|
|
NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung Inhaltsverzeichnis
Als mein Job sich von mir trennte
© Seattle Post Intelligencer/AP ...
|
| Die letzte Ausgabe des «Seattle Post Intelligencer» vom 17. März 2009. Der «PI» existierte 146 Jahre. |
|
 |
Nach 146 Jahren wurde der «Seattle Post Intelligencer» überraschend eingestellt. Eine Ära war zu Ende, ein Arbeitsplatz verloren. Der Wissenschaftsredaktor erzählt.
Von Tom Paulson
Es war am 8. Januar 2009, einem kalten Wintertag, als wir aus dem Fernsehen vom Ende unserer Zeitung erfuhren. Die Reporterin erklärte, sie habe aus einer «Quelle im unmittelbaren Umkreis der Verhandlungen» erfahren, dass die Hearst Corporation den «Seattle Post Intelligencer» verkaufen oder, falls sie nicht binnen 60 Tagen einen Abnehmer fände, die Produktion des Blattes einstellen wolle.
Die wenigen Journalisten, die sich im Redaktionsraum des «PI» aufhielten, starrten mit steinerner Miene auf den von der Decke hängenden Bildschirm. Verhandlungen? Was für Verhandlungen? Ich blieb zuerst an meinem Schreibtisch sitzen, aber dann mischte ich mich doch unter die Trauergemeinde, um einige sarkastische Bemerkungen über die Zuverlässigkeit von TV-Nachrichten vom Stapel zu lassen.
Der «Seattle Post Intelligencer» existierte seit 146 Jahren. Er war die älteste Zeitung und ein Wahrzeichen dieser wohlhabenden Stadt und konnte unmöglich von einem Tag auf den anderen verschwinden. Die riesige erleuchtete Weltkugel auf dem Redaktionsgebäude am Ufer der Elliott Bay war ein eben-so unabdingbarer Teil des lokalen Selbstverständnisses wie die Space Needle oder Boeing-Flugzeuge.
Nach einer Weile berief unser Chefredaktor notgedrungen eine Mitarbeiterversammlung ein, auf der er uns versicherte, dass ihm nichts von einem Plan zum Verkauf oder gar zur Schliessung des «PI» bekannt sei. Einige von uns waren erleichtert und spekulierten darüber, dass der Fernsehbericht wahrscheinlich unserem grösseren, aber finanziell stärker angeschlagenen Konkurrenten, der «Seattle Times», gegolten habe. Die Kollegen, die die Wahrheit lieber im Verborgenen aufspüren, gaben zu bedenken, dass unser Verlagsleiter das Haus heute verdächtig schweigsam und schnell verlassen habe.
Doch als am folgenden Morgen die gespenstische Gestalt eines Hearst-Managers aus New York in der Redaktion auftauchte, war, noch ehe ein Wort gesprochen worden war, allen von uns klar, dass die Zumutung, das künftige Schicksal der eigenen Zeitung aus dem Lokalfernsehen zu erfahren, nur der Anfang einer Reihe von weiteren Zumutungen gewesen war. Das Gespenst eröffnete uns, dass der «PI» unheilbar krank sei. Laut Hearst habe die Zeitung allein im letzten Jahr 14 Millionen Dollar Verlust gemacht. Finanziell gesehen sei kein Land in Sicht, so dass der Konzern die Reissleine ziehen müsse, wenn sich nicht bald ein Käufer fände. Ein Käufer fand sich nicht, aber statt dem Blatt einen würdigen Abgang zu gewähren, verfluchte man es dazu, im Internet die Zombieexistenz eines lebendigen Toten zu führen.
Der eher linksgerichtete und aufmüpfige «PI» war seit langem das zweite Blatt am Platz. Seit einer Kooperationsvereinbarung mit dem Konkurrenten «Seattle Times» im Jahr 1983 war die gedruckte Auflage des «PI» kontinuierlich in Richtung 100 000 gesunken. Der «PI» galt weithin als die angriffslustigere und frechere Zeitung in Seattle und war besonders bei Politikern und Arbeitern beliebt.
Ich selbst war dort seit fast 22 Jahren als Redaktor für Wissenschaft und Medizin beschäftigt. Es war in vielerlei Hinsicht eine grossartige Stelle, und Freunden und Kollegen gegenüber witzelte ich gerne, es sei besser, als arbeiten gehen zu müssen. Ich liebte die journalistische Arbeit, zumindest bis vor einigen Jahren und mit Ausnahme jener Episoden, in denen ich mich mit dem Chefredaktor oder der Geschäftsführung anlegen musste, weil sie nicht begreifen wollten, dass ich klüger war als sie.
Ich bin eher zufällig Journalist geworden. Als Sohn eines Arztes studierte ich zunächst Chemie, um später im medizinischen Bereich zu arbeiten. Doch nach dem Diplom lernte ich stattdessen Zimmermann und baute ein paar Jahre lang Häuser, bis ich als Pistenhengst in den Skigebieten von Montana landete. Ich suchte nach einem alternativen Leben.
