«KRÄHT DER HAHN auf dem Mist, ändert das Wetter - oder bleibt, wie es ist.» Der Spruch macht deutlich, was man von Bauernregeln halten mag. In seiner traditionellen Form lautet der zweite Teil jedoch: «. . . kräht er auf dem Hühnerhaus, hält das Wetter die Woche aus.»
Unsinn? Der Berliner Meteorologe Horst Malberg sucht in seinem Buch «Bauernregeln» nach wissenschaftlichen Fakten, um doch den einen oder andern Wetterspruch zu bestätigen. So könnten Hahn und Hühner vorzugsweise bei hoher Luftfeuchtigkeit auf dem Misthaufen tätig sein, weil sich dann Würmer und Käfer nahe der Oberfläche tummeln, während bei stabiler Hochdrucklage die oberen Mistschichten ausgetrocknet sind und deshalb für das Federvieh nicht viel zu holen ist. Eine meteorologische Erklärung gibt es auch für das Schönwetterversprechen hochfliegender Schwalben: Bei sonnigem Hochdruckwetter steigen vom warmen Boden grosse Luftblasen empor und tragen Insekten in die Höhe. Eine labile Tiefdrucklage aber hält die Insekten eher in Bodennähe - die Schwalben fliegen tief, und die Fische springen.
Für Malberg ist die ausgeprägte Wetterfühligkeit vieler Tiere nicht weiter verwunderlich. Denn insbesondere freilebende Tiere müssen selbst feinste Veränderungen in ihrer Umwelt frühzeitig wahrnehmen können - um Nahrung zu finden, Fernreisen zu organisieren, rechtzeitig lebensbedrohende Gefahren zu erkennen oder amouröse Chancen aufzuspüren. Das hochempfindliche Nervensystem mancher Tiere reagiert deshalb vermutlich auch auf verschiedene physikalische Parameter der Meteorologie: geringe und schnelle Schwankungen des Luftdrucks oder der Strahlung, Änderungen der Feuchtigkeit oder der Temperatur, Fluktuationen im luftelektrischen Feld. Sogar wir Menschen haben, trotz fortgeschrittener «Stumpfsinnigkeit», noch immer Reste des animalischen Umweltfühlens bewahrt - und sei es nur in Form einer Migräne bei Föhn.
Ist für den Meteorologen also durchaus plausibel, dass Tiere Wetterereignisse Stunden oder auch Tage voraus erkennen können, hält er von angeblich langfristigen prognostischen Fähigkeiten nicht viel. So sieht Malberg für Sprüche wie «Sind die Maulwurfhügel hoch im Garten, ist ein strenger Winter zu erwarten» keinerlei faktische Berechtigung. Anderes aber wie etwa «Bleiben die Schwalben lange, sei vor dem Winter nicht bange» sei insofern trivial, als die Schwalben im Herbst fortziehen, nachdem die ersten Kaltlufteinbrüche erfolgt sind, also ein früher oder später Winteranfang bereits offensichtlich ist.
Wie enorm reichhaltig die meteorologische Volksweisheit ist, hat Albert Hauser 1973 mit seiner schweizerischen Sammlung von Bauernregeln gezeigt. Das inzwischen leider vergriffene Buch zitiert nicht weniger als 421 Beispiele von Tieren als Wetterpropheten. Das Spektrum reicht vom «So die sonn haiss thut stechen, die küe pipsen und prummen, alsbald thun die pauren sprechen: es wirt gwiss ain regen kummen!» aus einem Wetterbüchlein von 1505 bis zum «Wenn im Mai die Bienen schwärmen, so soll man vor Freude lärmen» eines kürzlich befragten Hallauer Landwirtes. Oder schön poetisch: «Mückentanz - Morgenglanz» (Lungern, Obwalden), und eher prosaisch: «Stinken die Schweine, so gibt es Regen» (Wünnewil, Freiburg).
Auch Hauser unterzieht den - tatsächlichen oder vermeintlichen - Erfahrungsschatz einer kritischen Sichtung. Dass gewisse Tiere bei heranziehendem Wetterumsturz unverzüglich reagieren, ist nicht erstaunlich: «Steigen die Gemsen herab, wird das Wetter schlecht.» Oder die Bauernregel widerspiegelt eine physiologische Tatsache. Schnecken und andere Weichtiere zum Beispiel können sich keine grösseren Wasserverluste leisten und verlassen deshalb ihre Verstecke nur bei feuchter Witterung. Der Spruch «Kriechen die Schnecken aus dem Heu, gibt es Regen» müsste also lauten: «Kriechen die Schnecken aus dem Heu, so regnet es.»
Dort aber, wo das Tierverhalten eng an eine bestimmte Jahreszeit geknüpft ist, hält die meteorologische Volksweisheit der Kritik oft nicht stand. Hauser zitiert die vielen Beispiele, die sich auf das Erscheinen des Kuckucks oder der ersten Schwalben im Frühjahr beziehen. Er belegt, dass diese Ankunftszeiten von Jahr zu Jahr höchstens um wenige Tage variieren, weshalb Stare und Schwalben keine zuverlässigen Frühlingsverkünder sein können. Wirklichkeitsnah ist hingegen der Spruch: «Der Guckus chund den nöunte Abril, si der Früelig wa er wil» (Graubünden, 19. Jahrhundert).
