NZZ Folio 06/98 - Thema: Das Mittelmeer   Inhaltsverzeichnis

Unter Männern

Das Café als mediterraner Mikrokosmos.

Von Barbara Spengler-Axiopoulos

DAS «MAJESTIC» ist kein Ort der Behaglichkeit. Die drei Meter hohen Wände sind mit einem billigen Holzimitat eingefasst, von der hell gestrichenen Decke baumeln Neonlampen, und die beiden altertümlichen Ventilatoren dazwischen gleichen prähistorischen Flugsauriern. Auch die quadratischen Holztische in der Mitte und die länglichen an den Seiten sind denkbar schmucklos; die Stühle haben runde Rückenlehnen und eine spartanisch harte Sitzfläche. Niemand schlägt die Beine übereinander. Wer hier zu dieser frühen Morgenstunde sitzt, huldigt entweder einem Ritual oder er folgt dem inneren Drang, genussvoll seinen Kaffee zu schlürfen, bevor die dringenden Geschäfte des Alltags das Café und seine Umgebung in ein Inferno der Betriebsamkeit verwandeln. Oder er sucht, wie die vier Rentner, die sich soeben eingefunden haben, das Gespräch. Bevor sie sich zu einer Partie Tavli niederlassen, erörtern sie ausführlich ihre Sorgen mit der Gesundheit und dem leichten Schlaf des Alters.

Das Café Majestic an der Hafenpromenade von Thessaloniki ist eine Institution. Gewiss gibt es an der gut zwei Kilometer langen Prachtstrasse der nordgriechischen Stadt modernere und elegantere Cafés. Aber unter all diesen schicken, gestylten Läden mit Polstern auf bequemen Sesseln in postmodernem Ambiente ist das «Majestic» ein selbstbewusster Paria geblieben. Das «Majestic» hat es nicht nötig, um Gäste zu buhlen, denn wer hierherkommt, der kommt nicht bloss, um zu trinken. Hier ist noch die Welt des alten griechischen Kafenion, wo die Ereignisse der Stadt, ja des Lebens überhaupt, besprochen werden wollen.

Zwei Stunden später sitzen die vier Rentner immer noch da, der alte Kellner hat ihre dickbauchigen kleinen Kaffeetässchen längst abgeräumt; der Aschenbecher aus Aluminium quillt über von filterlosen Zigarettenstummeln der Marken «Karelia» und «Papastratos.» Die Männer haben mindestens zwei Partien Tavli hinter sich und reden jetzt wild gestikulierend über die anstehende Privatisierung der staatlichen Fluggesellschaft Olympic Airways und die gestiegenen Preise für ein Osterlamm. In seiner Schmucklosigkeit verströmt das «Majestic» eine Atmosphäre mönchischer Weltferne. Jede Gruppe an ihrem Tisch ist ganz in ihr Spiel oder in ihr Gespräch versunken. Hier wird «die Welt, die kleine, die grosse» verhandelt, wie es der Lyriker Odysseas Elytis formuliert hat: «O kósmos o mikrós, o mégas.»

Der Herr Kostas, der siebzigjährige Kellner, ist ein wenig griesgrämig. Aber das ist er immer. Er arbeitet schon seit über vierzig Jahren im 1950 gegründeten «Majestic». «Heute denken alle nur noch ans Geld», sagt er und gibt dabei den Blick frei auf seine beiden unteren Schneidezähne, die einzigen, die ihm geblieben sind. Seine graue Strickjacke ist abgetragen, aber peinlich sauber. Dann dreht er auf den Absätzen eine elegante Pirouette, eilt fort, um wieder seine Kundschaft zu bedienen, die um die Mittagszeit das Café füllt. Zwei alten Männern mit schlohweissen Haaren knallt er ihren Kaffee auf den Tisch, sie haben ihn «skéto» bestellt, ungesüsst, aber mit viel Schaum. Beide tragen schwarz umrandete Brillen und haben Hut und Stock an die Garderobe gehängt. Sie sind vertieft in ihre Passage Tavli, bemerken nicht den Strassenlärm, der sie umtost, und achten nicht auf den schneebedeckten Olymp auf der gegenüberliegenden Seite des Thermaikós, der Bucht von Thessaloniki. An den Tischen draussen an der Hafenpromenade haben junge Leute mit langen Haaren, runden Brillen und verwaschenen Jeans Platz genommen. Sie bestellen Frappé, kalten, aufgeschäumten Nescafé, der in schlanken Gläsern und mit rosafarbenen und hellblauen Strohhalmen serviert wird.

