Vier Tonnen Weizen oder acht Tonnen Roggen; acht fette Schweine oder zwölf fette Schafe; zwei grosse Fässer Wein oder vier Fässer Bier; zwei Fass Butter oder tausend Pfund Käse: Damit wurde 1625 in Holland eine geflammte Tulpenblüte aufgewogen, eine rare Spezialität, deren Schönheit niederländische Meister auf ihren Blumenbildern festgehalten haben. Niemand konnte damals ahnen, dass die geheimnisvolle Zeichnung Ausdruck einer Krankheit, das Werk eines Virus war, des Tulpenmosaik-Virus.
Ein paar Jahrzehnte später erst öffnete ein Krämer aus Delft, der in seiner Freizeit leidenschaftlich Linsen schliff, die Tür zum Mikrokosmos. Anton van Leeuwenhoek war ein Entdecker, der nicht über die Meere zu fahren brauchte. In einem Wassertropfen fand er mit seinem Mikroskop eine neue Welt: das Reich der Bakterien und Einzeller. Bis die noch viel kleineren Viren nachgewiesen werden konnten, vergingen über zweihundert Jahre. Und als dies dem Russen Dimitri Iwanowski 1892 beim Tabakmosaik-Virus gelang, sah er den Erreger nicht. Dazu bedurfte es des Elektronenmikroskops, das erst 1933 erfunden wurde.
Seither haben Mikrobiologie und Virologie eine Fülle von Wissen über Mikroorganismen gesammelt. Wir wissen, dass wir ohne sie nicht leben könnten - unendlich vielfältig sind ihre Aufgaben im Stoffkreislauf der Natur -, wir wissen auch, dass sie uns auf grausame Weise töten. Ob Pocken oder Pest in der Vergangenheit, ob Aids, Cholera oder die Schlafkrankheit heute: Seuchen raffen Millionen von Menschen dahin, und die Medizin hat ihre Siegesgewissheit längst verloren. Die als Wundermittel gefeierten Antibiotika verlieren ihre Wirksamkeit, resistente Bakterienstämme breiten sich aus, immer raffinierter mutierende Viren erschweren die Entwicklung von Impfstoffen.
Wohin das führen wird? Fest steht nur, dass in unserer sich schnell verändernden Umwelt Mikroorganismen keine Mühe haben, sich anzupassen. Ganz im Gegensatz zum Menschen, dessen Überleben, so der Medizin-Nobelpreisträger Joshua Lederberg, in der Evolution nicht vorgesehen ist. Mikroben haben die Erde viele Millionen Jahre vor uns bevölkert. Sie werden es auch nach uns noch tun.