SO ERFINDERISCH sich der Mensch mit seinem kämpferischen Gehabe wähnt, die Tiere haben fast alle Angriffs- und Verteidigungstechniken schon längst entwickelt. Da werfen Spinnen im Stile von Gladiatoren Netze über ein Opfer, da machen Schlangen mit Nervengift dem Gegner den Garaus. Und wer nicht auf offenen Angriff setzt, nimmt Zuflucht zu Täuschung und Tarnung, wie etwa der Wespenbock, ein harmloser Käfer, der mit seinem schwarzgelben Kleid eine gefährliche Wespe imitiert.
Gewisse Tiere brillieren als Schützen. Entwicklungsgeschichtlich uralt sind die Schiessvorrichtungen der Seeanemonen, Korallen und Quallen: Millimetergrosse Nesselzellen explodieren bei Fremdkontakt und schleudern ein harpunenähnliches Geschoss in die Haut des Opfers. Solche Projektile töten mit ihrem Gift kleine Tiere; grosse Quallen mit Tausenden von Nesselzellen verursachen auch bei Menschen schwere Verbrennungen und manchmal den Tod.
Schleudern die Quallen ihre Harpunen erst bei Körperkontakt, trifft der Schützenfisch seine Beute auf Distanz. Toxotes jaculator lebt in den Mangrovensümpfen Südostasiens. Sieht er ein verlockendes Insekt auf einem Blatt über der Wasseroberfläche, schwimmt er in eine Position direkt unterhalb der Beute und schiebt sein Maul knapp über die Wasseroberfläche. Was jetzt folgt, ist eine ballistische Meisterleistung. Der Schützenfisch drückt seine Zunge gegen eine lange, tiefe Rinne am Gaumendach und feuert mit kräftiger Kontraktion der Kiemendeckel einen Wasserstrahl mit solcher Wucht durch den biologischen Gewehrlauf, dass die Beute geradezu von der Unterlage gefegt wird und dem wartenden Schlund entgegentaumelt. Der nur etwa handgrosse Fisch trifft seine Beute noch auf zwei Meter.
Und sollte der erste Schuss danebengehen, korrigiert der Fisch den Abschusswinkel und trifft beim zweiten Versuch dann sicher. Dabei knallt er den Mundvoll Wasser dem Opfer nicht einfach als geballte Ladung auf den Körper. Die Zungenspitze als rasches Ventil nutzend, zerteilt er den Wasserstrahl in einen Hagel einzelner Tropfen oder erzeugt eine Serie längerer Strahlabschnitte. Mit der Zungenspitze steuert er auch die genaue Schussrichtung. Und als Ziel wählt er nicht den Körper des Opfers, sondern den Ort zwischen Insekt und Blattunterlage ? so wird es durch eine Flutwelle um seinen Halt gebracht.
Noch verblüffender ist die Schiesstechnik der Bombardierkäfer, einer in Afrika und Mittelamerika heimischen Unterfamilie der Laufkäfer. Sie haben das Prinzip der binären chemischen Kampfstoffe und den Raketenantrieb entwickelt, lange bevor der Homo sapiens auf den Gedanken kam. Der Käfer produziert in Nebenafterdrüsen Hydrochinone und Wasserstoffperoxid. Die beiden Chemikalien werden als Gemisch in einer grossen Kammer im Innern der Drüse gespeichert. Diese Vorratskammer ist dünnwandig und von starken Muskeln umgeben. Ein Ventil verbindet sie mit einer kleinen, dickwandigen äusseren Kammer ? dem Raketentriebwerk.
Fühlt sich der Käfer bedroht, presst er durch Muskelkontraktion eine Portion der chemischen Mischung in die kleine Kammer, wo oxidativ wirkende Enzyme warten und sofort mit den Chemikalien reagieren. Die Hydrochinone verwandeln sich explosionsartig in Benzochinone, stechend riechende und die Schleimhäute reizende «Kampfstoffe». Aus dem Wasserstoffperoxid aber wird Sauerstoff frei und treibt durch das Endventil der Drüse jetzt raketenartig das üble Zeug dem Störefried entgegen. So vermag das nur ein bis zwei Zentimeter grosse Tier seine Feinde bis auf einen halben Meter weit zu treffen ? wo immer sie auftauchen, denn der Käfer kann die Spitze des Hinterleibes wie einen Geschützturm rasch in jede Richtung drehen.
