Georgien ist eines jener Länder, von denen man annimmt, dass es sie gibt. Man ahnt, wo ungefähr auf der Weltkarte zu suchen ist. Irgendwo drüben rechts. Fussballfreunde erinnern sich daran, dass Georgien eine Nationalmannschaft hat und dass die Stromausfälle in der Hauptstadt Tbilissi (Tiflis) auch das Flutlicht im Lokomotiv-Stadion abwürgen. Lokomotiv-Stadion. Das wird noch dann nach Ostblock klingen, wenn die letzten Flaschen Stalin-Wodka aus den Gemischtwarenläden der Stadt verschwunden sein werden. Stalin ist der berühmteste Sohn Georgiens, aber der Wodka ist nicht zu verachten. Ein bitteres 0 : 0 erreichten die Schweizer im EM-Qualifikationsmatch am 2. April 2003 in Tbilissi, ein Sieg wäre möglich gewesen, es hätte aber auch schlimmer kommen können. In der Woche zuvor war ein irischer Mittelfeldspieler im Lokomotiv-Stadion knapp nicht von einem Messer getroffen worden. «In dieser Region kommt es dauernd vor, dass Gegenstände auf das Spielfeld geworfen werden. Die Leute sind viel impulsiver als bei uns», analysierte Verteidiger Murat Yakin Land und Leute.
Der Schweizer türkischer Herkunft darf das wissen, die Türkei ist ein Nachbar, Nachbarn sind auch Armenien, Aserbeidschan und Russland, der grosse Bruder, der das einstige Sowjetgeschwisterchen noch immer eng umschlingt. Die meisten Menschen in Georgien allerdings werfen das wenige, das sie haben, nicht leichtfertig weg.
Als das Flugzeug Tbilissi ansteuert, baumelt ein Regenbogen am Himmel wie eine Girlande, die andernorts Ankömmlingen um den Hals gelegt wird. Er verschwindet rasch wieder, als hätte er sich geirrt, doch etwas Farbiges wie ihn habe ich in Tbilissi nur noch einmal gesehen. Es war ein Schal. Auf der Fahrt in die Stadt denke ich daran, dass Ende Mai in einem Taxi mitten im Zentrum mehrere Kilogramm hochradioaktives Cäsium 137, Strontium 90 und Senfgas gefunden wurden. Wenige Monate zuvor waren Holzfäller auf ähnliche Ware gestossen und verstrahlt ins Spital eingeliefert worden. Dieser Art sind die Nachrichten aus Georgien. Im Land selber druckt «The Messenger» Folgen eines Sprachkurses Englisch-Georgisch ab. Als ich die Zeitung aufschlage, lauten die «Georgischen Wörter des Tages» gatatseba und gamosasqidi: Entführung und Lösegeld.
Es war der Schal von Heidi Tagliavini. Die Schweizer Diplomatin ist die Sondergesandte des Uno-Generalsekretärs für Georgien. Sie leitet die Unomig-Friedensmission (United Nations Observer Mission in Georgia), die den Waffenstillstand zwischen Georgien und der abtrünnigen Region Abchasien überwacht; 117 unbewaffnete Militärbeobachter aus 23 Ländern sind ihr unterstellt. Überdies, und hauptsächlich, ist sie beauftragt, die verfeindeten Parteien zu einer politischen Lösung des Konflikts zu bewegen. 15 solcher Friedensmissionen betreiben die Vereinten Nationen auf der Welt, und dass eine davon einer Schweizerin anvertraut ist, ist mehr als bemerkenswert. Als Kofi Annan im Mai 2002 die Ernennung bekanntgab, wertete dies das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) als «Erfolg der Schweizer Uno-Diplomatie». Ehre, wem sie gebührt: Die Wahl hatte fast nichts mit dem neuen Uno-Mitglied zu tun, aber sehr viel mit Heidi Tagliavini. Die 53-jährige Baslerin hatte sich ausserhalb des Landes einen Namen gemacht als Spezialistin für schwierige Fälle. Georgien ist ein sehr schwieriger Fall.
Ich treffe sie am Morgen nach ihrem Ein-Jahr-Dienstjubiläum, das sie nicht feiern konnte. Es war ein typischer Tag. Lange, unberechenbar, voller Überraschungen. Sitzungen, Besuche, Treffen, Besprechungen, von denen sie erst zum Teil weiss, wenn sie morgens ihr Gymnastik- und Schwimmprogramm in einem Fitnesscenter absolviert. Bis 22.30 Uhr war sie mit der Uno-Zentrale in New York am Telefon gewesen. Als sie den Hörer auflegte und die Tür ihres Büros öffnete, war niemand mehr da ausser den beiden abstinenten Bodyguards. Das Jubiläum wäre immerhin ein Grund für Champagner gewesen, zu feiern gibt es sonst nicht viel.
