NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Ehrenhändel

Von Gunhild Kübler

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?

ZWEI HERREN sind in einem Kaffeehaus miteinander ins Gespräch gekommen. A ist ein junger Offizier, B ein Beamter im Rang eines Ministerialdirektors und im Dienst seines Königs bereits ergraut.

 A:      Heiss wird's hier. Ah, ich freu mich so auf die frische Luft. Werd' ein bissl spazieren geh'n. Heut heisst's: früh ins Bett, morgen nachmittag frisch sein. Komisch, wie wenig ich daran denk, so egal ist mir das! Das erstemal hat's mich doch ein bissl aufgeregt. Nicht, dass ich Angst g'habt hätt'; aber nervös bin ich gewesen in der Nacht vorher . . . Das Wichtigste ist: kaltes Blut.

B:      Wer ist denn Ihr Gegner?

A:      Ein Doktor, ein Rechtsverdreher, gewiss ein Sozialist! Eine Bande . . . am liebsten möchten sie gleich s'ganze Militär abschaffen; aber wer ihnen dann helfen möcht, wenn die Chinesen über sie kommen, daran denken sie nicht. Blödisten! ? Man muss gelegentlich ein Exempel statuieren. Ganz recht hab ich g'habt. Ich bin froh, dass ich ihn nimmer auslassen hab nach seiner frechen Bemerkung. «Herr Leutnant», hat der zu mir gesagt, «Sie werden mir doch zugeben, dass nicht alle Ihre Kameraden zum Militär gegangen sind, ausschliesslich um das Vaterland zu verteidigen!» So eine Frechheit. Wenn ich daran denk, werd ich ganz wild. Aber ich hab mich famos benommen; der Oberst sagt auch, es war absolut korrekt.

B:      Man kann einen Beleidiger auch laufen lassen, sofern man weltabgewandt weiterexistieren will. Aber im Zusammenleben der Menschen hat sich ein Etwas ausgebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstossen geht nicht. Die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.

A:      Es gibt ja Leut, die's leichter nähmen . . . Gott, was gibt's für Menschen! Einem Kameraden von mir hat ein Fleischselcher, wie er ihn mit seiner Frau erwischt hat, eine Ohrfeige gegeben; er hat quittiert und sitzt irgendwo auf'm Land und hat geheiratet. Meiner Seel', ich gäb ihm nicht die Hand, wenn er hier herein käm.

B:      Vor einigen Jahren habe ich den Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund war oder doch beinah, im Duell erschossen. Wenn ich mir seinen letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend doch noch ein Lächeln, so hiess der Blick: «Prinzipienreiterei . . .» ? Ich war schändlich hintergangen, aber trotzdem ohne jedes Gefühl von Hass oder gar von Durst nach Rache. Und ausserdem liebte ich meine Frau . . . Aber man ist eben nicht bloss ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen. Und wenn der Fleck auf der Ehre einen Mitwisser hat, kann man nicht mehr zurück.

A:      Auch ich bin nicht der Mensch, der weiter den Rock trägt und den Säbel, wenn ein Schimpf auf ihm sitzt. Da heisst's halt, ein Mann sein, ein Offizier sein, so dass der Oberst sagt: Er ist ein braver Kerl gewesen, wir werden ihm ein treues Angedenken bewahren.

B:      Sie scheinen nun doch Angst vor dem Tod zu bekommen.

A:      Haha, der Tod ist ja kein Kinderspiel . . . Wer hat das neulich gesagt?. . . Aber das ist ja ganz egal. Der Doktor wird mir morgen schon gewiss nichts tun! . . . Den hau ich zu Krenfleisch! Habe die Ehre!
A erhebt sich und geht mit einer Verbeugung ab.

Wer und wer? Sultan T. Tuleng und Bennovisto T. Tanner

Auflösung: A ist Leutnant Gustl aus Arthur Schnitzlers gleichnamiger Novelle (1900); B ist Baron von Instetten aus Theodor Fontanes "Effi Briest" (1895).


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