NZZ Folio 06/97 - Thema: Im Herzen Afrikas   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Wer sägt denn heute noch Laub?

Von Joni Müller

TRAURIG, ABER WAHR: das Laubsägen ist aus der Mode gekommen und sogar vom Aussterben bedroht. Früher war es neben dem Herstellen von Papiermodellen von Burgen und römischen Villen Hauptbeschäftigung und Lebensinhalt eifriger Primarschüler. Doch selbst gestandene Männer, so sie nicht dem beglückenden Radiobasteln oder dem lehrreichen Briefmarkensammeln frönten, griffen nicht selten zur Laubsäge und machten allerlei Schönes aus Sperrholz.

Der Niedergang des Laubsägens ist, so paradox es tönt, vor allem auf den Heimwerkerboom der letzten Jahrzehnte zurückzuführen. Irgendwann, wohl in den siebziger Jahren, mutierte nämlich der Bastler zum Heimwerker und nahm sich fortan furchtbar ernst. Er begnügte sich nicht mehr länger damit, für herzige Kinder herzige Puppenstuben zu basteln, sondern rüstete gnadenlos auf.

Die Laub- wurde durch die Kreis-, Stich- und Bandsäge ersetzt, und statt des Handbohrers wurde plötzlich die Bohrmaschine nötig, dann die Schlagbohrmaschine und schliesslich der Bohrhammer. Um die immer martialischeren Geräte zu rechtfertigen, mussten mit den Männern auch die Werkstoffe immer härter werden; zum Holz kam der Stein, der Stahl, der Beton. Das Heimwerken begann seinem Namen gerecht zu werden, denn je länger, je mehr wurden ganze Heime gewerkt. Plättli legen, Duschtassen setzen, Dachstöcke isolieren oder Mauern mauern - vor nichts schreckt der wahre Bricoleur zurück, kein Handwerk ist ihm heilig.

Beim Laubsägen ging's noch um Zeitvertreib und darum, etwas herzustellen, das es nirgends zu kaufen gab. Der Heimwerker dagegen strebt nach Perfektion und Universalität. Er will in jeder Disziplin so gut sein wie der Profi, was er vorab mit seinem professionellen Maschinenpark beweist. Und weil's zum Laubsägen kaum mehr als eine Laubsäge braucht, gibt sich kein rechter Mann mehr mit solchen Kindereien ab. Die Kinder wollen auch nicht mehr, und Frauen sind fürs Laubsägen einfach nicht geschaffen. Weshalb sich die wehmütige Frage stellt: Wer sägt wohl morgen noch Laub?


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