Im Sommer 1982 bewirbt sich Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy beim Gesundheitsamt Flensburg erfolgreich als stellvertretender Amtsarzt. Ein halbes Jahr später wird per Zufall entdeckt, dass Bartholdy kein Abitur, geschweige denn zwei Doktortitel hat, gelernter Briefträger ist und in Wirklichkeit Gert Postel heisst. Ist dieser Mann krank oder kriminell? Gehört er ins Gefängnis oder in eine psychiatrische Anstalt?
Wie steht es mit diesem Fall: Am 15. Juni 1869 überzeugt ein wortgewandter junger Mann einen braven Bäckermeister in einem sächsischen Dorf davon, er sei Erbe eines zuvor unbekannten reichen Verwandten in Amerika, und schickt ihn zur Klärung der Angelegenheit mit seinen drei Söhnen in die nächste Stadt. Kaum sind sie weg, eröffnet er der daheim gebliebenen Mutter und ihrer Schwiegertochter, er sei in Wahrheit Geheimpolizist. Er durchkämmt das Haus, beschlagnahmt 28 Taler und verschwindet. Der Name des Betrügers: Karl May. Zwei Jahrzehnte später wird er sich mit den Erzählungen von Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi einen unsterblichen Namen machen.
Es geht hier um einen besonderen Menschenschlag – Menschen, die anders lügen als andere: dreister, komödiantischer, triebhafter. Münchhausens Erben sozusagen. Leute, die das Lügen nicht lassen können.
Natürlich ist das Lügen als solches ein Allerweltsphänomen. Jeder Durchschnittsschweizer lügt laut psychologischen Studien mindestens ein, zwei Mal am Tag. Doch bei den Postels und Mays geht es ganz offensichtlich um mehr als diese Kleinigkeiten der alltäglichen Unwahrheit. Was ist mit solchen Leuten los?
Der Berliner Psychiater Hans Stoffels sagt: «Wer einen Hang zum Lügen besitzt, dem bleibt die Neigung oft ein Leben lang erhalten.» Stoffels gehört zu den wenigen Experten für das notorische Lügen, Hochstapeln und Aufschneiden. Extreme Ausprägungen seien zwar selten, kämen aber immer wieder vor, berichtet Stoffels. So täuschen manche Schwindler virtuos die Behörden, andere führen falsche Titel, wieder andere erfinden Krankheiten oder brüsten sich mit Schicksalen, die sie nie hatten. Zum Beispiel die adrette Bankkauffrau um die vierzig, die in Stoffels Klinik kam und erzählte, sie habe im World Trade Center gearbeitet und sei am 11. September 2001 nur durch Glück aus einem der unteren Stockwerke evakuiert worden. Nachdem sie ihre Arbeit verloren und sich mehrfach erfolglos beworben habe, wolle sie ihr Leben nun beenden. Im Verlauf der Gespräche gab die Bankerin allerdings zu, dass sie gar nie einen Fuss ins World Trade Center gesetzt, sondern ihre Stelle weit weniger dramatisch in Deutschland verloren hatte. Bei einer anderen Gelegenheit bekam Stoffels von einem jungen Mann zu hören, wie er durch mutiges Einschreiten das Opfer einer Skinheadbande gerettet habe – auch an dieser Geschichte stimmte nichts. Und in wieder einem anderen Fall gaukelte eine junge Frau einer engen Freundin zwei Jahre lang vor, an einer schweren Krebskrankheit zu leiden – bis es schliesslich zu einem dramatischen Geständnis der Scheinpatientin kam.
Bereits im Jahr 1891 prägte der Zürcher Psychiater Anton Delbrück für die bemerkenswerte Fabulierkunst mancher seiner Patienten einen schillernden Begriff: Pseudologia phantastica. Delbrück hatte zahlreiche Krankengeschichten gesammelt, die sich wie Romane lasen, etwa den Fall eines österreichischen Mädchens, das sich wechselweise als rumänische Prinzessin oder Abkömmling der spanischen Königsfamilie ausgab. Aus solchen Fällen erarbeitete Delbrück an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich seine Habilitationsschrift «Die pathologische Lüge und die psychisch abnormen Schwindler».