Selbst grosse Tiere spucken einen Bombardierkäfer umgehend wieder aus: Der Kampfstoff schmeckt nicht nur ätzend, sondern ist durch die Reaktion auch 100 Grad Celsius heiss geworden.
Vor wenigen Jahren hat eine Biologengruppe an der amerikanischen Cornell-Universität der Bombardierkäfergeschichte ein weiteres erstaunliches Kapitel angehängt. Man hatte schon früher bei solchem Käferfeuerwerk sowohl ein Sprühwölkchen gesehen als auch ein kurzes Paffen gehört. Durch Analysieren von Tonaufnahmen wollten die Forscher nun das Geschehen genauer kennenlernen. Als Versuchstierchen wählten sie Bombardierkäfer der Spezies Stenaptinus insignis aus Kenya. Die Überraschung nach der Feinanalyse des Explosionsgeräusches war perfekt. Denn ein zeitliches Auflösen des Knalls auf zehntausendstel Sekunden genau ergab nicht einen Einzelknall, sondern eine äusserst rasche Folge von etwa einem halben Dutzend Miniexplosionen. Filmaufnahmen mit 4000 Bildern pro Sekunde bestätigten den akustischen Befund: Der Bombardierkäfer bringt es fertig, seine Rakete mit der unglaublich raschen Wiederholungsrate von etwa 500 Explosionen pro Sekunde zu feuern.
Damit hat die Natur auch das Prinzip des Pulsstrahltriebwerkes vorweggenommen. Die deutschen Raketenpioniere entwickelten nach diesem Prinzip ihre fliegende Bombe V1, die ab 1944 den Engländern schlaflose Nächte bereitete.
Genau wie bei der V1 regelt sich auch das Triebwerk des Käfers automatisch: Je nach Druckdifferenz zwischen Vorratskammer und Reaktionskammer schliesst oder öffnet sich das Rückschlagventil zwischen den beiden Kammern und schickt die Chemikalien portionenweise zur Verbrennung. Dass solche Käfertechnik die effiziente Weiterentwicklung einer simpleren Variante ist, zeigt die primitivere Spezies Goniotropis nicaraguensis, die das heisse Quinon als ungepulsten Dauerstrahl versprüht. Dieser Dauerstrahl erreicht nämlich an der Austrittsöffnung eine Geschwindigkeit von lediglich etwa 2,5 Metern pro Sekunde, während das Pulsprinzip dank viel höherem Kammerdruck die Flüssigkeit mit etwa 12 Metern pro Sekunde und damit auf wesentlich grössere Distanz versprüht.
Bei Kanonen kann es Rohrkrepierer geben; Raketen können ihre Mannschaft ins Unglück reissen. Besteht auch bei biologischen Geschützen ein Betriebsrisiko? Unter den Termiten und Ameisen gibt es mehrere Arten, die sich mit klebriger Taktik wehren. So übernehmen bei den Nasutitermiten spezielle «Nasensoldaten» die Verteidigung des Volkes. Anstelle der bei Termiten üblichen kräftigen Kiefer tragen sie auf der Stirn eine grosse Drüse, die mit einem klebrigen Stoff gefüllt ist. Dringen nun fremde Ameisen in den Termitenbau, spritzen ihnen die Nasensoldaten den Klebstoff in feinem Strahl entgegen ? der Feind wird am Boden festgeleimt.
Bei der Ameisenart Camponotus saunderi produzieren die Soldaten zur Verteidigung ebenfalls einen klebrigen Stoff. Da ihre Kopfdrüse bis in den Hinterleib erweitert ist, verfügen sie über einen gewaltigen Klebstoffvorrat. Im Ernstfall stellt sich der Soldat vor den Angreifer und presst den Hinterleib mit voller Kraft zusammen ? bis die weichen Hautbrücken zwischen den Körpersegmenten bersten und der gesamte Klebstoff den Gegner explosionsartig trifft.
Der Soldat aber ist bei seinem Kamikaze-Einsatz förmlich zerplatzt. Ein Rohrkrepierer der Natur? Wohl kaum. Würde man ausrechnen, welche Anteile seines persönlichen genetischen Inventars der Kriegsheld mit den Verwandten gemeinsam hatte, die durch seinen Opfertod gerettet wurden, zeigte sich, dass sich der Tod für die Gene des Helden lohnte. «Altruismus» im Tierreich ist immer genetischer Egoismus.