Vergessen von der Welt, herrscht in der Kaukasusrepublik seit zehn Jahren Nichtkrieg und Unfrieden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Georgiens 1991 brach ein Bürgerkrieg aus, als sich Abchasien von Georgien lossagte. Etwa eine Viertelmillion Menschen sind seither Flüchtlinge im eigenen Land. Sie leben in elender Armut. Die übrigen rund 4,7 Millionen leben in blosser Armut, ausser jene kleine Schicht, die an das Kanalsystem der Korruption, Kriminalität und Kleptokratie angeschlossen ist. Georgien war ein fröhlicher Teil der Sowjetunion gewesen, Ferienparadies der Nomenklatura.
«Es ist, als ob man dem Land vor Jahren den Stecker rausgezogen hätte», sagt Michael Berndonner, ein Schweizer Betriebswirtschafter, Opernsänger und Offizier, der ein Jahr lang in Georgien als Militärbeobachter im Einsatz war und sich vor der Heimreise von seiner Chefin verabschiedet. «Nichts geht mehr.» Berndonner war in den prekären Regionen des Landes auf Patrouille gewesen. «Die ersten Monate war ich wie gelähmt. Das Elend ist furchtbar. Alte Leute leben, wenn sie Glück haben, von einem Teller Suppe, den sich der Nachbar vom Mund abspart.»
Der Konflikt hält das Land in dumpfer Stagnation und ständiger Verunsicherung. Aus der geographischen Lage als Scharnier zwischen Europa und Asien wissen vor allem Waffenschieber, Menschenhändler und Drogenschmuggler Nutzen zu ziehen. Abchasien, mit einem Wirtschaftsembargo belegt, ist nicht als Staat anerkannt, führt sich aber so auf. Georgien, und mit ihm die internationale Gemeinschaft, hält an seiner territorialen Integrität fest. Seit 1994 überwacht die Unomig den brüchigen Waffenstillstand, seit einem Jahr versucht Heidi Tagliavini, den politischen Stillstand zu lösen und die Widersacher an den Verhandlungstisch zu bringen. Dass sie selber den grossen Durchbruch erleben wird, damit darf sie nicht rechnen.
In hartnäckiger Kleinarbeit trägt sie Baustein um Baustein für eine weit entlegene Zukunft zusammen und muss sich mit Teilerfolgen zufriedengeben, die zum Beispiel darin bestehen, dass man «in einem Gespräch wenigstens zum Einverständnis gekommen ist, dass man weiterarbeiten will».
Tatsächlich hat sie in ihrer gut einjährigen Amtszeit mehr zustande gebracht als ihre Vorgänger. Die Konfliktparteien reden öfter und auf höheren Ebenen miteinander; ein neues Hilfsprogramm verbessert den Alltag der Menschen in jenen Regionen, die Hilfswerke aus Sicherheitsgründen meiden. Den grössten Zwischensieg erreichte Heidi Tagliavini Ende Juli, als der Weltsicherheitsrat ihrem Vorschlag zustimmte, das Unomig-Mandat um eine Zivilpolizei zu erweitern. 20 internationale Polizeioffiziere werden künftig Ausbildungs- und Überwachungsaufgaben übernehmen und ein bisschen mehr Sicherheit für die Bevölkerung schaffen, eine der Voraussetzungen für die Rückkehr der Flüchtlinge.
Dass aber das übergeordnete Ziel, Frieden und Stabilität in der Kaukasusrepublik, nach zehnjähriger Uno-Präsenz noch immer in ungreifbarer Ferne liegt, frustriert und verärgert die Menschen. Die Uno kann im Rahmen des Mandats, das auf dem Einverständnis der Kriegsparteien beruht, bloss vermitteln und nicht, wie etwa in Bosnien, mit militärischer Macht einen Frieden erzwingen. Das aber fordern mit täglich steigender Vehemenz nationalistische Politiker. In Georgien finden im November Parlamentswahlen statt, die Parole für den Stimmenfang lautet: Handeln statt verhandeln. Heidi Tagliavini ruft, ihrem Auftrag und ihrer Überzeugung folgend, zur Besonnenheit auf. Gebetsmühlenartig wiederholt sie in Gesprächen mit Politikern, in Interviews und Auftritten ihr Credo: «Ein schlechter Status quo ist immer noch besser als ein guter Krieg.»
