NZZ Folio 10/99 - Thema: Panama   Inhaltsverzeichnis

Im Kampf gegen die Korruption

Ein Gespräch mit dem Enthüllungsjournalisten Gustavo Gorriti.

Von Richard Bauer

Herr Gorriti, Sie sind in Peru geboren und haben bei der reputierten Wochenzeitschrift «Caretas» in Lima gearbeitet. Wie kommt es, dass Sie vor drei Jahren nach Panama und zur Tageszeitung «La Prensa» wechselten?

Seit meiner Zeit als Stipendiat in Harvard verbindet mich eine langjährige persönliche Beziehung zu Roberto Eisenmann, dem Gründer dieser Zeitung. Als er mir die Stelle als einer der Direktoren anbot, reizte mich vor allem die einzigartige journalistische Freiheit, die diese Tageszeitung bietet. «La Prensa» ist eine Zeitung ohne fassbaren Besitzer. Keiner der Aktionäre kann mehr als ein Prozent der Aktien kaufen. Als das Blatt 1980 ? auf dem Höhepunkt der Diktatur Torrijos ? gegründet wurde, wählte man diese breit abgestützte Besitzstruktur, um der Diktatur besser die Stirne bieten zu können. Die grosse Leserakzeptanz und die weitgehenden Mitbestimmungsrechte der Angestellten, an die die Hälfte des Gewinns ausgeschüttet wird, sind unsere Stärken. Trotzdem wird der Betrieb nach kapitalistischen Prinzipien geführt. «La Prensa» hat die höchste Auflage aller Tageszeitungen in Panama und fakturiert mit Abstand am meisten Inserate.

Die Medien in Panama sind nicht eben für ihre Unabhängigkeit und ihren Willen, schmutzige Geschäfte aufzudecken, bekannt. Haben Sie den direkten Einfluss der Regierung auf Ihre Arbeit zu spüren bekommen?

Im Falle von «La Prensa» war jede Enthüllungsgeschichte, die wir brachten, ein Kampf. Die Regierung versucht unentwegt, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Zweimal wurde die Zeitung geschlossen und der Maschinenpark zerstört. Während längerer Zeit wurde sie unter Zensur gestellt, und auch das Strafgesetz wird zur Verfolgung missliebiger Journalisten verwendet. Wegen meiner Artikel habe ich mehrere Gerichtsverfahren am Hals, eines auf Geheiss des Obersten Staatsanwaltes. Sollte ich die Prozesse verlieren, muss ich ins Gefängnis. Man muss damit leben, dass einem das Telefon abgehört und dass man beschattet wird. Der Staat bedient sich aller Mittel, um herauszufinden, welchen Fall man gerade unter die Lupe nimmt. Dies, um rechtzeitig einschreiten zu können.

Setzt die Regierung alle Zeitungen und Medien unter Druck?

Das ist zum Teil gar nicht nötig, denn zwei von drei Fernsehstationen sind im Besitz von Nicolás González Revilla, einem Cousin des ehemaligen Präsidenten Pérez Balladares; der Ex-Präsident selbst ist Mitaktionär. Derselbe Cousin ist überdies Besitzer der wichtigsten Radiostation des Landes und des Kabelfernsehnetzes. Der dritte Fernsehsender, der bedeutend offener informiert, gehört einem halben Dutzend Unternehmern. Aber auch dieser Sender hat eine beschränkte Widerstandskraft, wenn die Regierung Druck ausübt. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich der panamaische Journalismus in der Regel darauf beschränkt, Artikel über Banden von Autodieben oder die Korruption in der Polizei auf tiefster Ebene zu veröffentlichen, statt Themen aufzugreifen, die den für das Land wichtigen Finanzsektor oder die Regierung selbst betreffen.

Sie haben in den letzten Jahren eine Reihe von Skandalen enthüllt, unter anderem verschiedene Geldwäschereiaffären. Welcher Fall war für Sie der wichtigste?

Aufsehen erregten etwa unsere Recherchen zum Bankrott der Bank Banaico im Jahre 1996. Die relativ kleine Bank war von Angehörigen des Opus Dei gegründet worden. Ein alter Journalist des Franco-Regimes wurde zum Präsidenten der Bank ernannt, möglicherweise als Vertrauensmann, damit Fluchtkapital aus Spanien diskret placiert werden konnte. Banaico wurde dank Depositen aus Kolumbien zu einer der beliebtesten Wäschereien für Drogengelder während der fröhlichen Noriega-Jahre. Zug um Zug entdeckten wir eine ganze Reihe von persönlichen Verbindungen zwischen Spitzenfunktionären der Bank und Präsident Pérez Balladares. Wir fanden heraus, dass Drogenhändler aus Kolumbien enge Beziehungen zu Banaico pflegten, dass man Kunden aus dem Drogenmilieu Kreditkarten auf falsche Namen ausstellte und dass Kontakte zu höchsten Regierungsstellen bestanden.

Wie reagierte der Präsident auf Ihre Enthüllungen?

