NZZ Folio 07/09 - Thema: Abfall   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Afrikanischer Barock

© Heinz Unger, Zürich.
Im Wohnzimmer wuchtige Möbel, viel Verschnörkeltes und eine Liebe zur Symmetrie. Linktext
Ein grosswildjagender Richter? Ein Buchhalter mit staubwedelnder Entourage? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Gediegen residiert man in diesen Räumen mit Blick ins Grüne. Die Bewohner lieben barocke Üppigkeit. Gäste empfängt eine theatralische Wohninszenierung mit viel Floralem, gerafften Vorhängen und etwas Afrikadekor.

Man ist ganz der Tradition verpflichtet; die stilvoll ausgeleuchtete Ahnen­­galerie reicht viele Jahre zurück, und die wuchtige Einrichtung ist gar nicht umzugsfreundlich; hier hat man sich für längere Zeit eingerichtet.

Der Salon ist eine Oase kontemplativen Verweilens, man sinniert bei Kerzenschein, stöbert in Bildbänden und macht es sich am Kaminfeuer gemütlich. Lebt hier ein gutsituiertes, gesetztes Paar, das nicht nur repräsentative Räume, sondern auch selber gern stilvolle Auftritte hat? Daheim ist alles picobello aufgeräumt – man ist allzeit für Besuch bereit.

Sind die Bewohner weit gereist, oder haben sie gar einst im südlichen Kontinent gelebt? «Out of Africa» weht durch die Gemächer, machte man dort Grosswildjagd auf Trophäen? Mit dem Zebra­fell holt man sich eine Prise Wildnis ins geordnete Alltagsleben, obwohl es hier nicht sehr alltäglich aussieht. Profane Gebrauchsgegenstände, abgesehen vom Computer im Arbeitszimmer, scheinen in diesem Haushalt nicht vonnöten. Vielleicht werden Alltäglichkeiten von unsichtbaren Helfern erledigt, so viel Verschnörkeltes braucht ja doch hin und wieder einen Staubwedel.

Das Büro des Hausherrn ist neben dem Gold-Braun-Dekor von einer fast bodenständigen Nüchternheit. Vielleicht ein Händler oder Kaufmann, der sich mit dem Computer in die Geschäftswelt einloggt? Oder wird hier inzwischen einfach die Hauskorrespondenz erledigt?

Die bescheidene Grünpflanze kann es mit den edlen Pfauenfedern im Esszimmer nicht aufnehmen; ja, eine Prise Stolz darf ruhig sein!

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Opulenz und Gegensätze. Eine Grosswildtrophäe in Form einer Zebrahaut liegt flach vor einem Salontisch, der aus der Requisitenkammer einer Operettenbühne stammen könnte. So kann sich nur ein Paar einrichten, bei dem zu 100 Prozent Konsens über den Stil besteht.

Das ländliche Cheminée mit rohen Holzbalken und Kupferkübel davor kontrastiert mit den feinen Linien einer Glaskonsole und einer Biedermeier-Tischgruppe. Beim Arbeitsplatz, an dem man es dann doch eher zeitgenössisch mag, liegen die Kontraste in der Tonalität der dunklen Möbel zu der hellen Umgebung. Zeigt diese Wohnung gar, was man gemeinhin unter einer gutbürgerlichen Einrichtung versteht?

Die versteckten Symmetrien, die Halt, Ordnung und Sicherheit vermitteln, könnten darauf hinweisen: Die Glasvasen mit den Pfauenfedern, die Tischleuchten mit den Figurenständern und die unter der Last des Obstes beinah zusammenbrechenden Fruchtschalenträger: Alle Gegenstände auf der Glaskonsole sind akkurat symmetrisch aufgebaut. Auch auf dem runden Tisch im Salon, dem Clubtisch, und dem Eckmöbel finden wir diese Liebe zur Ordnung wieder. Selbst die Ahnengalerie ist zu einem ordentlichen symmetrischen Block zusammengefügt.

Hier kann sich nur wohl fühlen, wer mit Ordnungen zu tun hat, vielleicht ein Buchhalter, Richter oder jemand, der in diplomatischen Diensten steht?

Repräsentativ und ordentlich ist dieses Zuhause allemal, einzig das wilde Tier liegt etwas schief in der Landschaft.

Stefan Zwicky


André van Niekerk, Innenarchitekt, Hans-Peter Kaufmann, Kaufmann

«Hans-Peter sagt gern im Scherz, das Zebrafell sei das Pyjama meines Esels. Ich habe das Fell aus Südafrika. Ein Stück im African Style genügt. Ich komme aus Johannesburg. Dort haben wir uns vor 15 Jahren kennengelernt.