Typisch für solche Schwindler sei, so stellten Delbrück und seine Nachfolger heraus, dass sie weniger zu einem klar erkennbaren Zweck lügen, sondern vielmehr um der Lüge selber willen – beinahe aus schauspielerischer Freude am Schein und in geschmeidig wechselnden Rollen. Der Pseudologe tritt dramatisch auf.
So präsentierte der damals weltbekannte Psychiater Eugen Bleuler, der die Zürcher Universitätsklinik ab 1898 leitete, in seiner Vorlesung einmal einen jungen Patienten, der sich als «Dr. iur. et phil.» bezeichnete und Frauen beeindruckte, indem er ihnen erzählte, er habe aus Idealismus im Krieg als Fliegeroffizier gedient. «Als ich ihn im klinischen Unterricht vorstellte», schildert Bleuler, «gab er zerknirscht an, er sei ein infamer Lügner, er sei ja nie Flieger und nie Offizier gewesen, habe nur bescheiden als Infanterist Dienst getan, und erzählte von den Entbehrungen im Kampf im Schützengraben.» Die Zuhörer waren durch das Geständnis und den Bericht der durchgemachten Entbehrungen gerührt – in Wirklichkeit aber, so wusste Bleuler, war der Mann weder beim Militär noch jemals im Krieg gewesen.
Doch war der Aufschneider krank oder schlicht überdreht? Bereits Delbrück wies darauf hin, dass es zwischen der alltäglichen Lüge und einer pseudologischen Scheinwelt einen fliessenden Übergang gibt. Bis heute tun sich die Psychiater schwer, das Phänomen medizinisch einzuordnen. Zwar weiss man beispielsweise von Alkoholikern, bei denen es im Laufe der Jahre zu chronischen Gedächtnisstörungen kommen kann, dass sie ihre Erinnerungslücken oft mit erfundenen Geschichten füllen. Auch von Menschen mit sogenannter Borderline-Persönlichkeit ist bekannt, dass sie häufig lügen. Doch heisst dies im Umkehrschluss nicht, dass das Schwindeln per se schon eine psychische Krankheit ist. Tatsächlich wird die Pseudologia phantastica – obwohl als beschreibender Begriff durchaus in Gebrauch – in den modernen Krankheitsklassifikationen nicht als eigenständige psychische Störung aufgeführt.
Hans Stoffels sieht noch einen weiteren Grund, warum sich das notorische Lügen einer einfachen Bewertung entzieht. «Lügen ist immer auch eine moralische Frage», unterstreicht Stoffels. Der christlichen Legende nach gilt der Teufel als Vater der Lüge, und ganz intuitiv glauben viele, dass ein chronischer Lügner, wenn überhaupt, nicht ins Sprechzimmer des Arztes, sondern vor den Kadi gehöre. Das moralische Urteil verstelle allerdings den Blick auf die psychischen Mechanismen hinter der Lüge, sagt Stoffels. Womöglich erzählt sie mehr über die menschliche Seele, als die Wahrheit dies tun kann.
Der US-Psychiater Charles Ford hat argumentiert, das Lügen sei nicht nur ein allgemeines psychisches Phänomen – sondern vielleicht sogar unentbehrlich, um eine eigenständige Individualität zu entwickeln. Wenn ein Kind beginne, seine Eltern zu belügen, mache es die überraschende Erfahrung, dass Mutter und Vater nicht allwissend seien und zwischen dem eigenen Ich und jenem der anderen Grenzen bestünden. Das Lügen sei gleichsam ein psychischer Testlauf für den Aufbau eines unabhängigen Selbst.