Allein um den schlechten Status quo halbwegs zu halten, dafür gibt sie alles. Sie arbeitet in der Regel sieben Tage die Woche von morgens bis nachts. Der Preis, den sie dafür zahlt, ist beträchtlich. Es ist ein einsamer Job. Wenn sie abends in ihr bewachtes Haus in Tbilissi kommt, das sie alleine bewohnt, ist sie oft zu müde, um noch irgendetwas für sich zu tun. Keine Zeit für Erholung, kein Platz für Privates. «Ich lebe auf Sparflamme und muss auskommen mit dem, was ich habe. Aber erstens ist es interessant, und zweitens weiss ich auch, dass sich meine Situation einmal wieder ändern wird.»
Erschwerend kommt hinzu, dass sie unter ständiger Beobachtung von allen Seiten steht. Als Uno-Vertreterin, deren Spielraum ohnehin eng ist, darf sie sich keine Unachtsamkeit erlauben, kein wahres Wort am falschen Platz. In einer Krisenregion kann ein kleiner Fauxpas verheerende Auswirkungen haben, und Fallen stehen überall. Wie redet man bei der ersten Begegnung den neuen De-facto-Premier Abchasiens an, den man offiziell ja nicht anerkennt? Nennt sie ihn nur beim Namen, stellt sie ihn vor seinen Leuten bloss, nennt sie seinen Titel, jaulen die Georgier. Also: Einmal den Titel verwenden, nachher nur noch den Namen, und niemand darf betupft sein.
Unter besonderer Beobachtung steht Heidi Tagliavini als Frau in einer Gesellschaft, wo Familienoberhäupter das Sagen haben, in einer Domäne, die von Machtmännern und Uniformierten beherrscht ist. Die mit den bunten Schals, kann die das?
«Zentimeter um Zentimeter musste ich mir Respekt verschaffen, aber ich denke, den habe ich jetzt.» Sie trifft regelmässig den georgischen Präsidenten Eduard Schewardnadse und Mitglieder der De-facto-Regierung Abchasiens; besucht alle paar Wochen ihre Militärbeobachter im Feld; empfängt Delegationen internationaler Organisationen und ausländischer Staaten; tauscht sich mit Wladimir Putins Georgien-Beauftragtem im russischen Aussenministerium aus; koordiniert ihre Pläne mit der Uno-Zentrale; bespricht sich mit Vertretern des Weltsicherheitsrats; mischt sich unter die Bevölkerung; führt die Mission mit rund 400 Mitarbeitern aus aller Welt. Sie pendelt zwischen Tbilissi, der abchasischen Hauptstadt Suchumi, Moskau, New York, Genf, mal ist das diplomatische Parkett eine polierte Marmortreppe, mal ein morscher Holzboden – immer bewegt sich Heidi Tagliavini souverän, überzeugend, herzlich, mit Fingerspitzengefühl und bei Bedarf auch unzimperlich.
«Sie hat deutsche Disziplin, ein italienisches Herz und französischen Charme», sagt Unomig-Mediensprecherin Envera Selimovic. Die Fernsehjournalistin aus Bosnien war Tagliavini auf einem Empfang in Sarajewo zum ersten Mal begegnet. Sie hatte sich gewundert, «wer dieses farbig gekleidete Wesen mit dem bunten Schal inmitten grauer Diplomaten» war. Als sie das Wesen auch noch perfekt Russisch reden hörte, sprach sie Tagliavini an – und folgte ihr kurze Zeit später nach Georgien. Selimovic kam in Tbilissi an, als der Winter kalt und böse war. Tagliavini brachte ihr aus der Schweiz Wärmesäckchen aus der Migros mit.
Wer immer mit ihr zu tun hat, spürt, dass sie nicht irgendwo auf der Welt einen weiteren Job erledigt, sondern mit fachlicher Kompetenz und persönlichem Engagement ganz da ist. «In einer Region, wo es so viele Unregelmässigkeiten gibt, wird Integrität wahrgenommen», sagt sie trocken. Und fügt lachend an, «auch wenn es einem nicht immer hilft». Die Herzlichkeit paart sich mit einem nüchternen Hang zu stetiger Reflexion und Analyse, auch ihrer selbst und ihres wechselvollen Lebens. Sie erzählt, wie sie einmal aus der trostlosen Stadt Suchumi kurz vor Weihnachten nach New York flog, vom 37. Stock des Uno-Hauptsitzes aus dem Fenster schaute, sechs Uhr abends, Christmas-Shopping in Manhattan, Autos stoppten vor roten Ampeln, und die Bremslichter legten sich in die Strassenschluchten wie ein riesiger Christbaum. «Dieser Kontrast war fast nicht zu verkraften.»
