NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Barbara Vine, warum sind Sie zwei?

Von Ursula von Arx

Barbara Vine kam 1930 als Ruth Rendell in London zur Welt und wurde Schriftstellerin. Über 50 Romane hat sie schon geschrieben. 1964 erschien der erste Wexford- Polizeiroman, 1985 der erste Psychothriller unter ihrem Pseudonym. Die Wexford-Romane sind alle auf die Serienfigur Chief Inspector Wexford und auf die fiktive Stadt Kingsmarkham zugeschnitten. 1996 erhielt sie von der Queen den Titel Commander of the British Empire, 1997 wurde sie auf Vorschlag von Tony Blair geadelt.

Barbara Vine, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Was ich bin und kann, habe ich durch Bücher gelernt. Ich bekomme oft Briefe von Leuten, die wissen wollen, was sie tun müssen, um Schriftsteller zu sein. Na, was wohl? Vielleicht schreiben? Aber ich bin dann jeweils nett und antworte: Lest. Schreiben lernt man durch Lesen. Ich bin immer erstaunt, wie viele Leute es gibt, die nicht lesen. Natürlich gibt es auch solche, die sehr viel lesen, was wiederum sehr gut ist für mich.

Sie analysieren, was Sie lesen.

Nur wenn ich darüber schreiben muss. Sonst nicht. Natürlich versuche ich jeweils dahinterzukommen, wie ein Autor welche Wirkung erzielt. Aber ich rate niemandem, ein Buch zu sezieren. Ich finde, es genügt, wenn man einfach liest und absorbiert.

Was lesen Sie heute vor dem Schlafen?

Ich bin gerade wieder einmal an «David Copperfield», ich lese ihn jetzt zum dritten Mal, und ich merke, dass ich älter geworden bin, Dinge haben sich verändert. Ich hatte vergessen, wie unglaublich gut er ist, wie brillant und klug in den Wahrnehmungen. Die Liebesgeschichte mag sentimental sein, manche Figuren sind etwas unrealistisch, aber Dickens hat menschliches Verhalten so klug und feinfühlig beschrieben, dass ich manchmal die Lektüre unterbreche und einfach dasitze voller Bewunderung und staune, wie es möglich ist, dass jemand jemals so Wundervolles geschrieben hat. Natürlich bin ich auch frustriert, weil ich es nie so gut könnte, aber das ist o. k.

Was haben Sie vom Schreiben gelernt?

Disziplin.

Das Schreiben fällt Ihnen leicht.

Überhaupt nicht. Ich schreibe langsam, und vieles landet im Papierkorb. Wenn ich merke, dass eine Szene nicht stimmt, schreibe ich sie neu. Und zwar ganz. Ich halte nichts von Politur.

Sind Sie als Schriftstellerin noch entwicklungsfähig?

Das will ich doch hoffen! Aber ich bin jetzt seit über 50 Jahren in diesem Business, und da kann ich inzwischen auch einiges. Sehr wichtig ist die Glaubwürdigkeit der Romanfiguren. Dazu gehört, dass sie ihrem Alter entsprechend reden. Den richtigen Ton zu treffen, ist immer wieder eine Herausforderung. Häufig findet man in einem Buch junge Leute, die reden wie 70-Jährige. Grauenhaft. Die Figuren müssen auch einen Beruf haben. Sonst hängen sie in der Luft.

Schriftsteller schreiben gerne über Schriftsteller.

Kein Wunder. Diese Existenz kennen sie, da brauchen sie nicht zu recherchieren. Das kommt der Faulheit entgegen. Aber wer eine neue Welt einfangen will, kann das nicht allein mit Hilfe seiner Vorstellungskraft tun, da bin ich überzeugt. Was ich auch gelernt habe: wie man Spannung erzeugt. Und seit kurzem weiss ich auch, wie man eine Liebesgeschichte schreibt. Bis jetzt habe ich immer gedacht, das sei nicht mein Ding. Aber mit «Heuschrecken», dem neusten Buch, bin ich zufrieden. Da steht eine Menge über Liebe drin.

Was ist das Geheimnis einer guten Liebesgeschichte?

Man muss erreichen, dass der Leser mit den Figuren vollkommen mitgeht. Das gilt für jeden Roman, aber Liebe spürbar zu machen, ist besonders schwierig. Es gibt viele Bücher, die behaupten, es gehe um Liebe, aber man fühlt es nicht. Da gibt es nur eines: in eine Ecke schmeissen. Da bin ich gut. Ich sehe absolut keinen Sinn darin, Mittelmässiges zu Ende zu lesen.

Was bringt es Ihnen, zwei zu sein?

Ich habe als Ruth Rendell ja nicht nur Romane mit Chief Inspector Wexford geschrieben, aber die anderen waren nie beliebt. So rief ich mich als Barbara Vine ins Leben und habe neue Leser gewonnen. Die beiden Namen machen es mir möglich, so verschiedene Bücher zu schrieben. Ich bin sicher, ich könnte die Vine-Bücher nicht als Ruth Rendell schreiben. Ich weiss nicht, wieso, aber es ist so. Ich bin auch froh, dass ich nicht zu früh als Vine angefangen habe, denn Vine-Bücher brauchen Lebenserfahrung. Rendell-Leser mögen Vine-Bücher übrigens oft nicht und umgekehrt.

Ihre Figuren sind oft obsessiv, unfrei, sie haben Angst vor der Welt.

Ja, ich denke, die Menschen sind so. Alle haben Angst. Aber alle verbergen sie. Das verlangt unsere Gesellschaft so. Doch Angst überwindet man nur, wenn man zu ihr steht.

Ihre Figuren leiden oft unter Einsamkeit. Sie auch?

Ich leide nicht darunter, aber ich weiss, wie sie sich anfühlt, ich kenne sie. Und dann: Ich habe Imagination. Hätte ich keine, würde ich nicht schreiben. Wenn ich zwei, drei einsame Wochen erlebt habe, genügt mir das, um mir vorzustellen, wie ein ganzes Leben in Einsamkeit ist.


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