NZZ Folio 10/99 - Thema: Panama   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Die wundersame Renaissance der Südtiroler Weine

Von Philipp Schwander

DAS IMAGE der Südtiroler Weine ist immer noch geprägt von billigen Roten mit Namen wie «Kalterersee» oder «St. Magdalener», die weiland in den Gaststätten den «Römer» füllten. Der grösste Teil der Südtiroler Weinproduktion floss damals in die Schweiz. Doch Ende der siebziger Jahre kam der Fluss ins Stocken. Die Kundschaft war anspruchsvoller geworden und dürstete zunehmend nach Besserem. Gewächse aus neuen Weinbauregionen sorgten für Furore, derweil die von hohen Erträgen geprägten Erzeugnisse Südtirols auf relativ bescheidenem Qualitätsniveau verharrten. Seit Ende der achtziger Jahre hat indes auch im Land des Kalterersees ein konsequentes Umdenken stattgefunden, und Südtirol, auf italienisch Alto Adige, gehört heute zu den innovativsten Anbauregionen Italiens.

Über der Landeshauptstadt Bozen erheben sich an den überaus imposanten Abhängen die Lagen des einst berühmten St. Magdaleners, der noch in den vierziger Jahren in einer offiziellen Klassifikation mit dem Barolo und dem Barbaresco zu den besten Weinen Italiens gezählt wurde. Heute werden hier wieder zunehmend kraftvolle Weine aus der autochthonen Rebsorte Vernatsch gekeltert, die auch in Württemberg unter dem Namen Trollinger Verbreitung gefunden hat. Der Kalterersee liegt dagegen im landschaftlich reizvollen Etschtal, wo sich etwa auf der von Weinbergen umgebenen Terrasse des Castel Ringberg der lokale Wein geniessen lässt.

Eine Besonderheit Südtirols ist die grosse Bedeutung der Genossenschaften, die rund zwei Drittel der Ernte verarbeiten. Im Gegensatz zu anderen Teilen Italiens gehören sie qualitativ zu den führenden Betrieben und haben entscheidend zur Renaissance des Südtiroler Weines beigetragen. Die vielleicht beste Genossenschaft wird vom energischen Luis Raifer geführt und vermarktet ihre Weine unter den Namen Schreckbichl und Colterenzio. Als einer der ersten bezahlte Raifer den Winzern deutlich höhere Preise für bessere Qualität und bewirkte so ein stetig wachsendes Qualitätsbewusstsein bei seinen Genossenschaftern.

Eine kürzlich durchgeführte Degustation bewies den hohen Standard der Colterenzio-Kellerei, welche drei verschiedene Linien produziert: ein Standardsegment, «Praedium» als mittlere Kategorie und die besten Weine mit der Bezeichnung «Cornell». Äusserst frisch und sauber war der Weisshaus Pinot bianco 1998, der mit einer aromatischen Frucht und beeindruckender Länge überraschte. Der Cornelius bianco 1996 war trotz des schwierigen Jahres ein nuanciertes, rassiges Gewächs.

Der Lagrein ist eine der typischen Rotweinsorten des Südtirols. In der Vergangenheit oft für Übererträge missbraucht, zeigt sich heute, welche Klasse in ihr steckt. Der 1996er hatte eine tiefe Farbe, einen vollen Körper und gefiel mit einer herzhaften Rustikalität. Grosses Potential liess der 97er Lagrein der Cornell-Linie erahnen, und wir notierten: tiefes, schwärzliches Purpur; noch verhaltene, fast bordeauxähnliche Nase; kräftig und dicht am Gaumen, herber Abgang.


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