Noch stechender war der Kontrast, als sie im April 1995 fast über Nacht vom lieblichen Posten auf der Schweizer Botschaft in Den Haag ins zerschossene Grosny katapultiert wurde. Es war der Anfang ihrer Karriere als Krisendiplomatin. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) schickte, ein halbes Jahr nach Ausbruch des Krieges, eine Sechserdelegation in die verwüstete tschetschenische Hauptstadt. Für die Schweiz ging, nachdem reihenweise Männer abgesagt hatten, Heidi Tagliavini, die einzige Frau der Delegation. Acht Monate lebte sie unter widrigen und gefährlichen Umständen, sie sah Leichen, Gewalt, Zerstörung, Brutalität, «Dinge, die man nicht verarbeiten kann, die einen nie in Ruhe lassen».
Dort tat sie etwas Ungewöhnliches für eine Diplomatin. Aus Deutschland hatte sie eine Postkarte erhalten, die Christos verhüllten Berliner Reichstag zeigte. Er sah dem Hotel Kavkaz in Grosny zum Verwechseln ähnlich, das zur gleichen Zeit für Renovationsarbeiten mit weissem Stoff eingepackt wurde. Von da an streifte sie mit der Fotokamera durch die Stadt und betrachtete das Kaputte mit neuem Blick. «Lebt man einige Monate in der Verwüstung, so sucht man aus reinem Überlebensinstinkt ein Referenzsystem, das einem die Verbindung mit der ‹normalen› Welt, aus der man kommt, wiederherstellt.» Ihr Referenzsystem war (und ist) die Kunst. Durchsiebte Strassenschilder, entstellte Bäume, Rosthaufen, Panzerreste, geborstene Laternenpfähle, geplatzte Rohre – sie dachte an ihren Freund Jean Tinguely und wie gern sie ihm diese Schrottlandschaft gezeigt hätte. Aus Tagliavinis Fotos entstand der Bildband «Zeichen der Zerstörung», darin schreibt sie: «Ich erhielt durch die Aufnahmen und ihre Anklänge an die Welt der Kunst etwas von meiner normalen Existenz zurück in einer Umgebung, die anormal war.»
Der Weg in die Diplomatie, gar in die Krisendiplomatie, war weder vorgezeichnet noch zwingend. Sie wuchs als Zweitälteste von vier Geschwistern in einer musischen Familie bei Basel auf, der Vater Architekt mit italienischen Wurzeln, die Mutter Kunstmalerin aus dem Luzerner Patriziat. Heidi Tagliavini studierte Romanistik und Russisch, dass sie es in Genf tat, war bezeichnend. «Ich entscheide oft aus einer Intuition heraus, ohne mir ganz bewusst zu sein, was die Folgen sind.» In Genf bedeutete es vorab Unterrichtssprache Französisch, dabei sei sie nie besonders strebsam oder sprachbegabt gewesen; was zu glauben allerdings schwerfällt, heute spricht sie sieben Sprachen, die Verhandlungen führt sie ohne Dolmetscher auf Russisch. Doch hat sie sich einmal für etwas entschieden, getrieben von Interesse und Neugier, bleibt sie der Sache treu, getrieben von Pflichtgefühl. «Ich stelle an mich hohe Anforderungen und arbeite sehr diszipliniert.» Möglicherweise hat es damit zu tun, dass sie nicht flunkern kann. «Wenn ich über etwas rede, muss ich wissen, worum es geht. Kompetenz ist für mich ein Wert. Was ich mache, will ich richtig machen.»
