«Der Zentralfriedhof», sagt Herr Westermayer, ein 69jähriger Pensionist, der vor drei Jahren einen Verein für Friedhofskunde und Persönlichkeitsforschung gegründet hat, «der Zentralfriedhof ist fünf Quadratkilometer gross und hat drei Millionen Tote aufgenommen. Auf dem stillgelegten jüdischen Friedhof, dem alten - hier beim Tor 1 -, sind ungefähr 60 000 beigesetzt.» Der Wind löst Schwaden von Blättern aus den Kronen der Ahornbäume und triebt sie über den Platz, auf dem bis zur «Reichskristallnacht» die Zeremonienhalle stand und jetzt ein Polizist mit seinem Schäferhund spielt. Es ist ein flaches, grasbewachsenes Stück Erde, nicht weit von der Friedhofsmauer und der ersten Grabreihe, in der Arthur Schnitzler und Friedrich Torberg liegen.
Fünfzig Jahre beschäftigt sich Herr Westermayer schon mit dem Zentralfriedhof. Er ist ein kleiner Mann, trägt eine schwarze Kappe und hat etwas von einem Beamten, der sich in einem labyrinthischen Archiv zurechtzufinden gelernt hat. «Seit kurzem», sagt er, «wird der jüdische Teil des Friedhofs bewacht, nachdem sich im letzten Jahr über siebzig Grabschändungen ereignet haben, von Unbelehrbaren und Dummköpfen. Im katholischen Teil waren es zweihundert in drei Jahren, aber hier ist es sensibler, verständlicherweise.»
Wir gehen die Zeremonienstrasse hinunter, an der sich die prächtigsten Gräber befinden, die zum Teil von Pflanzen überwachsen sind und den Eindruck einer Theaterlandschaft machen. Aus der Ferne sind Musikfetzen eines Begräbnisses zu hören. «Seinerzeit haben die Nazis den Friedhof geschändet», erzählt Herr Westermayer. «Sie haben Gräber geöffnet und Schädel entnommen, um sie zu vermessen und nach Berlin zu bringen, wo man eine Schädelsammlung anlegte, die der Nachwelt beweisen sollte, welche Verformungen jüdische Glaubensgenossen in ihrem Kopf . . . also welche Rassenmerkmale an ihren Köpfen vorhanden sind.»
Laub raschelt unter unseren Füssen, eine Krähe fliegt über die Baumkronen. «Unter Hitler bestand in Berlin eine umfangreiche Kopfsammlung. Es wurden auch Schädel aus den Friedhöfen im Währinger Park und in der Seegasse entnommen. Den Friedhof Seegasse wollte man 1941 überhaupt verschwinden lassen, die Grabsteine als Pflastersteine verwenden», fährt Westermayer fort. «Als das bekannt wurde, haben einige Patrioten, Arbeiter und ein paar Juden in der Nacht die Grabsteine entfernt und hinter dem vierten Tor des Zentralfriedhofs eine künstliche Pyramide errichtet, Sand darüber gestreut und sie bepflanzt. Dadurch haben die Steine den Krieg überlebt. Einen Teil davon hat man wieder in der Seegasse aufgestellt.»
Wir gehen von der Prachtstrasse in das von Sträucherwerk und Bäumen zugewachsene Innere des Friedhofs. Die Äste und Zweige bilden ein Tunnel, durch das der Himmel nur in winzigen Ausschnitten zu sehen ist. Hasen, Fasane, Füchse und Eichhörnchen halten sich auf dem Friedhof auf, weiss Herr Westermayer zu berichten, zur Friedhofseröffnung 1874 habe es sogar Rehe, Damwild und Hirsche gegeben. «Die Hasen brauchen Futter und fressen leider Gottes die nahrhaften Kränze an, und das stört die Lebenden, und daher müssen alle Jahr Jagden stattfinden. Die Simmeringer Jagdgesellschaft stellt vier oder fünf Jäger. Die gehen dann im Herbst sehr zeitig in der Früh beim ersten Büchsenlicht auf den Friedhof, und dann wird geschossen . . . unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil sonst gäbe es Proteste . . . auf Grabsteinen können Sie aber noch die Spuren von Schrotkugeln finden . . .»
