NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Naturparfums

© Illustration: Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Es gibt in der Parfumerie vier Bereiche: Normal-, Nischen-, Sammler- und Naturparfums. Normal ist, was Sie überall finden; Nischenparfums sind solche, von denen Sie glauben, dass andere sie nicht finden; Sammlerparfums finden Sie nur, wenn Sie wissen, wonach Sie suchen. Aber wo finden Sie Naturparfums? Im Naturheilladen, neben den Salzkristalllampen. Dort steht eine Palette von Duftölen, darunter Pflanzenextrakte, die einst nur Parfumeuren zur Verfügung standen.

Die sechs grossen Parfumfirmen dieser Welt sind Hersteller von Duftchemikalien. Sie wollen den Anteil natürlicher Rohstoffe gering halten – wegen der Preis- und Qualitätsschwankungen. Wie gering, wurde in den letzten fünf Jahren offenbar: Die Kosten für die Herstellung eines «edlen Dufts» sind um fünfzig Prozent gesunken, die Qualität um neunzig. Jedes Jahr werden 500 neue Parfums lanciert, aber nur ein Dutzend sind es wert, dass Sie zweimal daran riechen.

Die Nachfrage bewegte die Aromatherapeuten, sich selbst an die Komposition von Düften zu wagen. Unnötig zu erwähnen, dass ihre Kreationen stets wohltuend und heilsam sind. Diese Vermarktungsstrategie ist nicht verwerflicher als das übliche «Wenn Sie diesen Duft tragen, wird Ihnen jeder Mann / jede Frau verfallen», und natürlich lässt sie sich genauso leicht widerlegen. Aber wie auch immer es um die Heilkräfte bestellt sein mag: Was taugt das Aroma? Kürzlich erhielt ich eine Auswahlsendung amerikanischer Naturparfums. Einige waren schlicht ungeniessbar. Einige waren Imitationen altbekannter Themen – geklaute Rezepturen, diesmal gemischt aus natürlichen Stoffen. Einige waren überhaupt nicht natürlich, sondern entweder bewusst gefälscht oder aus Versehen.

Aber eine kleine Anzahl Proben roch überraschend neu und gut. Ich war immer der Ansicht, dass die Parfumerie eher als virtuelle Cuisine zu betrachten ist denn als Pornographie für die Nase, und diese Düfte bestätigten es. Die Naturparfumerie wartet noch auf ihren Guerlain, der diesmal nicht mit Vanille, sondern mit irgendeinem Kraut, von dem ausserhalb der Provinz Sichuan nie jemand gehört hat, bewaffnet sein wird.

Aber sind diese Essenzen nicht alle längst ausprobiert worden, bevor die moderne Chemie auf den Plan trat? Erstaunlicherweise nicht. Die Kunst der Naturparfumerie wurde nur in einer Handvoll Kulturen ausgeübt und beschränkte sich auf wenige traditionelle Zutaten. Neue Extraktionsverfahren und der Welthandel haben uns inzwischen eine beispiellose Palette an Riechstoffen beschert. Die Naturparfumeure behaupten von sich, dass sie sich nicht um die Grundsätze der klassischen Parfumerie scheren. Falls ihre Kunst die EU-Gesetzgebung und die New-Age-Scharlatanerie überlebt, könnte diese Verheissung womöglich sogar Früchte tragen. 




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