Von sich aus wäre sie nicht auf die Diplomatie gekommen, doch sie hatte in der Verwandtschaft einen prominenten Exponenten. Ihr Cousin, der spätere Staatssekretär Franz Blankart, weckte bei ihr Neugier und Interesse. Sie durchlief die üblichen Ausbildungsstationen, in Bern, Peru, Moskau, mit einem unüblichen Einsatz 1985, als sie beim legendären Treffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschew in Genf für Bundespräsident Kurt Furgler übersetzte. Beim Nachtessen sass sie zwischen dem Schweizer Aussenminister Pierre Aubert und seinem sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse. Er ist heute Präsident Georgiens und einer der zentralen Ansprechpartner von Uno-Botschafterin Tagliavini. Das Foto, auf dem sie als junge Dolmetscherin und er als Handelsreisender in Sachen Perestroika zu sehen sind, will sie ihm schenken, wenn ihre Mission im Kaukasus abgeschlossen sein wird.
In den vergangenen Jahren ist Heidi Tagliavini, unüblich für Diplomaten, kaum länger als ein Jahr auf demselben Posten geblieben. Nach Grosny kehrte sie in die Schweizer Botschaft nach Moskau zurück, wo sie schon bis 1992 gewesen war, kurz darauf wurde sie erstmals nach Georgien berufen, als stellvertretende Leiterin der Uno-Mission. Von da ging sie nach Bern, wo sie als Chefin der Politischen Abteilung IV im EDA den Gestaltungsfreiraum von Feldeinsätzen vermisste und wenig betrübt war, als sie Anfang 2000 für die OSZE in den Kaukasus zurückkehren konnte. Aus dieser Tätigkeit entstand ein weiteres Buch, «Kaukasus – Verteidigung der Zukunft», eine Sammlung von 24 Essays, an der sie als Mitherausgeberin beteiligt ist. Sie selber beschreibt darin, worauf es bei der Vermittlertätigkeit ankommt: «Nur persönliches Engagement, Überzeugung über die Richtigkeit unserer Mission, eine klare Linie in allem, was man tut, Opferbereitschaft und das Bereitsein, professionelles Risiko einzugehen im Namen der wichtigsten Sache der Welt – des Wohls anderer Menschen –, bringen schliesslich Erfolg.»
Einen Botschafterposten, wie man sich ihn landläufig vorstellt, besetzte sie ab Ende 2001 in Bosnien und Herzegowina. Sie nahm ihren Bruder Marco, einen ihrer engsten Vertrauten, als Koch und Organisator nach Sarajewo mit. Wenn sie ihn als «Monsieur Tagliavini» vorstellte, wunderten sich uneingeweihte Gäste über den vermeintlichen Botschaftergatten am Herd. Marco Tagliavini war dabei, als nach nur acht Monaten der Anruf aus New York kam, Kofi Annan wolle seine Schwester zur Sonderbeauftragten für Georgien ernennen: «Sie wimmelte die Anfrage zum Entscheid sofort nach Bern ab.» Sie wäre nicht unglücklich gewesen, wenn die Schweiz sie in Sarajewo hätte behalten wollen. «Jobhopping liegt überhaupt nicht in meinem Charakter. Ich bin nicht ein derart rastloser Mensch, wie meine Laufbahn es erscheinen lässt.»
Aber natürlich wussten sowohl sie wie ihre Vorgesetzten, dass dies eines jener Angebote ist, die man nicht ausschlägt.
Knapp hundert Meter entfernt von Heidi Tagliavinis Büro in Tbilissi, an der einzigen Strasse ohne Schlaglöcher, weil sie auch zu Schewardnadses Residenz führt, steht die Schweizer Botschaft. Dazwischen liegen Welten. Mit ihrem Diplomatenkollegen Stefan Speck hat sie im Prinzip einen monatlichen Jour fixe vereinbart, doch meistens muss sie absagen. Botschafter Speck nimmt es gelassen, er weiss, dass sein Job nicht zu vergleichen ist mit ihrem. Er hat die undankbare Aufgabe, die Schweizer Vertretung in Georgien aufzubauen, und sein Konfliktmanagement bestand bisher vorwiegend darin, sich mit den Nachbarn herumzuschlagen. Sie ärgern sich über den Notstromgenerator der neuen Schweizer Botschaft.
Auf einem kleinen Mittagsempfang, den Speck für eine durchreisende Delegation des Europarats im Hotel Sheraton Metechi in Tbilissi gibt, trifft er wieder einmal auf Kollegin Tagliavini, für die er voller Bewunderung ist. «Sie macht ihre Sache mit Bravour. Aber ihren Job möchte ich nicht haben. Da weiss man zum Vornherein, dass man nicht zum Erfolg kommen kann.» Tagliavini widerspricht dem nicht, sie zieht nur andere Schlüsse daraus: «Es gibt keine Fortschritte, aber auch keine Alternativen. Also arbeite ich an den Fortschritten.»