Deshalb gewinne es auch in der Pubertät noch einmal grosse Bedeutung, sagt Ford. Viele Jugendliche empfänden ihre Eltern als heuchlerisch und korrupt, während sie sich gleichzeitig selbst in Lügengeschichten verstrickten und in Phantasiewelten verlören – ein Zeichen ihres Strebens nach Abgrenzung und Autonomie, so Ford. Zumindest bei Kindern und Jugendlichen könnten Lügenmärchen Ausdruck eines psychischen Reifungsprozesses sein.
Inzwischen kommen Neurobiologen zu einem ganz ähnlichen Schluss. So hat der Kognitionsforscher Sean Spence von der Universität Sheffield mit Messungen der Hirndurchblutung gezeigt, dass beim Lügen Bereiche des vorderen Stirnlappens, des sogenannten präfrontalen Cortex, vermehrt aktiv sind. Diese Areale in der Grosshirnrinde spielen bei der Kontrolle komplexer Informationen eine wichtige Rolle und übernehmen im Laufe der kindlichen Entwicklung allmählich ihre Funktion. Lügen muss man überhaupt erst lernen. Ganz generell hänge die Fähigkeit zur Täuschung von einem genügend grossen Neocortex ab und habe sich offenbar Schritt für Schritt während der Evolution entwickelt, vermutet der schottische Primatenforscher Richard Byrne. Jüngste Experimente mit Schimpansen legen beispielsweise nahe, dass die Tiere zu dezidiert geplanten Täuschungsmanövern fähig sind und sich dadurch auch Vorteile verschaffen. Lügen zu können, so die Botschaft der Hirnforscher, ist eine kognitive Leistung.
Für manche Lügenforscher ist es sogar noch mehr: ein kreatives Potential. Dem gelernten Postboten und falschen Amtsarzt Gert Postel etwa wurde von Sachverständigen ein IQ von 115 bescheinigt. Auch weiss man, dass notorische Schwindler zumeist eine überdurchschnittliche sprachliche Begabung besitzen; schon Anton Delbrück verwies auf die Nähe von Pseudologie und Literatur. Beispielsweise verstricke sich die Hauptfigur im Roman «Der grüne Heinrich» als Siebenjähriger in eine unglaubliche Lügengeschichte, die wahrscheinlich eine reale Begebenheit aus der Kindheit des Romanautors Gottfried Keller widerspiegle. Auch von Goethe sei bekannt, dass er als Knabe «Luftgestalten und Windbeuteleien» erfunden und diese Märchen dann seinen Kameraden als eigene Erlebnisse erzählt habe.
Noch frappierender ist der Fall Karl May. So trat May als junger Mann in den 1860er Jahren nicht nur als Betrüger der Bäckersfamilie in Erscheinung, sondern gab sich bei verschiedenen Gelegenheiten auch als Augenarzt Dr. Heilig, Seminarleiter Lohse und Plantagenbesitzer Wadenbach aus. Die schillernden Rollen dienten ihm Jahrzehnte später oft als Vorlage für die Figuren seiner Reiseromane. Wie bei kaum einem anderen vermischen sich bei May biographische Wahrheit, schwindlerische Hochstapelei und literarische Phantasie. «Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach», bemerkte einmal der englische Schriftsteller Oscar Wilde. «Andernfalls wäre das moderne Leben sehr langweilig und moderne Literatur komplett unmöglich.»
Freilich ist nicht jeder Pseudologe auch gleich ein Poet, nicht jedem Aufschneider muss man künstlerische Freiheit zubilligen, und was bei Kindern und Jugendlichen völlig normal ist, muss es bei Erwachsenen nicht sein. Tatsächlich mutet der Grat zwischen Kreativität und Krankheit zumindest nicht allzu breit an, wie Charles Ford sagt. Bei einer Analyse von insgesamt 26 Fallstudien zur Pseudologia phantastica stellte Ford fest, dass bei knapp der Hälfte der Patienten eine Epilepsie, veränderte Hirnströme, eine Schädelverletzung oder andere Hinweise auf eine mögliche Hirnschädigung vorgelegen hatten. Vor allem aber könnten sich hinter dem chronischen Lügen grundsätzliche psychische Konflikte verbergen, sagt Ford. So diene das Lügen narzisstischen Menschen als weitgehend unbewusste Strategie, schmerzliche Realitäten zu verleugnen, andere zu manipulieren und das Selbstwertgefühl zu erhöhen. Das Lügengebäude biete eine Wunschwirklichkeit – in der dann «Seine Majestät, das Ich», wie es Sigmund Freud formulierte, schalten und walten kann.
