vater oder vom Grossvater, wie der Wein von den eigenen Trauben am besten wird. Reden wir von den einfachen Weinen.
Wo findet man heute günstige Alltagsweine von hoher Qualität?
In Chile zum Beispiel. Von dort kommt zwar kein einziger wirklich grosser Wein, dafür gibt es sehr viele chilenische Weine mit bestem Preis-Qualitäts-Verhältnis, etwa guten Merlot, Cabernet Sauvignon, Sauvignon blanc, Chardonnay. Nichts von dem ist typisch chilenisch, doch die Weine sind allesamt sauber gemacht, gut ausbalanciert, von schöner Frucht ? und sollten unbedingt jung getrunken werden. Gute günstige Weine gibt es ausserdem in Südfrankreich, im Languedoc; und sehr interessant in dieser Preiskategorie wird auch Osteuropa, vor allem Ungarn mit seinem weissen Furmint und dem roten Limberger.
Was halten Sie von Schweizer Weinen?
Ich muss gestehen: ich kenne sie nicht besonders gut. Es gibt aber sicherlich auch da einiges zu entdecken, vor allem unter Walliser Spezialitäten wie Cornalin, Amigne, Petite Arvine oder Heida. Es gibt auch guten Chasselas, sofern er nicht stark aufgezuckert ist, was die Frucht zerstört. Ganz allgemein mag ich Weissweine mit einer erfrischenden Säure, Weine, bei denen man nicht nach dem ersten Glas bereits satt ist. Deshalb habe ich auch etwas Mühe mit den australischen Weinen: sie sind mir einfach zu mächtig und zu konzentriert.
Welche Trauben sind Ihre Favoriten?
Bei den Weissweinen: Riesling, Roussanne, Chenin blanc. Ich habe schon viele phantastische weisse Burgunder getrunken, dennoch kann ich nicht sagen, dass Chardonnay zu meinen Lieblingstraubensorten gehört; es ist wohl eher der Boden des Burgunds, der hier besonders gerühmt werden muss. Auch Verdelho, eine Traubensorte aus Madeira, finde ich interessant, ebenfalls Albariño aus Galizien und Assyrtiko aus Griechenland. Bei den Rotweinen: Pinot noir und Merlot vermögen mich eher zu verführen als durchschnittlicher Cabernet Sauvignon. Ich mag Zinfandel, Nebbiolo und Tempranillo, Kéfrankos aus Ungarn, eine Traubensorte, die besser unter dem Namen Blaufränkisch bekannt ist. Am liebsten unter allen ist mir aber doch der Pinot noir. Die Weine von dieser Traubensorte sind voller Magie ? wenn sie gut sind.
Was ist denn so besonders daran?
Bordeaux trinken ist für mich vor allem ein intellektueller Genuss. Ein Pinot noir dagegen appelliert eher an die Gefühle. Burgunder sind Verführer, ein grosser Burgunder ist von einer Finesse, wie man sie bei einem Bordeaux niemals finden wird. Anderseits muss man vor allem beim Burgunder auch mit bitteren Enttäuschungen rechnen: einen wirklich grossen Burgunder zu finden, ist schwierig, ein bisschen wie Roulett. Selbst für den, der sich gut auskennt. Aber Enttäuschungen gehören wohl ebenso zum Wein wie die Sternstunden, die er uns bisweilen zu schenken vermag.