Der Fall des kolumbianischen Drogenhändlers José Castrillón Henao, der von Panama aus operierte und im Auftrag des Kartells von Cali für den Transport von Kokain nach Mexiko zuständig war, brachte das Fass zum Überlaufen. Es gelang uns nachzuweisen, dass dieser Drogenhändler zu den wichtigsten Sponsoren des Wahlkampfes von Pérez Balladares gehört hatte. Man warf mir vor, eine niederträchtige Kampagne gegen die Regierung zu führen, und drohte, dies werde schwere Konsequenzen haben.

Aber der Präsident musste daraufhin öffentlich zugeben, dass der Vorwurf stimmte, dass er tatsächlich Geld aus dieser zweifelhaften Quelle angenommen hatte.

Ja, aber für mich war das eine Nebensache. Im Laufe der Recherchen im Fall Castrillón Henao stiess ich auf eine weitere heisse Spur. Es bestand der begründete Verdacht, dass ein Schwiegersohn von Pérez Balladares und Sohn eines engen Vertrauten von Noriega, Enrique Pretelt Araúz, mit diesem Drogenhändler Geschäftsbeziehungen unterhalten hatte. Bei der Überprüfung einer Reihe von Details schaltete sich der Staatssicherheitsdienst ein. Ich glaube, damals entschied der Präsident, dass ich gehen müsse. Denn er wusste genau, dass die Information stimmte und dass ich die Fährte weiterverfolgen würde.

Alles deutet darauf hin, dass vor allem die Blossstellung des Präsidenten und seiner Umgebung seinen Zorn weckte.

Dennoch liessen wir nicht locker. So fanden wir heraus, dass man einem israelischen Geschäftsmann die Lizenz für ein Konkurrenzunternehmen im Kabelfernsehbereich auf präsidialen Befehl hin wegnahm, offenbar um die persönlichen Geschäftsinteressen von Pérez Balladares und seines Cousins González Revilla in diesem Markt nicht zu gefährden. Die Folge war, dass mich dieser umgehend von einer internationalen Detektei durchleuchten liess. Dabei kam selbstverständlich meine Vergangenheit in Peru zum Vorschein, wo ich seinerzeit das Vorleben des wichtigsten Beraters von Präsident Fujimori, des Geheimdienstmannes Vladimiro Montesinos, recherchiert und publiziert hatte. Pérez Balladares nahm dies zum Vorwand, um zu behaupten, der peruanische Geheimdienst trachte nach meinem Leben. Es gelte, mich aus Panama auszuschaffen, bevor man mich hier töte.

Ihr Fall wurde zu einer eigentlichen Cause célèbre, über die die Medien in ganz Lateinamerika berichteten.

Vor allem, weil die Regierung aggressiv auf Konfrontationskurs ging. Agenten versuchten, die Kollegen in «La Prensa» gegen mich, den angeblich tyrannischen Ausländer, aufzuwiegeln. Als dies nicht gelang, verweigerte man mir kurzerhand die Arbeitsbewilligung mit dem Argument, es habe genügend Panamaer, die meinen Posten bekleiden könnten, ein Ausländer sei dazu nicht erforderlich. Als alle rechtlichen Argumente nichts nützten, drohte die Regierung ultimativ, mich auch so aus dem Land zu werfen. Zur Sicherheit verlegte ich meinen Wohnsitz in die Räume der Redaktion und schickte meine Familie ins Ausland.

Dennoch haben Sie Ihren Posten nicht verloren?

Von «La Prensa» aus organisierten wir eine internationale Kampagne zu meinen Gunsten. Der Wirbel, der dabei entstand, liess die Regierung relativ rasch einsehen, dass der angerichtete Schaden weit grösser war als der erhoffte Nutzen, nämlich mich zum Schweigen zu bringen. Die Regierung lenkte ein und erlaubte mir, weiterhin im Land zu arbeiten. Damit sie das Gesicht wahren konnte, wurde mein Status von dem eines Director Asociado in den eines Director Afiliado umgewandelt.

Es scheint, dass Panama von einem demokratischen Rechtsstaat noch weit entfernt ist.

Panama ist alles andere als eine perfekte Demokratie. Da besteht kein Unterschied zum übrigen Lateinamerika. Im Wirtschaftsbereich hat die Öffnung der letzten Jahre den Unternehmern, ausländischen und panamaischen, einen beträchtlichen Freiraum geschaffen. Aber wenn es um die Verantwortlichkeit der Regierenden gegenüber dem Volk oder die Gewaltenteilung geht, dann ist Panamas Demokratie nur noch kosmetisch. Auch die Meinungsfreiheit ist beschränkt. Zwar kann man ungestraft jedermann in den Medien mit Schmutz bewerfen. Doch den Dingen auf den Grund zu gehen ist tabu, so nach dem Motto: haltet den Dieb, aber untersucht ja nicht seine Bankkonten.

Und der gewöhnliche Bürger: fühlt er sich wie in einer Diktatur?

Je weiter unten auf der sozialen und wirtschaftlichen Leiter, um so weniger Garantien hat der Einzelne. Wer kein Geld hat und unglücklicherweise ins Räderwerk der politisch hörigen Gerichte gerät, betritt die Hölle. Je wohlhabender ein Panamaer ist, um so mehr Chancen hat er, sein Leben in fast unbeschränkter Freiheit zu geniessen.

Richard Bauer ist Korrespondent der NZZ in Zentralamerika.


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