NZZ Folio 11/07 - Thema: Schuhe   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Vier Minuten für ein Bein

© Patrick Rohner
Strumpfhose «Velvet Deluxe 66», Polyamid/Nylon/Elastan, Wolford, 38 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen
Zwei grosse textiltechnologische Errungenschaften der Nachkriegszeit sind hochbelastbare Kunstfasern und der nahtlose Rundstrick. Beides gehört zu den Kernkompetenzen der 1950 gegründeten Bregenzer Firma Wolford. Musste man Strümpfe früher noch regelrecht ­zuschneiden und vernähen, werden Strumpfhosen heute aus nur zwei nahtlosen Schläuchen aus Rundstrickmaschinen gezogen und mit einer einzigen Naht und einem Spickel fertiggestellt.

Etwa vier Minuten dauert es, bis eine der 450 Viernadel-Rundstrickmaschinen im 36?000?m² grossen Produktionsbetrieb von Wolford in Bregenz ein Strumpfbein ausspuckt. (90 Prozent der Strümpfe werden hier gefertigt, der Rest in der Steiermark.) Die Stricklieseln nicht unähnlichen Geräte verarbeiten so pro Tag 300?000 Kilometer Garn, das meiste davon von DuPont/Invista aus Frankreich. Im Betrieb herrschen konstant 21 Grad Raumtemperatur und 64 Prozent Luftfeuchtigkeit, weil das Garn dabei am geschmeidigsten ist. Während des Strickens werden auch die unterschiedlich dehnbaren Bund-, Vorstoss- und Fersenpartien verarbeitet. Die Rohware wird immer weiss gestrickt, erst später werden die Artikel stückgefärbt.

Männer schieben die zu Bündeln gefassten Strumpfrohlinge auf Wagen in die Dämpferei; dort schrumpfen sie bei 94 bis 121 Grad auf zwei Drittel ihrer ursprünglichen Länge und werden noch elastischer. Dann gehen die Teile in die Näherei, wo eine Näherin die Zehenspitze schliesst. An einer weiteren Station wird der Spickel eingenäht und die Schrittnaht geschlossen. Dieser Schritt ist der delikateste, muss die Strumpfhose später doch gerade in diesem Bereich die grössten Belastungen aushalten können. Eine erfahrene Näherin schaufelt 80 Strumpfhosen pro Stunde über den Tisch.

Es folgt eine erste visuelle Kontrolle der Naht, bevor die Strümpfe und Strumpfhosen an die Färberei gehen. ­Gefärbt werden sie, je nach ihrer Denier-Stärke und Empfindlichkeit, in Flotten- oder Rotationsmaschinen sowie besonders schonenden Bädern. (In Denier wird die Feinheit des Garns angegeben. 1 Denier bedeutet: 1 Gramm pro 9000 Meter.) Danach werden sie sortiert, getrocknet und zum Bügeln auf heisse Schablonen gezogen, auf denen auch die Ferse ihre definitive Form erhält.

Von jeder Serie gehen Stichproben zur Masskontrolle auf einer Strumpf-Foltermaschine: Die Maschine dehnt das Bein auf über zwei Meter Länge. Sind die Toleranzen erfüllt, wird jede Strumpfhose noch einmal visuell kontrolliert und von Hand verpackt. Erkennt die Mitarbeiterin bei der Kontrolle Unregelmässigkeiten wie etwa Zugfäden, bessert man sie mit dem Repassiergerät nach – das schnell drehende Zahnrad scheint die Unebenheiten aus dem Gestrick einfach wegzuzaubern.

Wolford rühmt sich, Herstellerin der mit nur 5 Denier Garnstärke feinsten Strumpfhose der Welt zu sein. Standard ist in Europa allerdings eine Strumpfhose mit 20 Denier, die ganzjährig tragbar ist. Die zerlegte «Velvet Deluxe 66» gehört mit 66 Denier zu den dicken und blickdichten Winterstrumpfhosen – die Mode für diesen Herbst empfiehlt sie als Must.

Von Jeroen van Rooijen ist  Moderedaktor bei der NZZ.



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