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NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst? Inhaltsverzeichnis
Beim Coiffeur -- «Ihr Weisse habt unhandliche Haare»
© Manuela von Ah
Von Manuela von Ah
Esther Katongole, Masaka, Uganda, ist 28 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer 7 Monate alten Tochter, ihrer Schwester und deren Mann in zwei kleinen Räumen in der armen und etwas heruntergekommenen Kleinstadt Masaka im Süden Ugandas. Die Region ist stark von Aids betroffen, billige Holzsärge werden auf den Strassen genauso feilgeboten wie Kochbananen, Süsskartoffeln und rostige Metallteile alter europäischer Autos.
Was würden Sie mir für einen Haarschnitt empfehlen?
Sie wollen bei mir die Haare schneiden? O nein! Ich hatte erst einmal eine Weisse hier im Salon, das ging schief. Ihr habt unhandliche Haare, meine Schere kann das europäische Haar gar nicht richtig packen.
Dann schneiden Sie nur die Spitzen.
Ich weiss nicht. Sie haben sowieso einen etwas kurzen Schnitt. Ich würde Ihnen nahelegen, Ihre Haare wachsen zu lassen. Irgendwie sehen Sie mit noch kürzeren Haaren aus wie ein Zündholz. Ich empfehle generell nur sehr festen Frauen, das Haar kurz zu tragen.
Sind Sie auf bestimmte Frisuren spezialisiert?
Ich bin versiert im Suaheli-Styling. Dabei flechte ich 2000 feinste Zöpfchen ins Haar der Kundin, das dauert 12 Stunden. Dieser Style ist sehr angesagt, für die meisten aber unbezahlbar. Viele Frauen lassen sich die Haare strecken oder auftoupieren, das kostet weniger.
Warum wurden Sie Coiffeuse?
Als Mädchen stand ich oft am Eingang eines Coiffeursalons in unserem Stadtviertel. Ich war vom Lebensstil der Leute, die sich einen Friseurbesuch leisten konnten, so beeindruckt, dass ich nach der Schule einfach hier in den Carol Beauty Saloon kam und erklärte, ich wolle auch lernen, die Kundinnen mit Schere, Kamm und Lockenwickler zu Schönheitsköniginnen zu machen. Eine Lehre? Kann man bei uns nicht machen. Entweder man hat das Feingefühl oder nicht.
Gehört der Laden Ihnen?
Nein. Ich arbeite hier auf Provision. Nur Handföhn, Scheren, Bürsten und Spangen sind mein Eigentum. Das Geld dafür habe ich bei meiner Familie und Freunden gesammelt und einen Kleinkredit aufgenommen.
Wer schneidet Ihnen die Haare?
Meine Kolleginnen. Wir arbeiten zu elft hier und probieren gegenseitig neue Schnitte aus – wenn nicht gerade Stosszeit ist. Vor Weihnachten stehen die Kundinnen Schlange. Den Frauen ist es wichtig, sich für den Kirchenbesuch und das Heilige Fest herauszuputzen. Da haben wir von 6 bis 24 Uhr geöffnet. Weil es sich nicht lohnt, nach Hause zu gehen, schlafen wir hier auf dem Fussboden.
Haben Sie viele Stammkunden?
Zwischen 30 und 40. Sie schätzen meine Beratung und mein Handwerk.
Welche Leute kommen zu Ihnen?
Nur, wer es sich leisten kann, lässt sich die Haare wachsen und lässt sich frisieren. Mädchen und Frauen, die kein Geld haben, rasieren sich in Uganda den Kopf selber mit einer Messerklinge. Die meisten tragen die Haare ganz kurz.
Mit welcher Klientel haben Sie Mühe?
Ich gebe mein Bestes. Da reklamiert keiner, glauben Sie mir! Wenn eine Kundin einen Schnitt verlangt, der ihr garantiert nicht steht, leiste ich Überzeugungsarbeit, bis sie einlenkt.
Haben Sie prominente Kundschaft?
Wenn in Masaka eine Konferenz stattfindet, kommen ugandische Regierungsmitglieder in den Laden. Aber sonst? Hierhin verschlägt es keine Prominenz.
Wen würden Sie gerne frisieren?
Die Frau des Präsidenten von Uganda. Ihr Style ist alles andere als perfekt, da würde ich gerne Hand anlegen.
Haben Sie Zukunftspläne?
Ich träume davon, in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, einen eigenen Salon zu eröffnen. Da würden sich bestimmt Leute aus dem Ministerium von mir frisieren lassen. Das wäre toll.
Leben Sie gerne in Masaka?
Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich nach Kampala gehen. Oder ins Ausland, nach Kenya zum Beispiel. Oder nach Europa. Geben Sie mir Ihre Adresse? Aber ich bin hier geboren und bin froh, meinen Eltern nahe zu sein. Ich habe hier alles, um zu überleben. Uganda ist arm, 60 Prozent der Bevölkerung haben keine Arbeit. Mein Arbeitsplatz ist Gold wert, ich gehöre zu den Privilegierten.
Masaka wirkt heruntergekommen.
Die Stadt wurde 1979 unter Idi Amin im Krieg mit Tansania fast völlig zerstört. Und in den letzten 30 Jahren sind unzählige Menschen an der Slim Disease (Aids) gestorben. So Gott will, zieht er uns irgendwann aus dem Sumpf. – So, mehr schneide ich nicht. Ist das okay so?
Na ja, dann lasse ich die Haare eben etwas wachsen.
Tun Sie das. Und das nächste Mal bringen Sie mehr Zeit mit. Dann flechte ich Ihnen den Suaheli-Style.
Manuela von Ah ist Redaktorin und lebt in Zürich.
Carol Beauty Saloon
ist ein kleiner Schönheitssalon, ausgestattet mit Haartrocknern aus den 1970er Jahren, grossen Spiegeln, ein paar Stühlen. Am Samstag läuft das Geschäft gut; die Frauen wollen am Sonntag hübsch frisiert zur Kirche gehen. Esther verdient monatlich 150 USD, die Miete für ihre 3-Zimmer-Wohnung beträgt 90 USD.
Preis für einen Haarschnitt
Die klassische Totalrasur für Männer kostet 2000 ugandische Shilling (CHF 1.-), für Aufhellungen bezahlt man 10 000 Schilling (CHF 5.-), eine Zöpfchenfrisur kostet 30 000 Schilling (CHF 15.-).
Uganda
Einwohner: 27 000 000 BIP pro Kopf: USD 327 Brot: 1 kg USD 1.00 Ananas: 1 Stück USD 0.50 Zigaretten: USD 1.00 Sammeltaxi: 100 km USD 3.00
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