Unter den Arkaden aus Gezweig ist es dunkel, Herr Westermayer findet diesen Teil des Friedhofes «besonders mystisch». Selbstverständlich hat man das Gefühl, sich verirren zu können, und es kommt auch vor, dass Besucher nicht rechtzeitig die Ausgänge finden und im Friedhof eingesperrt werden, aber Herr Westermayer schliesst das für sich aus. «Ich renn' so lang im Kreis, bis ich die Kuppen von der Luegerkirche siech, dann passt's wieder.»
Wir finden bald das Grab des Komponisten Goldmark, daneben liegt eine abgesägte Steinvase, die offenbar jemand für seinen Garten vorgesehen hat.
Wieder säumen eingestürzte Gräber mit herumliegenden Grabsteinen den Pfad. Sie erwecken den Eindruck, als versänken sie langsam in der Erde wie die Trümmer eines untergegangenen Schiffes im Meer. Tatsächlich sind es Reste von durch Bomben zerstörten Grabstätten. Wien wurde im Zweiten Weltkrieg flächendeckend bombardiert. «Zum Beispiel», sagt Herr Westermayer, «wurden auch der St. Marxer Friedhof und ausgerechnet das Grab Mozarts getroffen. Am Zentralfriedhof gab es fünfhundert Bombentrichter. Die Särge, die Leichen und Knochen sind herumgelegen. Am jüdischen Friedhof hat sich niemand darum gekümmert. Es war keine Kultusgemeinde mehr vorhanden, und die Nazis haben selbstverständlich kein Interesse daran gehabt, Aufräumungsarbeiten durchzuführen . . . Daher ist alles langsam wieder in die Erde versunken . . . Es ist ja ein weicher Boden . . . Und die Natur, die Mutter Erde, nimmt diese geschändeten Leichen wieder gnädig auf . . . Das heisst, es könnte sein, dass ein oder zwei Meter unter unseren Füssen Gebeine liegen . . .» Eine Katze huscht vorüber, kriecht in einen Spalt zwischen zwei umgestürzten Grabsteinen, und Herr Westermayer versucht sie mit Miaulauten hervorzulocken.
Der Wind wirbelt wieder Laub von den Bäumen, links und rechts sind Stauden vor den Gräbern aufgeschichtet, und eine dicke Schicht von Ahornblättern bedeckt den Boden.
An der Mauer finden wir endlich die Gedenkstätte für die 140 jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in der k. u. k. Armee gefallen sind.
Wir betreten die Kapelle und sehen zwei Kränze mit rotweissroten Schleifen. Auf einer Tafel hat sich ein grosser weisser Fleck ausgebreitet, der die Namen darauf aufgefressen zu haben scheint. Der Stein ist an dieser Stelle glatt poliert, vermutlich durch eine Schleifmaschine, die die Namen «ausradieren» wollte oder ein Hakenkreuz entfernt hat, das über die Namen geschmiert war.
Nach wenigen Schritten betreten wir den katholischen Teil des Zentralfriedhofs. Von weitem sieht man die Kuppel der Luegerkirche, die nach jenem legendären Wiener Bürgermeister benannt ist, der mit dem Antisemitismus Politik betrieben hat. Selbstverständlich war Lueger Katholik, und seine Begräbnisstätte, die unübersehbare Luegerkirche, zeigt auf einem Mosaikbild über dem Altar den Bürgermeister, der von zwei Engeln in den Himmel getragen wird. «Fremde, die um österreichische Verhältnisse nicht Bescheid wissen, erkundigen sich des öfteren», sagt Herr Westermayer, «wer der Heilige Lueger war.» Die Kirche sei eine Patronatskirche der Stadt Wien. «Circa 75mal habens' das Stadtwappen in ihrem Gemäuer verewigt.»
Wir spazieren an den Armengräbern, die auf der weiten Wiese vor dem kirchlichen Palast verstreut liegen, vorbei, und ich frage Herrn Westermayer nach dem Witz über Zürich und den Wiener Zentralfriedhof. Er bleibt stehen, denkt kurz nach, «wie der Witz geht», und sagt dann: «Warten Sie . . . Zürich ist doppelt so gross wie der Zentralfriedhof, aber nur halb so lustig.»