Zwei Studenten haben sich in der Mitte des Cafés neben dem alten Ölofen zum Tavli niedergelassen. Herr Kostas schreibt die Uhrzeit des Spielbeginns auf einen Quittungsblock: 13 Uhr mittags. Dann reisst er das Blatt ab und legt es neben die Spieler auf den Tisch. Eine Stunde Tavli kostet im «Majestic» 200 Drachmen, nicht einmal einen Franken. Geschickt baut jeder der Spieler auf seinem Feld die schwarzen oder weissen Steine vor sich auf. Als die Würfel fliegen, haben sie kaum noch Zeit, an ihren Zigaretten zu ziehen.

Das Café ist die Welt der Männer. Frauen mittleren Alters sind hier keine anzutreffen. Sie bereiten zu Hause das Essen vor, fleischlos und nur in Olivenöl gegart, jetzt in der Karwoche. Ins «Majestic» trauen sich nur junge, selbstbewusste Frauen, und es war schon eine kleine Kulturrevolution, als die erste von ihnen den Schritt über diese Türschwelle wagte. «Ich glaube, das muss nah dem Fall der Diktatur gewesen sein, also im Sommer 1974», brummt Herr Kostas, «da kamen auf einmal junge Mädchen zu uns, die anfingen, Tavli zu spielen.» Er schüttelt den Kopf und schaut nun noch etwas griesgrämiger drein. Gleichwohl: Das Sagen hat im «Majestic» eine Frau, Madame Fotiní. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie das Regiment. Heute kommt sie nur noch selten ins Café, und wenn, dann am Morgen. Ab Mittag vertritt sie ihr Neffe, denn die vielen jungen Leute, die oft bis spät nach Mitternacht zusammensitzen, sind ihr zu anstrengend.

Wie Herr Kostas ist auch Madame Fotiní nicht zu Scherzen aufgelegt. Mit schmalen Lippen zählt sie die 6000 Drachmen Tageslohn für die magere albanische Putzfrau ab. Sie kann sich gerade noch zu einem «kaló páscha», «frohe Ostern» durchringen, bevor die Flüchtlingsfrau das Geld diskret in die Tasche ihrer Kittelschürze stopft und davonhuscht. Madame Fotiní hat Sorgen. Vielleicht wird es das «Majestic» bald nicht mehr geben, denn der junge Besitzer will den Pachtvertrag kündigen. «Der will hier so ein schickes Café mit lauter Wumba-Musik machen», sagt sie und schüttelt angeekelt den Kopf. Als seine Eltern, die alten Verpächter, noch lebten, habe er sich so etwas nicht getraut. Das «Majestic» sei etwas Einmaliges, sagt sie. Ein altes griechisches Kafenion. Ein Ort der Begegnung am Mittelmeer.

Vorne an der alten Holztheke sind pyramidenförmig in einer Glasvitrine Ouzo-, Bier- und Wassergläser aufgebaut. Die alten Nescafédosen stammen aus einer Zeit, als man die Segnungen der amerikanischen Kultur noch feierte. Sie werden immer wieder frisch aufgefüllt. Daneben unzählige Päckchen vom griechischen Kaffee Marke «Loumidis», hauchfein gemahlen und speziell geröstet. Hier gibt es noch eingekochte Früchte auf dem Löffelchen und «Vanilia», im Volksmund auch «ipovríchio», «U-Boot», genannt. Das ist eine zähe, weisse Köstlichkeit, deren Ingredienzen von den Mastixbäumen der Insel Chios gewonnen werden. Man taucht den Löffel mit der klebrigen Paste immer wieder ins Wasser und lutscht daran. Besonders stolz ist Madame auf den grossen Vorspeisenteller mit Ouzo, der schon seit Jahren 1000 Drachmen, etwa 4 Franken, kostet. Dafür bekommt der Gast appetitlich auf einem Teller angerichtet etwas Schafskäse, eingelegte Randen und Paprika, ein paar Sardellen und dazu Kartoffel- und Fischrogensalat.

«Manchmal», sagt Madame Fotiní, «schliesse ich die Augen und stelle mir vor, wie es hier früher war.» Beim Erzählen werden ihre Gesichtszüge weicher, fast freundlich. Früher hätten noch die Fischer draussen an der Hafenpromenade ihre kleinen Holzboote entladen. Und die alten, feinen Geschäfte und die kleinen Cafés sehe sie ganz deutlich vor sich. Aber das «Majestic» ist nicht der Ort, der sentimentale Reisen in die Vergangenheit lange Zeit ungestört duldet. Ein schmuddeliger Losverkäufer drängt herein. Eine schwarzgekleidete Witwe bettelt mit aufgehaltener Hand um ein paar Drachmen. Achselzuckend steckt ihr der Tavli-spielende Student etwas Kleingeld zu.

«Wir sind Menschen der Musse. Wir geniessen unsere Stunden mit Reden, Erzählen und Zuhören», sagt Madame Fotiní. Und fast zärtlich wandert ihr Blick über die murmelnden, spielenden Gäste.

Barbara Spengler-Axiopoulos, Heidelberg, ist freie Journalistin.


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