NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Männer Röcke tragen würden

© Sibylle Heusser und Marcus Mos...
Rom, 1. April 2008: Strassenszene vor dem Kolosseum. Linktext
Von Ursula Karbacher
Zu Beginn der Französischen Revolution 1789 kämpften auch Frauen für die gesellschaftliche Gleichheit der Geschlechter. Pariser Damen sprachen nicht nur über Politik, sondern nahmen als Soldatinnen aktiv an Scharmützeln teil. Revolutionäre Frauen setzten den Ruf nach Gleichheit und Freiheit um und machten die Bürgerrechte zu Rechten von Bürgerinnen und Bürgern.

Lange dauerte diese weibliche Emanzipationsgeschichte nicht: Mit einem Dekret des Konvents vom 30. April 1793 schlossen die Männer die Soldatinnen aus der Armee aus. Im Oktober 1793 wurden alle Frauenclubs und Versammlungen für und von Frauen verboten. Der Tätigkeitsradius der Frau wurde auf nichtöffentliche Bereiche zurückgestuft: Das «ausser Rand und Band geratene» weibliche Geschlecht wurde von Männern und von Frauen, die sich in ihrer traditionellen Rolle gefährdet sahen, auf seinen angestammten Platz verwiesen. Auch das «Recht auf Hosen» bliebt den Frauen bis ins 20. Jahrhundert weitgehend verwehrt.

Wären diese Dekrete nie erlassen worden, hätte sich das auch auf die Geschichte der Mode ausgewirkt. Auch auf die Männermode.

Stellen wir uns vor: Nur dank Mithilfe der Frauen gelingt es, die Revolution gegen die antirevolutionären Kräfte und gegen die Bedrohungen jenseits der Landesgrenzen siegreich zu beenden. Die «Heldinnen der Revolution» bewähren sich im Kampf, beweisen ihren Mut und übernehmen militärische Führungspositionen. Die Männer bewundern ihre Mitstreiterinnen und übergeben ihnen das Waffenrecht. Gleichzeitig erhalten die Frauen das Recht, Hosen zu tragen.

Noch immer herrscht zwar die Ansicht, dass «ein Weib von der Natur nicht bestimmt ist, die Waffen zu führen». Doch schreibt ein zeitgenössischer Autor dazu: «…allein die Natur hat ihre Unregelmässigkeiten, und wenn wir eine Frau haben, welche eine Kriegerin ist, so haben wir auch auf der andern Seite einen Mann, welcher Modehändler ist. Alles ist also compensiert.»

In Napoleons Feldzügen stellen Soldatinnen ein eigenes Regiment und sind äusserst erfolgreich. Allenthalben wird von den französischen Amazonen gesprochen, die die gegnerischen Heere verwirren. Sie reiten selbstverständlich im Herrensattel und tragen Hosenröcke. Die französischen Damen­uniformen unterscheiden sich von denjenigen der Soldaten durch phantasievolles Zubehör und auffallende Klunker.

Wie immer schon beeinflussen Krieg und Militär auch jetzt die zivile Mode. Bei der Schlacht von Lodi 1796 erobert ein Corps von 1500 Frauen mit Napoleon an der Spitze die von den Österreichern verteidigte Brücke und rettet Napoleon während des Gefechts das Leben. Enthusiastisch imitieren die Soldaten die Frauen und beginnen, Hosenröcke zu tragen, und schon bald tragen auch Zivilisten Röcke. Der Rock für den Mann kommt in Mode. Material- und Farbenpracht des 18. Jahrhunderts werden wiederaufgenommen: Männer kleiden sich mit Vorliebe in Rosa, Hellblau und Zartgrün. Verziert sind diese Stoffe mit bunten Blumenmustern.

Die langen Hosenröcke schränken jedoch die Bewegungsfreiheit ein. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden sie kürzer und entwickeln sich zum eigentlichen Rock. Dieser ähnelt den Pumphosen, die rund dreihundert Jahre zuvor Mode waren. Wie damals tragen die Männer helle Seidenstrümpfe zu diesen bis über die Knie reichenden Röcken. In Anlehnung an die unter Ludwig XIV. getragene spitzenverzierte Rheingrafenkleidung wird der Män­nerrock in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reich mit Spitzen und Stickereien geschmückt.

Es bürgert sich ein, dass der Mann zu offiziellen Anlässen im pastellfarbenen Rock mit reichen Verzierungen erscheint. Auch in der Politik wird auf üppige Erscheinung Wert gelegt.

Im 20. Jahrhundert durchläuft die Mode zwar immer kurzlebigere Zyklen, aber alle Versuche avantgardistischer Modemacher, dem Mann die Hose schmackhaft zu machen, scheitern. Die Farben der Röcke wechseln von Gedämpft zu Schrill und wieder zurück. Der Schnitt des klein gefältelten, mehrstufigen Rocks wird geradlinig und eng. Mitte des 20. Jahrhunderts tragen die Männer dazu gerne weite Seidenblusen.

Der letzte Modeschrei der männlichen Jugend sind Stickereiblusen mit mehrstufigen Spitzenkragen und -manschetten, enge Röcke mit blinkenden Schamkapseln und grossen Schärpen am Rücken.

Ursula Karbacher ist Kuratorin des Textilmuseums St. Gallen.


Leserbriefe:

Zu Was wäre, wenn Männer Röcke tragen würden - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)

Der Artikel ist zeitgemässer denn je. Rocktragende Männer. Seit langem wieder eine positive Modenachricht. Wenn auch etwas visionär. Männer sollten mehr Mut zeigen und sich selbstverständlich im Kilt oder Rock auf die Straße trauen. Es hat wirklich nichts mit Unmännlichkeit zu tun, wenn Männer sich des einröhrigen Beinkleides bedienen. Die Gesellschaft muss endlich das Klischee loslassen, Männer im Rock hätten aussergewöhnliche sexuelle Neigungen. Wer spöttelt heute noch einer Frau in Hose hinterher, ihre Neigung läge wohl eher beim gleichen Geschlecht, oder sie liebe und lebe ein leichtes Leben, weil sie leuchtende Lippenstiftfarben trägt? Männer im Rock sollten selbstverständlich im Stadt- und Landbild werden.
Zareen Kayslee, per E-Mail




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