Naja Frydenlund schenkt Tee ein und lächelt. «Die Liebe.» Auf einer Reise hatte sie in Neuseeland den Schweizer Stefan Birrer kennengelernt, vor vier Jahren kam sie nach Luzern. Birrers Freunde und Familie nahmen sie herzlich auf, sie lernte die Schweizer als offen, neugierig und geduldig kennen, aber auch als Hüter ungeschriebener Regeln, die sie anfangs nicht verstand. Dass man nur auf Ankündigung zu Besuch geht, zum Beispiel. Als ihr Freund angesichts des vollgestopften Kühlschrankes fragte, ob sie Gäste erwarte, war sie erstaunt und sagte, man wisse doch nie, wie viele Leute man abends zu Tisch habe.
Überhaupt diese Höflichkeit. Rang sie sich am Telefon noch ein «Sie» ab, tönte aus der Gegensprechanlage an der Tür bereits ein entspanntes «Du». Die Höflichkeitsform am Telefon habe sie sich antrainiert, nachdem sie einige Leute brüskiert hatte. «Frau Frydenlund» – sie verzieht das Gesicht. Zu distanziert, sie mag es direkt, ist auch gewohnt zu sagen: «das will ich so» oder «das finde ich schlecht». Hier aber müsse man Wünsche und Kritik in viele Worte verpacken – und zwischen den Zeilen lesen können.
Gibt sich Naja Frydenlund als Grönländerin zu erkennen, kommen immer die gleichen Fragen. Ob sie im Iglu aufgewachsen sei? Ob sich die Familie immer mit dem Hundeschlitten fortbewegt habe? «Den wenigsten ist bewusst, dass sich Grönland entwickelt hat.» Dabei gebe es, darauf ist sie stolz, mittlerweile viele gut ausgebildete Grönländerinnen und Grönländer und ein wachsendes Bewusstsein für die eigene Kultur.
Sie kramt Fotos hervor und hüpft in ihren Kindheitserinnerungen hin und her zwischen Grönland und Dänemark, zwischen Paamiut, Sisimiut, Aasiat, Qasigiannguit und Roskilde und Nykøbing. «Ich wurde auf einem Schiff gezeugt.» Ihr Vater, ein in Grönland lebender dänischer Zimmermann, musste zum Militärdienst nach Dänemark, ihre Mutter, eine Grönländerin, begleitete ihn. In Roskilde wurde Naja geboren. Als sie zweijährig war, zog die Familie nach Grönland zurück. Naja bekam drei Brüder und eine Schwester.
Die Familie wechselte mehrmals den Wohnort, da der Vater der Arbeit nachreiste, und alle zwei Jahre, wenn der Arbeitsvertrag ihn freistellte, verbrachte die Familie ein halbes Jahr in Dänemark. Naja besuchte elf Schulen. Es war ein ständiges Hin und Her.
Frydenlund arbeitet als Sozialpädagogin in einem Wohnheim für Schwerbehinderte im luzernischen Rathausen. Im April hat sie ihr Arbeitspensum reduziert. Sie will die Familiengeschichte zu Papier bringen, die spannende Zeit festhalten, die ihre Eltern miterlebt haben – jene des Wandels vom kolonialen Grönland zum modernen. Ein halbes Dutzend Seiten sind geschrieben, der Laptop im Wohnzimmer wartet auf mehr. Sie ermun terte ihre Verwandten in Grönland und Dänemark, ihre Erinnerungen beizusteuern. Der Vater klagte letzthin am Telefon: «Du weisst nicht, was du mir mit deiner Bitte angetan hast.»
Sie verstand. Auch sie hat Erinnerungen, die wehtun. In den sechziger Jahren bot ein dänisches Regierungsprogramm grönländischen Kindern an, ein Jahr in Dänemark zu verbringen. Naja Frydenlunds Eltern sahen eine Chance für ihre Älteste, denn in Qasigiannguit war sie die einzige Schülerin der sechsten Klasse; der Lehrer liess sie kommen, wenn er gerade Zeit hatte für eine Stunde Dänisch, Englisch oder Mathematik. So flog die Zwölfjährige mit einer Schar anderer Kinder nach Dänemark. Es war schrecklich. Die Gastfamilie war enttäuscht, dass das Mädchen aus dem Eis bereits fliessend Dänisch sprach, dass eine Verkehrsampel kein Erstaunen hervorrief. Mit der Gastschwester hatte sie ständig Streit. Sie litt. Doch als die Dame vom Ministerium zu Besuch kam, sagte sie: «Es geht mir gut, danke.»