Das Haus in Schaffhausen kauften wir vor fünf Jahren. Wir blicken auf den Rhein und die Altstadt, wenige Meter entfernt liegt ein Rebberg. Hans-Peter schwimmt täglich 45 Minuten in unserem Schwimmbad mit Gartenlounge. Er schwimmt abends nach der Arbeit, sonst müsste er morgens noch früher aufstehen als um viertel vor sechs. Zum Frühstück gibt es nur einen Kaffee, dann geht jeder seines Weges.

Ich habe uns nicht nach Trends eingerichtet, obwohl unser Zuhause auch mein Schaufenster ist, ich bin Innenarchitekt. Mein Partner ist Kaufmann – das hat die Psychologin genau erwischt, auch vom Namen her.

Unsere Einrichtung basiert auf dem, was jeder in seinem Haus hatte, wir haben es zusammengeführt, ergänzt und etwas daraus gemacht. In der Ahnengalerie im Wohnzimmer befinden sich oben Hans-Peters Urgrosstante und sein Onkel aus Champéry, im Wallis, darunter hängt Oliver Cromwell. Ich sage immer, der untere Teil sei meine Verwandtschaft. Ich mache gerne Bildcollagen, das ist eine meiner Spezialitäten, in der Schweiz hängen die Bilder sonst eher etwas konzeptlos an den Wänden.

Ich bin ein totaler Shopaholic, suche immer nach speziellen Stücken. Auch in den Ferien arbeite ich. Ich bin immer auf der Suche nach originellen Einrichtungsgegenständen für meine Kunden. Das stört Hans-Peter aber nicht. Ich kaufe auch gern Kleider und Schuhe, ich liebe Schuhe.

Der Leuchter über dem Esstisch stammt aus einer orthodoxen Kirche in Griechenland, er ist um die 100 Jahre alt. Wir essen normalerweise um neun Uhr abends. Ich arbeite zu Hause. Das erlaubt es mir, mich um den Garten zu kümmern und zu kochen und zu putzen. Wir haben keine Angestellten. Das bisschen Putzen ist schnell gemacht, da wir keine Kinder haben und keine Haustiere – dafür reisen wir zu viel.

Kochen ist eine Kunst. Bei uns gibt es eine klassische Küche mit einem kleinen Unterton, das heisst, in einem Salat hat es immer noch eine Frucht, etwa eine Aprikose, oder Ingwer drin. Mein Kindermädchen, das bei mir in Johannesburg lebte, bis sie starb, war eine Cape Malay. Sie brachte mir bei, wie man Curries kocht. Aber die mache ich eher selten.

In den Ferien reisen wir meistens nach Asien. Diesen Herbst geht es durch den Dschungel von Borneo an Bord eines wunderschönen Schiffs im Kolonialstil, alles ist aus Teakholz und Messing. Wir fahren den Rajang hinauf. Hans-Peters Vater reiste ungern. Seine Mutter hingegen war ein richtiges Reisefüdli, wie man so sagt. Bis vor kurzem begleitete sie uns auch im hohen Alter noch für ein Wochenende nach New York. Sie lebt auch in Schaffhausen.

Meine Verwandten sind alle in Johannesburg. Meine Geschwister haben Sicherheitsfirmen. Wenn wir in Johannesburg sind, bekommen wir immer einen Bodyguard zur Begleitung. Die Meldungen über die Sicherheitssituation in Südafrika sind etwas übertrieben; wenn man sich keine Kameras umhängt und nicht mit teurem Schmuck herumläuft, gibt es wenig Probleme.

Mein Lebensstil in der Schweiz ist 200 Prozent anders. In Johannesburg lebte ich allein und beschäftigte vier Angestellte. Ich bin holländisch-französischer Abstammung. Hans-Peter und ich unterhalten uns deutsch und englisch. Mein Zulu ist ein wenig eingerostet. Zulu war meine erste Sprache, mein Kindermädchen brachte sie mir bei.

Ich liebe unser Zuhause. Und ich liebe Weihnachten. Zu Weihnachten gestalte ich immer einen phantastischen Designtisch. Ein Kunstwerk. Ich beginne bereits eine Woche vor dem Weihnachtsabend damit, Dekorationen auszuprobieren, ich koche sechs Gänge und drucke Menukarten. Die Pfauenfedern stammen vom letztjährigen Weihnachtstisch. Nachher wusste ich nicht, wohin damit, deshalb habe ich sie in die Vasen gesteckt. Mein Wohnalbtraum? Eine Wohnung im 13. Stockwerk mit minimalistischer Einrichtung. Ich bevorzuge grosse, einladende Möbel und warme Farben. Es gibt Besucher, die wegen der hellen Teppiche ihre Schuhe ausziehen wollen. So etwas erlaube ich nicht.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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