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Das Steuerformular gilt unter Grafikern als Härtefall.
Von Kai Michel
Kann man Formulare mögen? «Ja», behauptet Borries Schwesinger. Und er muss es wissen. Sein Buch mit dem spröden Titel «Formulare gestalten» wurde 2007 von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet. Kann man auch Steuerformulare mögen? «Okay», sagt der Grafiker, «es gibt Härtefälle.»
Steuerformulare haben es besonders schwer. Als Belohnung für das Ausfüllen winkt weder ein Visum noch eine Kreditkarte, sondern nur die Aussicht, Geld zu verlieren – viel Geld. Zudem sind sie kompliziert, sprachlich verquast und führen einem Jahr für Jahr die eigene Nachlässigkeit vor Augen: Schon wieder sind die Quittungen nicht sortiert, schon wieder ist die 3.-Säule-Bescheinigung verloren. Mag das Steuerformular für die Steuerverwaltung ein sinnvolles Medium der Informationsgewinnung sein, der Bürger empfindet es als eine Zumutung.
Da ist Werner Lüdin nicht zu beneiden. Der Jurist vom kantonalen Steueramt ist gleichzeitig Leiter der Zürcher Formularkommission und Präsident der Arbeitsgruppe «Vereinheitlichung der Steuerformulare» der Schweizerischen Steuerkonferenz. Einfach und benutzerfreundlich sollen die Formulare sein, sagt Lüdin. Das bedeutet zum Beispiel eine Benutzerführung mittels Farbe, klare Hinweise auf nötige Bescheinigungen und Zusatzblätter, eine umfangreiche Wegleitung. «Wenn der Steuerpflichtige keine Probleme mit dem Ausfüllen hat, bedeutet das weniger Arbeit für uns.»
Doch die Vereinheitlichung der Steuerformulare stösst an den Kantonsgrenzen erwartungsgemäss auf Widerstand. Nicht alle Kantone wollen die neuen Formulare der Arbeitsgruppe übernehmen. Einige richten ihre Formulare lieber auf die Bedürfnisse ihrer Computer als auf die ihrer Steuerzahler aus. «Das ist ein altes Problem der Verwaltung», sagt auch Peter Maibach, Sektionschef in der Hauptabteilung Mehrwertsteuer der Eidgenössischen Steuerverwaltung. «Man orientiert sich noch sehr an der Datenerfassung und zu wenig am Kunden.»
Die Zürcher Formularkommission setzt sich aus Experten der Steuerpraxis zusammen und tagt das erste Mal im Jahr, sobald die ausgefüllten Steuererklärungen eingegangen sind und sich zeigt, wo es hapert. Dann fügt man hier ein Informationskästchen ein oder erklärt dort ein Problem ausführlicher in der Wegleitung.
«Man sieht es den Formularen an, dass sich die Verwaltung um die Bürger bemüht», sagt der Formularexperte Schwesinger. Im Vergleich zu deutschen Formularen (schreckliche Sprache! zu viele Anlagen!) oder denen aus Österreich (Bleiwüsten!) stechen sie positiv heraus. «Aber als Gestalter bin ich nicht von ihnen überzeugt.» Sie sind ihm zu bunt, haben zu viele Schriftgrössen und Schriftstile. Sie muten gequetscht und improvisiert an. «Die Formulare wirken weder überlegt noch aufgeräumt», sagt Schwesinger, «es fehlt an Präzision.» Statt immer weiter an den Formularen herumzudoktern, wäre es besser, einen Neuanfang zu wagen.
Seit den 1980er Jahren begleiten in den Niederlanden Kommunikationsexperten den Entwurfsprozess. Informationsdesigner kümmern sich um den Formularaufbau, Grafikdesigner um das Layout, Texter um die verständliche Sprache. Die Fragen werden logisch und wohldosiert präsentiert, und es gibt spielbrettartige Benutzerführungen mit Ja-Nein-Filtern. Die Folge sind klare, seriöse, aber doch freundlich wirkende Formulare.
Völlig neue Formulare? Der Gedanke treibt vielen Steuerpflichtigen Schweissperlen auf die Stirn. «Die Steuerpflichtigen sind konservativ», sagt Hansruedi Buob, stellvertretender Leiter der Dienststelle Steuern des Kantons Luzern. «Die schätzen es wenig, wenn sich etwas ändert. Dann können sie sich nicht mehr am Formular des letzten Jahres orientieren.» Tatsächlich gibt es von denen, die Formulare per Hand ausfüllen, wenig Kritik. Man hat sich arrangiert, Farben oder Schriftstile hin oder her.
«Viel mehr Rückmeldungen bekommen wir von jenen, die ihre Steuererklärung mit unserer Software ‹Private Tax› machen», sagt Lüdin. «Oft wird uns gesagt: ‹Damit macht die Steuererklärung ja richtig Spass.›» Während das Papierformular eine kommunikative Einbahnstrasse ist, der Steuerpflichtige wie bei einer Prüfung abgefragt wird, entsteht digital tatsächlich der Eindruck von Kommunikation: Der Steuerpflichtige erhält sofort eine Reaktion, bekommt unmittelbare Hilfe angeboten oder wird gewarnt, wenn er Grenzbeträge nicht beachtet.
Werner Lüdin sähe es gerne, wenn man schon in der Schule lernen würde, wie man die Steuererklärung ausfüllt. Er gibt auch Kurse und erklärt da, dass man sich nicht erst im Januar ans Werk machen dürfe, sondern schon das ganze Jahr über die Belege gut archivieren müsse. Er weiss, wovon er spricht: «Früher habe ich auch allein zwei Wochenenden gebraucht, um alles zu sortieren.»
«Jeder sein eigener Buchhalter», schmunzelt Borries Schwesinger, «Verwaltungen möchten die Menschen gerne so erziehen, dass die in ihrem Sinn funktionieren.» Aber vielleicht ist das der einzige Weg. Die Steuerformulare sind ja auch kompliziert, weil das Steuersystem kompliziert ist. «Das Gestalten von Formularen ist da kein Allheilmittel», sagt Schwesinger. Solange uns das Steuersystem den ganzen Papierkram aufhalst, wird es uns schwerfallen, selbst das schönste Steuerformular zu mögen.
Kai Michel ist freier Journalist. Er lebt in Zürich.
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