Anders die Bienen, Ameisen und Spinnen. Ihr Leben ist äusserst klima- und wetterexponiert, weshalb ein frühzeitiges Erkennen meteorologischer Trends zur Existenzfrage wird. «Wenn Spinnen im Regen spinnen, wird es nicht lange rinnen» dürfte echte animalische Wetterfühligkeit wiedergeben.
Ihrem Ruf als Wetterpropheten jedoch nicht gerecht werden die Frösche und Kröten. So stellte Hans Heusser in einer Untersuchung fest, dass das Wandern der Erdkröte auf eine Sollzeit fixiert ist, die sich selbst in meteorologischen Ausnahmesituationen durchsetzt. Und auch das Wandern der Frösche sowie ihr Quaken sind nicht wetterbedingt, sondern hängen unmittelbar mit dem Fortpflanzungstrieb zusammen.
Tiere sind im Volksglauben nicht nur Wetterpropheten, sie warnen uns Menschen auch vor Naturkatastrophen. So am 11. September 1881 in Elm im Glarnerland, als grosse Teile des Tschingelberges zu Tal fuhren. Dabei wurden 79 Erwachsene und 37 Kinder «wie ein Insekt zerrieben, auf das wir treten und mit dem Schuh schleifen», schilderte der Geologe Albert Heim die Tragödie. Noch Tage nach dem Bergsturz suchten herrenlos gewordene Katzen und Hühner den Rand des mächtigen Schutthaufens ab - sie waren der Katastrophe rechtzeitig entflohen. Heim meinte: «Tiere sind für Vorzeichen oft empfindlicher als die Menschen. Es mag das daher kommen, dass sie mit dem Erdboden mehr in Verbindung sind. Der viel feinhörigere Hund liegt mit dem Ohr unmittelbar am Boden, während uns Gebäude, Bettstatt, Matratze und Kissen davon trennen.»
Der Naturforscher brauchte im Fall der Katastrophe von Elm allerdings nicht lange nach Ursachen zu suchen. Denn die Elmer hatten ihr Schicksal geradezu herausgefordert, indem sie jahrzehntelang am Berg im offenen Tagbau Schiefer abbauten ohne jegliche Sicherung der immer grösser werdenden Felswunde. Deshalb zeigten sich schon Jahre vor der Katastrophe im Fels über dem Schieferbruch metergrosse Spalten. Und der Schrecken kündigte sich dann bereits Tage vorher durch herunterpolterndes Gestein an. Albert Heim kam schliesslich zur Erkenntnis, «dass das Tier einem unangenehmen ungewöhnlichen Gefühle sofort ehrlich glaubt und gehorcht, während der stumpfere und kompliziertere Mensch weniger spürt und stets Ausredegedanken bereit hat, um sich selbst zu beschwichtigen».
Können Tiere aber Naturkatastrophen vorzeitig wahrnehmen, wo es selbst für den aufmerksamen Mensch keinerlei Warnsignale gibt? Im Falle von Erdbeben wird dies immer wieder behauptet. Besonders in den siebziger Jahren waren zahlreiche Beispiele aus China zu hören, wo sich Fische, Schlangen, Vögel, Ratten, Schweine und Pferde Stunden bis Tage vor einem Erdbeben «ungewöhnlich» verhalten haben sollen.
So sei die erfolgreiche Vorhersage des Haicheng-Erdbebens vom 4. Februar 1975 nicht zuletzt dem abnormen Verhalten Dutzender Schlangen zu verdanken gewesen, die schon Wochen vor dem Beben ihren Winterschlaf abbrachen und schliesslich auf der Erde erfroren aufgefunden wurden. Die chinesischen Behörden ermunterten deshalb die Leute, ungewöhnliches Verhalten ihrer Haustiere unverzüglich zu melden. Leider waren dann die bei Erdbeben sehr zahlreich in den seismologischen Stationen eintreffenden Hinweise insofern wenig hilfreich, als die Leute ihre ungewöhnlichen Tierbeobachtungen fast immer erst nach dem geologischen Ereignis entsprechend interpretierten und mitteilten. Eine Erdbebenwarnung ist aber nur möglich, wenn sich mit einiger Sicherheit unterscheiden lässt, ob Tiere in der Tat auf ungewöhnliche geophysikalische Signale reagieren oder lediglich etwa eines aufziehendes Gewitters wegen oder aus sexuellem Tatendrang durch die Gegend rasen.
In China, aber auch in Japan und in den USA hat man schliesslich in grösseren Forschungsprojekten versucht herauszufinden, ob Tiere auf Mikro-vibrationen, auf kleine Änderungen der Temperatur oder der elektromagnetischen Felder sowie auf Spuren von Gasen reagieren, wie sie vor Erdbeben auftreten können. Alle Experimente verliefen negativ. Die Fachleute kamen zum Schluss, die Eignung von Tieren zur Erdbebenvorhersage sei «naturwissenschaftlich nicht nachprüfbar».
Trotzdem sind die Beobachtungen aus aller Welt von höchst ungewöhnlichem Tierverhalten in den Stunden vor einem Erdbeben äusserst zahlreich; sie stammen nicht selten von Leuten, welche die Marotten ihrer Viecher bestens kennen. Und da unbestritten ist, dass gewisse Tiere auf Geräusche, elektrische und magnetische Felder oder Geruchsstoffe extrem empfindlich reagieren - weshalb sollte die sensorische Feinfühligkeit dem Tier nicht auch zum Schutz vor lebensbedrohendem geologischem Geschehen dienen?