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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Hindus haben eine Kaste für Coiffeure»

© Thomas Müller, Zürich
Azizur Rahman, Dhaka, Bangladesh Linktext

Von Thomas Müller

Azizur Rahman, Dhaka, Bangladesh kann sein Alter mangels Geburtsregister nur schätzen. Er sei «38 Jahre alt, vielleicht 39, aber sicher nicht älter als 40», sagt er. Die ­Familie wohnt in der Nähe des Salons in einer 12 Quadratmeter grossen Bambushütte mit Blechdach für 20 Franken Miete pro Monat. Azizur arbeitet 6 Tage pro Woche. Er arbeitet auf Kommissionsbasis, erhält 50 Prozent der Einnahmen. Azizur verdient durchschnittlich 55 Franken pro Monat.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Man trägt die Haare wie der Schauspieler Ashkay Kumar. Also eher kürzer, vor allem seitlich und am Nacken. Das ist angenehmer in der Hitze und bringt die Kopfform zur Geltung. Werfen Sie einen Blick auf die Schautafel dort hinten, die Nummer fünf meine ich.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Klar, schliesslich arbeite ich schon etwa dreissig Jahre in diesem Beruf. Jetzt kombiniere ich zum Beispiel die Nummer fünf mit der Nummer eins, Sie werden sehen, das sieht toll aus. Vornehmere Salons schneiden mit der Maschine, wir haben hier nur Kamm und Schere, doch das Resultat ist ebenso gut.

Warum sind Sie Coiffeur geworden?

Das gehört sich so in unserer Familie, es ist der traditionelle Beruf im Stamm der muslimischen Nai, zu dem ich gehöre: Mein Grossvater, mein Vater, meine Onkel, alle haben ihr Geld als Coiffeur verdient. Also blieb mir keine andere Wahl. Doch eigentlich ist die Branche eine traditionelle Domäne der Hindus.

Aus welchem Grund?

Bei den Hindus gibt es eine eigene Kaste für Coiffeure, und manche sagen, sie seien für diesen Beruf besonders begabt. Da bin ich mir nicht so sicher. Von meinen drei Kollegen sind zwei Muslime, einer ist Hindu. Er ist nicht schlechter, aber auch nicht besser als wir. Früher gab es übrigens mehr Hindus im Beruf. Über die Jahre ist jede zweite Hindufamilie nach Indien ausgewandert. Jetzt ist nur noch jeder zehnte Bangale ein Hindu.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Bei meinem Vater, acht Jahre lang. Weil ich so früh im Geschäft zu arbeiten begann, habe ich allerdings nur zwei Schuljahre absolviert. Das ist ein Nachteil, und bei Harun, meinem ältesten Sohn, wollte ich nicht denselben Fehler machen. Doch mein Vater bearbeitete ihn so lange, bis er nach drei Jahren die Dorfschule verliess und im Salon anfing.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Wir bauen etwas Neues auf. Meine Frau und ich zogen mit den beiden jüngeren Kindern vor einem Jahr in die Hauptstadt, weil ein Coiffeur hier mehr verdient. Seit ich Probleme mit den Augen habe, ist das Haareschneiden anstrengend geworden. Sobald ich 85 Franken beiseite gelegt habe, gehen wir zurück aufs Land, und ich eröffne meinen eigenen Bananenhandel. Doch in Dhaka ist alles extrem teuer: die Miete, der Bus, das Essen. Reis, Linsen, Mehl und Öl sind bald doppelt so teuer wie vor einem Jahr. Ich konnte noch nichts sparen.

Haben Sie Stammkunden?

Der Salon hat viele Stammkunden, der einzelne Coiffeur hier eher nicht. Wir verstehen uns ja nicht als Künstler, alle schneiden etwa gleich gut.

Wer kommt in den Salon?

Leute, die gleich um die Ecke wohnen. Väter mit ihren Söhnen, Mittelschicht eben. Weniger Betuchte gehen zur Billigkonkurrenz, die einen Spiegel an einen Baumast hängt und drauflosschnipselt. Dort kostet ein Haarschnitt die Hälfte. Schliesslich fällt keine Miete an, der Coiffeur muss höchstens einem Polizisten ein bisschen Bakschisch zustecken.

Wie oft kommen die Kunden zu Ihnen?

Wer es sich leisten kann, kommt alle drei Tage zur Rasur. Nach zwei, drei Wochen ist ein Haarschnitt fällig.

Welche Kunden sind für Sie die grösste Herausforderung?

Es gab schon Kunden, die mich beschimpften, weil ihnen die gewünschte Frisur am Ende doch nicht gefiel. Ich sage nur so viel: Bei mir ging noch keiner zur Tür hinaus, ohne zu bezahlen. Ich kriege jeden Haarschnitt hin.

Haben Sie prominente Kunden?

Im Dorf, aus dem ich stamme, war der Bürgermeister mein Stammkunde.

Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?

Wenn jedes Haar genau so lang ist, wie es sein soll. Und der Kunde so zufrieden ist, dass er ein schönes Trinkgeld gibt.

Wo waren Sie zuletzt in den Ferien?

Ferien? Wenn wir genug Geld fürs Busticket haben, fahren wir über die Festtage ins Dorf. – Wie gefällt es Ihnen?

Sehr schön.

Wissen Sie was? Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben dunkelblonde Haare geschnitten. Kaum ein Ausländer verirrt sich je in einen Aussenbezirk wie Pallabi. Ich kenne nur Schwarz, nichts als Schwarz.

Thomas Müller ist freier Journalist und lebt in Zürich.


Salon Rezaul

Gepflegt, aber günstig: Das ist die Devise des Salons Rezaul in Pallabi, einem Quartier im Norden der 15-Millionen-Stadt Dhaka. Eine Klimaanlage würde die Preise verdoppeln. ­Bedient werden nur Männer.
Preis für einen durchschnittlichen Haarschnitt: 40 Rappen. Rasieren kostet mit Rasiercrème 20 Rappen, mit Rasierschaum 40 Rappen.

Bangladesh

Einwohner: 150 Millionen
BIP pro Kopf: CHF 553
Milch: 1 l CHF 0.85
Brot: 1 kg CHF 1.30
Kinobillett: CHF 1.70
Zigaretten: CHF 0.70 bis 1.50
Taxi: 10 km CHF 3.20

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