An dieser Wunschwelt, laut Anton Delbrück einer Mischung aus Lüge, Wahn und gefälschten Erinnerungen, halten notorische Lügner oft hartnäckig fest. «Die Leute können sich aus ihren Phantasien kaum befreien», sagt Stoffels. Zwar seien chronische Schwindler bei einer offenen Konfrontation in der Lage, den Bezug zur Wirklichkeit herzustellen und die Unwahrheit ihrer Aussagen einzusehen. Doch ohne den äusseren Tatsachendruck, so Stoffels, «glauben sie zumindest teilweise an ihre eigenen Geschichten, sonst könnten sie gar nicht so überzeugend lügen». Der pseudologische Lügner, das war bereits Delbrücks Diagnose, betrügt nicht nur andere, sondern vor allem sich selbst. Er suggeriert sich seine eigene Wahrheit. So begann Karl May in den 1890er Jahren, als er bereits ein erfolgreicher Autor war, zu behaupten, die von ihm geschilderten Reiseabenteuer habe er wirklich erlebt. Er selbst und niemand anders sei Old Shatterhand. Karl May sprach mit seinen Romanfiguren wie mit Lebenden. Und wenn er von Winnetous Tod erzählte, musste er oft schluchzend innehalten.
Um den Erzählungen bei Besuchern zusätzliche Glaubwürdigkeit zu verleihen, bestückte er sein Arbeitszimmer mit einem ausgestopften Löwen, einer bunten Indianerdecke, einer Halskette aus Grizzlybärzähnen, verschiedenen Revolvern und Friedenspfeifen. Winnetous «Silberbüchse» und Old Shatterhands «Bärentöter» liess May heimlich von einem Dresdner Büchsenmacher fertigen.
Doch nicht nur Held und Abenteurer wollte er sein. Gleichzeitig rang May auf fast komische Art um Anerkennung in der bürgerlichen Gesellschaft. Auf seiner Visitenkarte stand: «Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand / Radebeul-Dresden / Villa Shatterhand.» Das Urmotiv der notorischen Schwindler ist die Suche nach ihrer Identität.
Doch während sich Mays Identitätssuche noch wie eine komödiantische Posse ausnimmt, gibt es auch ernsthaftere Fälle. Wohl kaum ein Fall macht das deutlicher als der des Schweizer Autors Binjamin Wilkomirski. «Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939– 1948» lautete der Titel seines im Jahr 1995 veröffentlichten Buches, in dem er seine angeblich wiederbelebten Kindheitserinnerungen aus den Lagern von Majdanek und Auschwitz beschrieb. Mit scharf geschilderten Grausamkeiten liess er seine Leser betroffen zurück.
Das Buch wurde schnell zur Sensation, und Wilkomirski tourte als Holocaust-Überlebender, der nach dem Krieg in die Schweiz gekommen sei und dort in einem latent faschistischen Klima habe aufwachsen müssen, durch die Lande – bis ihn der Zürcher Schriftsteller Daniel Ganzfried 1998 als Hochstapler entlarvte. Ganzfried sprach von einer durch den Literaturbetrieb unterstützten «Holocaust-Travestie». Tatsächlich bestätigte ein DNA-Vaterschaftstest, der im Rahmen einer Strafuntersuchung angeordnet wurde, dass Binjamin Wilkomirski alias Bruno Dössekker als uneheliches, später adoptiertes Kind eines Facharbeiters aus dem Berner Seeland zur Welt gekommen war und seine Kindheit nicht in Konzentrationslagern, sondern vorwiegend bei seinen Adoptiveltern am Zürichberg verbracht hatte.
