NZZ Folio 01/07 - Thema: Schmerz   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Turnschuh, selbstgebastelt

© Patrick Rohner
Individueller Turnschuh RS-100, Puma, 220 Franken exclusive Versandkosten. Linktext
Von Jeroen van Rooijen
Technik ist Fortschritt. In diesem Sinn sind Turnschuhe, auch Sneakers genannt, das fortschrittlichste Kleidungsstück unserer Zeit. Denn während die Designermode in letzter Zeit gefallen gefunden hat an neokonservativen Posen, ist die technische Entwicklung in der Sportbekleidung weitergegangen. Sportschuhhersteller sind heute in der Lage, Schuhe von einer Komplexität zu bauen, von der man vor fünfzehn Jahren noch nicht zu träumen gewagt hätte.

Die im süddeutschen Herzogenaurach ansässige Firma Puma will ihr Know-how jetzt mit ihren Kunden teilen und gewährt deshalb mit dem «Mongolian Shoe Barbecue» einen ausführlichen Einblick in die Giftküche des Sneakers-Wesens. Das klingt bizarr, und beim ersten Hinsehen ist es das auch: Die Website, auf der man seinen eigenen Turnschuh «konfigurieren» kann, sieht aus wie ein asiatisches Grillbuffet, eben ein Mongolian Barbecue: mongolianshoebbq.puma.com.

Basis des Mongolian Shoe Barbecue ist der Laufschuh RS-100, der 1986 die Speerspitze des Turnschuhbaus war. Damals gewann Diego Armando Maradona (in Puma-Schuhen) mit Argentinien den Fussball-WM-Titel. Heute gilt der RS-100 als «retro».

Wer beim Mongolian Shoe Barbecue unsicher ist, welche Ingredienzien zusammenpassen, kann eine «Speisekarte» konsultieren, um die richtigen Kombinationen zu finden. Zuerst wählt man das Geschlecht, dann die Grösse. Mit langen Zangen greift sich der User aus der virtuellen Garküche darauf die Zutaten, die seinem Geschmack entsprechen, und zieht sie auf ein Tablett, wo der Schuh Stück für Stück zusammenkommt. Jede Zutat wird aus einem Schälchen gepickt, bis das Puzzle fertig ist. Grüne Sohle, orange Zunge, silberne Schuhbändel. Kein Problem.

Ist man mit der Auswahl der 23 Einzelteile durch, kann man sich den Schuh dreidimensional ansehen, bevor man sein «Menu» mit ein paar Klicks bezahlt und zum Grillbuffet bringt, wo das fertige Gericht in einen «Doggie Bag» gesteckt wird. Tatsächlich wird dabei die Bestellung an die Puma-Werkstätten geschickt. Wo diese sich befinden, verrät Puma nicht – wer nachfragt, hört nur, dass die Schuhe in den «üblichen» Produktionsstätten entstehen, wo auch die anderen Puma-Produkte genäht werden.

Nach fünf bis sieben Wochen wird der RS-100 dem User ins Haus geliefert. Kommt das Paar zu Hause an, kann man nur hoffen, dass es einem auch gefällt und sitzt: Die individuell gestalteten Schuhe können natürlich nicht umgetauscht werden.

Wem das Procedere auf der Website zu langwierig und mühsam ist, kann sich seinen persönlichen RS-100 auch in den Puma-Stores in Berlin und Paris zusammenstellen. Antonio Bertone, Brand- Management-Chef von Puma, hält dies für eine gute Möglichkeit, «die Bestandteile und Materialien kennenzulernen und sich kreativ einzubringen» – darüber hinaus schafft diese Art von spielerischer Interaktion bekanntlich eine hohe Kundenbindung. Neu ist die Idee indes nicht: Nike hatte mit «NikeID» etwas Ähnliches schon vor Puma im Programm.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.




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