Ich entfernte mich von allem, was mit Stadt, Familienleben oder Karriere zu tun hatte. Ich liebte die Wälder, die Berge und ihre Einsamkeit. Aber es gab eine sehr menschliche Neugierde, die mich in der Zivilisation zurückhielt, das unstillbare Interesse für die Wissenschaft oder zumindest für die Darstellung und Wahrnehmung der Wissenschaft als einer gesellschaftlichen Kraft. Man schrieb die frühen 1980er Jahre, der Wissenschaftsjournalismus war in den USA ein Wachstumsmarkt, aber die Berichterstattung war von einem atemlosen, nach «Durchbrüchen» fiebernden Geist beseelt, der weder das Ungewisse noch das Rätselhafte, noch das Ketzerische der Forschung zu goutieren verstand.
Also beschloss ich, Wissenschaftsautor zu werden. Ich kehrte Montana den Rücken und immatrikulierte mich an der Johns Hopkins University, wo ich mit einem Master in Wissenschaftsschriftstellerei abschloss (der Studiengang war damals wie heute eine Kuriosität). Ich arbeitete freiberuflich für kleinere Zeitungen und landete schliesslich 1987 in Seattle beim «PI».
Um die Entwicklung des «PI» in den letzten beiden Jahrzehnten nachzuzeichnen, will ich einige meiner eigenen beruflichen Höhepunkte aus dieser Zeit skizzieren. Meine erste grosse Story für den «PI» verfasste ich nach dem Besuch einer Schmerzkonferenz. Wissenschafter einer zur University of Washington gehörenden Schmerzklinik sprachen über chronische Schmerzen, ihre Diagnose und Behandlung. Mich interessierte besonders die Frage, wie eine so fundamental subjektive Störung wie Schmerz ärztlich behandelt werden kann. Nach Erscheinen meines Artikels riefen zahllose Schmerzpatienten an, die behaupteten, die Schmerzklinik sei ein einziger Betrug; es gehe dort nur darum, Patienten für «geheilt» zu erklären, damit die Berufsunfähigkeitsversicherung nicht mehr für sie zahlen müsse.
Ich verbrachte mehrere Monate damit, diese Beschuldigungen zu überprüfen, begleitete verschiedene Patienten während ihrer Behandlung und evaluierte die wissenschaftlichen Ergebnisse der Klinik. Die University of Washington hatte sich einem behavioristischen Verständnis von Schmerz verschrieben und entliess ihre Patienten als «geheilt», auch wenn die Patienten selbst weiter über Schmerzen klagten. Einige hatten sich nach ihrer Entlassung aus der Klinik sogar das Leben genommen. Der Artikel provozierte einen öffentlichen Aufschrei, Anhörungen im Stadtparlament und einige neue Schutzbestimmungen für Patienten.
In den frühen 1990ern erkrankten und starben mehrere Kinder an einer seltenen Form von Nierenversagen. Die Gesundheitsämter konnten diese Erkrankungen schliesslich auf kontaminierte Hamburger zurückführen, die durch die Schnellimbisskette «Jack in the Box» vertrieben worden waren. Ich verfolgte mehrere Monate lang die Arbeit der Inspektoren der staatlichen Gesundheitsbehörden, die kreuz und quer durch das Land zogen, um den ursprünglichen Krankheitserreger in einem Schlachthaus ausfindig zu machen. Dabei entstanden zahlreiche Artikel, die den Lesern einen Einblick in epidemiologische Zusammenhänge, in die Welt der Mikroben und in die industrielle Nahrungsmittelproduktion verschafften.
Ich glaube, ich darf getrost behaupten, dass ich zu den ersten Journalisten zählte, die in den späten 1990ern die Bedeutung der Bill & Melinda Gates Foundation für die globale Gesundheitsfürsorge erkannten. Ich reiste nach Afrika, Indien und Südostasien, um in einer Reihe von Reportagen für den «PI» die Strategien zu beschreiben, mit denen die Gates Foundation das dortige Gesundheitswesen umzukrempeln begann, indem sie massiv Talente und Ressourcen in die serbelnde Malariaforschung und in die Entwicklung von Frühimpfstoffen gegen typische, in den Entwicklungsländern grassierende Krankheiten investierte. Neben solch umfangreichen Projekten, die sich meist um Fragen der Gesundheit drehten, verfasste ich laufend Artikel über andere Facetten der aktuellen wissenschaftlichen Forschung. Ich schrieb über die Erforschung der Gravitationswellen, die Entzifferung des Genoms, ja sogar über Paul Allens Unterstützung für den ersten privaten Weltraumflug Space Ship One.
Der «PI» hatte wie viele Zeitungen zu Beginn eine eigene Wissenschaftsseite, die er jedoch in den frühen 1990ern wegen mangelnder Werbeeinnahmen einstellte. Gemessen an den Seitenaufrufen im Internet, erfreute sich die Wissenschaftsberichterstattung dennoch weiterhin grosser Beliebtheit, solange man sie auf unterhaltsame Weise präsentierte. Mit der Ausbreitung von Internetverkaufsplattformen wie Craigslist und der Erwartung, dass Nachrichten wie bei Google usw. gratis zur Verfügung gestellt werden, verlor der «PI» das Nachrichten- und Kleinanzeigenmonopol. Er antwortete auf diese Herausforderung, indem er eine komplett überarbeitete Version des «PI» in Netz stellte, die sich deutlich von der Printversion unterschied. Die Geschäftsleitung unterstützte grundsätzlich weiterhin grosse journalistische Recherchen, aber die meisten von uns sahen sich einem wachsenden Druck zur Produktion der schnelllebigeren, unterhaltsamen Geschichten ausgesetzt, die in der Internetausgabe gut ankamen.