Der Lügner und die anderen: Nicht selten sieht das aus wie ein Verhältnis von Täter und Opfer. Pseudologische Lügner haben tatsächlich ein feines Gespür für die neuralgischen Punkte ihrer Zeit, und sie richten durchaus Schaden an. Vor kurzem kam zu Hans Stoffels eine junge Patientin, die ihren Mann so lange bei dessen Arbeitgeber mit erfundenen Geschichten über seine angebliche Liederlichkeit angeschwärzt hatte, bis der ihn entliess.
Doch bei genauerem Hinsehen zeige sich, dass Lügner keineswegs sozial isoliert seien, sagt Stoffels. Viele hätten amouröse Affären, Freunde, Familie. Lügner brauchen ständig Leute, die sich belügen lassen. Vielleicht liebt der Mensch die schönen Geschichten mehr als die Tatsachen. «Pseudologen sind oft faszinierende Menschen, die mitreissen können», sagt Stoffels. Umgekehrt fühlten sich Lügner, die sich fast nie ohne das Drängen Dritter in eine Therapie begeben, beim Lügen in ihrem Element. Ein Schamgefühl oder Schuldbewusstsein suche man meistens vergebens.
Tatsächlich weiss man, dass viele Schwindler und Hochstapler früher oder später mit dem Gesetz kollidieren und sich manche geradezu mutwillig um Kopf und Kragen lügen. Vor einer Reihe von Jahren berichteten Londoner Psychologen von einem Mann, der sich als «Marquis of Bath» präsentierte und in einem Mordfall nur deshalb ein Geständnis abgelegt hatte, weil er aus erster Hand habe erfahren wollen, wie die Polizei bei Mordermittlungen vorgehe. Der falsche Marquis kam schliesslich frei, doch in den 1940er Jahren hatte es in London bereits einen sehr ähnlichen Fall gegeben, in dem sich ebenfalls ein notorischer Lügner des Mordes bezichtigte – die Geschworenen verurteilten ihn damals zum Tod durch den Strang.
Vielleicht legte es auch der Briefträger Gert Postel nur darauf an, geschnappt zu werden. Darauf deutet jedenfalls seine Dreistigkeit hin. Die Zeit als Amtsarzt in Flensburg, für die er verurteilt wurde, hatte seinen Hunger auf medizinische Titel nicht gestillt. Er bewarb sich 1995 als Oberarzt bei einer psychiatrischen Klinik in Sachsen. Zunächst rief er den dortigen Chefarzt an, gab sich als Psychiatrieprofessor von Berg von der Universität Münster aus und empfahl einen gewissen Dr. Postel als besonders beschlagenen Mitarbeiter – ob sich der einmal wegen des ausgeschriebenen Postens vorstellen könne. Eine Woche später fuhr Postel nach Sachsen, sprach verbindlich, aber bescheiden mit dem Leiter der Klinik und liess ihm die gefälschte Bewerbung gleich da. Noch im selben Herbst trat Postel den Dienst als Oberarzt an. Er versah ihn anderthalb Jahre lang offenbar so überzeugend, dass das sächsische Sozialministerium Postel bereits zum Chefarzt befördern wollte.
Im Juli 1997 wurde er jedoch erneut per Zufall enttarnt und 1999 vom Landgericht Leipzig zu vier Jahren Haft verurteilt. Wer den Fall Postel studiert, kommt tatsächlich zum Schluss: Zur Hälfte belügt der Hochstapler die anderen, zur Hälfte lassen sie sich belügen. Bei seinem ersten Anstellungsgespräch als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg wurde Postel gefragt, worüber er promoviert habe. Postel antwortete: «Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann.»
Martin Lindner ist Wissenschaftsjournalist und lebt in Berlin.