NZZ Folio 07/05 - Thema: Fleisch   Inhaltsverzeichnis

Am Apparat -- Weblogs

Von Franz Zauner

Ich sehe Geburtstagstorten. Sie tragen alle zehn Kerzen, denn 1995 ging Europa ins Netz. «Ich» sagt man aber immer noch nicht. Nicht in einer ordentlichen Zeitung. Nicht im seriösen Fernsehen. So ein Ich denkt nur an sich. Medien denken an alles. Dort steht «man», wenn man dort steht. «Man» heisst, dass man nicht gleich mit sich selbst per du ist, nur weil man schreibt. Ichs schreiben Weblogs.

Man sagt, dass der Weblog den Journalismus überwinden könnte. Wenn ich das in der Zeitung lese, geht mir die Hand zum Colt: Soll doch jeder, der eine Hypothese bildet, bei Betandwin einen Tausender darauf setzen. Ansonsten mag ich Weblogs. Und es hat Folgen, wenn einer wie ich Weblogs mag.

Ich mampfe Geburtstagstorten mit Chefredaktoren. Schauen Sie doch einmal in einen rein, Herr Chefredaktor! Weblogs sind die fünfte Gewalt. Diese Extravaganzen, diese Bocksprünge, diese Frechheiten, diese Launen, diese Rage, diese Coolness: Freiheit, die gefangen nimmt. Keine Checks, Re-Checks, Double- Checks. Keine Marketingsitzungen! Da lacht der Chefredaktor. Es gibt etwas, das sogar ihn Überwindung kostet.

Nach dem gründlichen Studium von Gedankenprotokollen aus ein paar Millionen Köpfen möchte ich jetzt aber darauf wetten, dass der Computer eine Schreibmaschine ist. Da kann er noch so viele Megahertz am Breitband führen, seine Tastatur bleibt eine Melkvorrichtung für Finger. Was soll da anderes herauskommen als die Milch der frommen Denkart. Wörter! Du setzt dich hin, und tief in dir drinnen gebietet magmatisch die fünfte Gewalt: Schreib!

Diesen Chefredaktor überwindest du nie. Programmierer erzeugen Westküsten-Code, die Anwälte Ostküsten-Code. Mans und Ichs schreiben Gutenberg-Code. Deshalb sage ich bei jeder Geburtstagsparty: Okay, wir haben das Feedback erfunden und den Hypertext und die vierte Dimension im Onlinearchiv ausgerollt. Aber die Weblogs machen das Internet endgültig zur grössten Lese- und Schreibübung aller Zeiten. Und da untertreibe ich noch, denn brave Journalisten schreiben immer ein bisschen weniger, als sie wissen. Man weiss ja nie.


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