NZZ Folio 02/95 - Thema: Das Rote Kreuz   Inhaltsverzeichnis

Trinksitten - Lob des Handwerks

Von Andreas Heller

IST ES NICHT HERRLICH, wie dank ausgeklügelten Wundergeräten auch das Entkorken einer Weinflasche zum Kinderspiel geworden ist? Nein, es ist eher betrüblich. Denn wer sich mit High-Tech-Apparate an einer Flasche zu schaffen macht, womöglich den Zapfen gar mit Druckluft zu überlisten trachtet, der beraubt sich just jenes Vorspiels, das echte Weinkenner, weil Genuss stets erlitten werden will, erst recht in Stimmung bringt.

O nein, der Korken ist ein zu sensibel Ding, als dass er mit roher Kraft allein überwältigt werden dürfte. Der Korken ist ein Stück Natur. Er lässt den Wein atmen, lässt ihn altern, altert mit ihm, wird selbst Teil des Weins, dem er frohlockend, gelegentlich auch warnend vorauseilt - Signale, die allerdings nur jener zu entschlüsseln versteht, der ein einfaches Werkzeug benutzt, ein Gerät, das Kraft und Gefühl erfordert.

Lange bevor die Nase ins Glas gesteckt werden darf, erfolgt die erste Beurteilung eines Weins: nämlich im denkwürdigen Augenblick, wenn sich die Spindel des Zapfenziehers in den Korken zu bohren beginnt. Geht's leicht? Geht's schwer? Es ist erheblich. Denn allzu harte Zapfen sind meist billige Pressstopfen, sie verraten den Geiz des Produzenten. Feinporig und geschmeidig sollte der Zapfen sein, aber doch so kompakt, dass er mit einem satten «Plopp» von der Flasche Abschied nimmt.

Der Zapfen bietet hartnäckigen Widerstand? Nehmen wir es zur Kenntnis! Denn das deutet darauf hin, dass die Luft im Keller zu trocken war. Der Korken zerbröselt, bricht ab? Sehr verdächtig! Denn Zapfen, die die Flasche partout nicht verlassen wollen, künden nicht nur von schlechter Korkenqualität, sondern auch von recht bedenklichen Lagerbedingungen - sie warnen uns vor fehlerhaftem Wein.

Und nochmals nein: Es muss nicht unbedingt ein Unglück sein, wenn solche Korken bleiben, wo sie sind.




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