NZZ Folio 12/99 - Thema: Jesus   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Schnelle Milliarden

Von Herbert Cerutti

AM 12. OKTOBER 1999 ist in Sarajewo der sechsmilliardste Weltbürger zur Welt gekommen. Natürlich war die exakte geographische Zuordnung von der Uno nur symbolisch gemeint. Hat aber wenigstens der Zeitpunkt gestimmt? Ist an diesem Tag irgendwo auf der Welt die sechste Menschenmilliarde voll geworden? Wohl kaum.

Die Uno schätzt den momentanen weltweiten jährlichen Zuwachs auf 78 Millionen Menschen. Dies ergäbe pro Tag 214 000. Um damit genau am 12. Oktober auf 6 Milliarden zu kommen, hätten die Uno-Statistiker in New York die Weltbevölkerung auf etwa 100 000 genau kennen und davon ausgehen müssen, dass am 1. Januar dieses Jahres 5 939 100 000 Menschen lebten. In der Schweiz sind die Behörden tüchtig genug, um ihre Wohnbevölkerung auf ein paar Hundert genau zu kennen, was bei 7 Millionen Einwohnern eine Genauigkeit von etwa 0,1 Promille ergibt. Wer aber alles in einem Tälchen in Tibet, in den Slums von Bombay, im Hinterland von Ouagadougou auf die Welt kommt und stirbt, davon haben die lokalen Behörden nur eine grobe Ahnung. Deshalb dürften die 6 Milliarden nur auf ein paar Prozent genau sein, was eine Unschärfe von 100 bis 200 Millionen Menschen ergibt. Unser sechsmilliardster Kamerad hätte also das Licht der Welt ebensogut am 1. August 1998 erblicken können, wenn er es nicht erst am 11. November 2001 tut.

Mit gebührender Ungenauigkeit lässt sich auch die bisherige Entwicklung betrachten. Etwa um 1804 war die erste Milliarde, 1927 die zweite, 1960 die dritte, 1974 die vierte und 1987 die fünfte Milliarde voll. Berechnet man die jährlichen Zuwachsraten für die einzelnen Milliardenschritte, ergibt sich für denjenigen von der ersten zur zweiten Milliarde 0,5 Prozent. Zwischen der dritten und der vierten Milliarde erreicht die Rate ein Maximum von über 2 Prozent, und für die jüngste Milliarde liegt sie bei 1,5 Prozent.

Wie kaninchenhaft Homo sapiens sich in den letzten hundert Jahren gebärdete, zeigt eine einfache «Zinseszinsrechnung»: Vor 100 000 Jahren existierten vielleicht um die 10 000 Menschen. Damit bis Anfang des 19. Jahrhunderts daraus die erste Milliarde wurde, war eine Zuwachsrate (ein «Zinssatz») von 0,01 Prozent nötig. 7000 Jahre sind bei diesem Wachstum nur schon bis zur ersten Verdoppelung von 10 000 auf 20 000 Menschen vergangen. Wir hingegen haben es in nur 40 Jahren von 3 auf 6 Milliarden gebracht.


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