Das Interesse an Hintergrundberichten oder «schwierigen» Reportagen wurde geringer, stattdessen wurden «witzige» Anekdoten und Kuriosa aus der Wissenschaft verlangt. Ich habe immer ein Faible für das Abwegige und Wunderliche in der Wissenschaft gehabt, aber trotzdem verspürte ich stets die Verpflichtung, meinen Lesern die wichtigen wissenschaftlichen Probleme und Fragen nahezubringen, wie komplex und spröde sie auch sein mochten. Dann teilte mir die Geschäftsführung mit, dass der «PI» kein Interesse an meinen – oder anderen – Berichten über die Gates Foundation mehr habe. Obwohl die Gates Foundation die grösste philanthropische Gesellschaft der Welt ist und über ein Jahresbudget in Höhe des kuwaitischen Bruttoinlandprodukts verfügt, befanden meine Vorgesetzten, dass sie ein Netzkrepierer sei.
Journalismus, so wie ich ihn verstand, war offenbar im Niedergang begriffen. Viele der Kollegen, die sich ebenfalls mit Wissenschaft und globaler Gesundheit beschäftigten, hatten inzwischen ihre Stelle verloren oder angesichts ähnlicher Zumutungen den Dienst quittiert. Ich war entweder zu behäbig oder zu alt, um mich von meinen Job zu trennen, aber als diesen Januar der Beschluss gefasst wurde, die gedruckte Ausgabe des «PI» einzustellen, wurde mir schlagartig klar, dass sich mein Job von mir getrennt hatte.
Ob der «PI» durch die Aufrechterhaltung eines qualitativ hochwertigen, ernsthaften Journalismus hätte gerettet werden können, ist eine offene Frage. Selbst die besten Zeitungen verfügen mittlerweile über kein brauchbares Geschäftsmodell mehr. Aber das Ende wäre doch in vieler Hinsicht befriedigender gewesen, wenn wir bis zuletzt für die gute Sache gekämpft hätten, statt uns denen anzudienen, die sich durch Fotogalerien von Mannequins hindurchklicken, Geschichten über Stars in Entzugskliniken lesen oder ihre ureigensten Gedanken über Haustiere oder den letzten Urlaub auf der Website des «PI» veröffentlichen möchten.
Einige meiner Kollegen arbeiten bis heute für den «Seattle PI», der nur noch ein virtueller Schatten seines früheren Selbst ist. Wo einst fast 200 Journalisten und Mitarbeiter beschäftigt waren, arbeiten heute etwa ein Dutzend Redaktoren – sowie über 20 Werbeleute – an einer Website, die im wesentlichen Nachrichten, die anderswo geschrieben wurden, zusammenstellt und mit Fotos von Berühmtheiten und Models garniert.
Hearst hat den «PI» nicht umgebracht, aber er hat ihn zu einem Zombie gemacht, der so tut, als verfüge er über eine eigenständige Nachrichtenredaktion mit Reportern und Korrespondenten. Die meisten meiner früheren Kollegen sind bis heute arbeitslos oder suchen ausserhalb des Journalismus, nicht selten im PR-Bereich, ihr Brot zu verdienen. Ich selbst arbeite wieder als Zimmermann, schreibe nebenher an einem Buch und verfasse hin und wieder als freier Mitarbeiter einen Artikel über ein wissenschaftliches Thema.
Was die Zukunft der Zeitungen betrifft, bin ich pessimistisch, zumindest solange Zeitungen im wesentlichen kommerziell betrieben werden und man ihre Funktion für Öffentlichkeit und Gemeinwohl nur als Beiwerk ansieht. Ich bin nicht Journalist geworden, um der Hearst Corporation beim Geldverdienen zu helfen, doch diese ihrerseits erklärt völlig ungeschminkt, genau darin bestehe heutzutage die wichtigste Aufgabe eines Journalisten. Es ist, als wollten sie uns das Fürchten lehren.
Die neuen Medien versprechen, den Journalismus zu demokratisieren und neuen Stimmen Gehör zu verschaffen, aber diese hehren Verheissungen müssen meiner Ansicht nach erst noch eingelöst werden. Die meisten neuen Medien beschränken sich bis anhin auf blosse Kommentare, ohne selbst zur journalistischen Berichterstattung beizutragen. Die Auflagen der Zeitungen werden weiter schrumpfen, aber wenn wir die richtigen Lehren aus dem gegenwärtigen Debakel ziehen, könnte der Journalismus am Ende doch weiter florieren.
Tom Paulson ist Journalist und Zimmermann; er lebt in Seattle. Übersetzung: Robin Cackett, Berlin.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|