An der Küchenwand hängen drei Ulos – Messer, wie sie die Inuitfrauen benutzen. «Ich bin gut darin, Fleisch und Fisch zuzubereiten», sagt sie. Manchmal überkommt sie eine solche Lust auf Fisch, dass sie sofort mit dem Velo zum nächsten Laden fahren muss, wo er frisch angeboten wird. In Grönland hatte sich der Speiseplan der Jahreszeit angepasst, im Sommer suchte man Beeren und fischte, im Herbst wurden Rentiere gejagt, im Winter Moschusochsen. Frydenlund verschwindet und kommt mit einem riesigen Moschushorn zurück. Sie hält es sich an den Kopf und zeigt, wie man sich das imposante Tier vorzustellen hat. Wieder bricht sie in Gelächter aus. Das sei wohl auch etwas Grönländisches an ihr. «Die Grönländer suchen das Lachen.» Wie zum Beweis reicht sie Fotos von ihrem letzten Heimatbesuch, viele lachende Gesichter, und sie weiss fast zu jedem Bild eine Anekdote.
Auch Fotos aus Nuuk sind dabei. Naja Frydenlund hat sich die Ausbildungsmöglichkeiten angeschaut, die sich heute den Jungen dort bieten: eine kleine Universität, ein Lehrerseminar, ein Gymnasium, eine sozialpädagogische Schule. Sie selbst musste sich nach dem Schulabschluss entscheiden: für Grönland oder für eine höhere Ausbildung in Dänemark. Sie tat sich schwer, sie fühlte sich weder als Grönländerin noch als Dänin. Sie wählte Dänemark, studierte Sozialpädagogik, heiratete einen Dänen. Wenige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes holte sie ihre Eltern vom Flughafen ab: Auch die hatten sich für Dänemark entschieden.
Mittlerweile ist Naja Frydenlund geschieden, ihr Sohn ist erwachsen und hat eine eigene Familie in Dänemark. Fotos von ihm und vielen anderen Verwandten hängen an der «Familienwand». Eines zeigt ihre Mutter in einer Festtagstracht, die vor ihr schon die Grossmutter trug und die sie der Tochter anvertraut hat. Doch Naja Frydenlund hat den Schatz in Dänemark gelassen, sie fürchtet, er könnte Schaden nehmen auf der Reise, oder die Fellteile würden das Schweizer Klima nicht vertragen. Und sie selbst, wie kommt sie mit dem Klima zurecht? Sie findet es «luxuriös». Sehnt sie sich nach Schnee und Eis, fährt sie in die Berge. «Da habe ich jederzeit ein Stück Grönland.»
Naja Frydenlund trägt Pelz. Mit ihrer Jacke aus Seehundfell lenkt sie die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich. «Ist der echt?» fragen sie, «Sie haben aber Mut», sagen sie. Das ist ihr nur recht, weil es ihr Gelegenheit gibt, ein Missverständnis auszuräumen: dass die Bilder von erschlagenen Seehundbabies nicht aus Grönland, sondern aus Kanada stammen; dass sie nichts mit der grönländischen Art der Jagd zu tun haben.
Naja Frydenlund und Stefan Birrer haben die Dachwohnung des Hauses hinzugemietet, damit Platz ist für die Verwandten aus dem Norden. Würde er ihre engen Familienbande nicht akzeptieren, sagt Stefan Birrer, wäre eine Beziehung mit ihr nicht möglich. Grönland, Dänemark, Schweiz – wo fühlt sich Naja Frydenlund daheim? Vor ein paar Tagen sei sie von einem Familienfest in Dänemark in die Schweiz geflogen und habe sich gefreut, «nach Hause» zu kommen.
Andrea Strässle, freie Journalistin, lebt in Zürich.