Ein etwas unangenehmer Herr schleicht auf dem Empfang auf sie zu. «So schön, Sie hier zu sehen.» Es ist der Botschafter Rumäniens, den sie von früheren Stationen her kennt. Als er zur Begrüssung mit der humorig gemeinten Geschmacklosigkeit fortfährt, «sicher sind Sie überglücklich, dass der Konflikt in Abchasien jetzt gelöst ist», streckt sie ihm reserviert die Hand hin und beendet das Gespräch zwar im Rahmen diplomatischer Gepflogenheiten, aber rassig. Auch das beherrscht sie.
Für Zynismus, der dem diplomatischen Milieu nicht fremd ist, hat sie nichts übrig. Wenn sie morgens in ihr Büro geht, kommt sie beim Eingang an einer Bronzetafel vorbei, die an die Ernsthaftigkeit der Aufgabe erinnert: Zwölf Todesopfer sind aufgelistet, die im Uno-Einsatz für den Frieden in Georgien gefallen sind, darunter ein Schweizer Major, der bei einem Helikopterabschuss ums Leben kam. Erst Anfang Juli wurden drei ihrer Militärbeobachter und ein Dolmetscher verschleppt – sie war auf dem Weg nach Genf soeben in Wien gelandet und flog sogleich mit derselben Maschine zurück. «Es gehört zu meiner Pflicht, das Menschenmögliche für meine Leute zu tun.» Nach ein paar Tagen endete die Entführung glimpflich.
Tagliavini ist immer in Anspannung, es ist ihr anzumerken. Jederzeit kann irgendetwas passieren. Irgendetwas kann jederzeit unabsehbare Folgen haben und den verstockten Friedensprozess um Monate zurückwerfen. Auf dem Pulverfass ist selbst ein Glühwürmchen gefährlich.
Explosiv ist die Lage, weil der lokale Konflikt zwischen Georgien und Abchasien von regionalen und internationalen Verstrickungen durchdrungen ist, die Tagliavini berücksichtigen muss bei allem, was sie denkt und tut. Für Russland ist Georgien zu amerikafreundlich, und es wirft Georgien vor, tschetschenischen Kämpfern im Grenzgebiet Unterschlupf zu gewähren. Russland hat in Georgien Friedenstruppen im Einsatz und unterstützt gleichzeitig nur schlecht kaschiert die Abchasier, die es grosszügig mit russischen Pässen ausstattet. Ausserdem ist Russland Mitglied des Uno-Sicherheitsrats, der alle sechs Monate den Rahmen für Tagliavinis Aufgabe neu steckt; überdies weiss man, dass die Russen versucht hatten, Tagliavinis Ernennung zu verhindern, weil sie ihrer Ansicht nach damals in Grosny zu wenig auf ihrer Seite gestanden hat. Ferner will sich auch Südossetien von Georgien abspalten, und immer geht es auch um die geostrategische Bedeutung des Kaukasus, um das Öl im Kaspischen Meer, um die Schleichwege des internationalen Terrorismus und um einige Knäuel Komplikationen mehr. In diesem Konflikt ist nichts unmöglich und nichts möglich.
Wir sitzen auf der Terrasse ihres Hauses in Tbilissi, mit Blick auf einen fülligen Garten voller Obstbäume. Die weissen und schwarzen Kirschen sind schon geerntet, unanständig dicke Feigen reifen heran. Heidi Tagliavini ist am Abend von einer Besprechung im Moskauer Aussenministerium zurückgekehrt, die Haushälterin hat Randensalat mit frischem Koriander bereitgestellt. Tagliavini trinkt Johannisbeersaft, der sie an ihre Kindheit erinnert. Als in der Nähe Autoreifen quietschen, zuckt sie zusammen. Dann und wann klingelt das Telefon, es könnte wichtig sein. Irgendeinmal wird aus New York ein Zeichen kommen, oder sie wird ein Zeichen geben, dann ist für sie der Auftrag in Georgien beendet. «Ich mache für meine Zukunft keine langfristigen Pläne. Mein bisheriges Leben hat mir gezeigt, dass nichts vorauszusehen war. Alles kam unerwartet. Und das war, glaube ich, gut so.»
3000 Kilometer von der Schweiz entfernt schloss sich an diesem späten Abend ein Eisentor, auf der Strasse standen stumm zwei Wachmänner, und eine aussergewöhnliche Frau stieg die Treppe hoch in ihr Haus, auf alles gefasst.